Kultur : Die fliegende Kuh

Das Festival „Theater der Dinge“ lässt Objekte lebendig werden

Katharina Schäfer

Es ist still im Zuschauerraum, kein Husten, kein Rascheln, nur das Trappeln von Füßen auf dem Bühnenboden ist zu hören. Dann bewegt sich ein Pärchen auf die Bühne, schwingend, tanzend zu ungarischer Roma-Musik. Zwei Menschen auf der Suche nach dem Sinn des Daseins. Er führt seine Kriege, sie bleibt wartend zurück. Die ganze Welt spielt sich auf dieser Bühne ab, denn – so erfahren wir – unsere Wirklichkeit hängt immer von dem Blickwinkel ab, aus der wir sie betrachten. Die Welt ist groß wie ein Meer im Stück „Nachtwandler“ von Gyula Molnar (Italien), oder so klein wie ein Stecknadelkopf.

Die Belebung von unbelebtem Material, also das Einbeziehen von Gegenständen in das Bühnengeschehen, ist das Grundprinzip des Objekttheaters. Stühle, Tische, Puppen, Kleidungsstücke fungieren nicht mehr nur als Hilfsmittel. Sie werden selbst zu Protagonisten, bekommen eine Funktion, eine Seele. Das Festival „Theater der Dinge“, ausgerichtet von der Schaubude zu deren zehnjährigem Bestehen, soll das im Berliner Raum eher unbekannte Objekttheater nun einem breiteren Publikum nahe bringen. 25 Compagnien aus verschiedenen Ländern sind bei dem Festival noch bis 22. Mai mit ihren Beiträgen zu sehen.

Ein ideales Feld zum Experimentieren, denn auf der Bühne agieren nun nicht mehr nur Schauspieler, jedes Requisit bietet ungeahnte Möglichkeiten. Einfallslosigkeit im Umgang mit den „Dingen“ kann man Regisseurin Francesca Bettini mit „Nachtwandler“ gewiss nicht vorwerfen: So lassen zwei Paar Schuhe ein ganzes Pferdegespann lebendig werden, ein Tisch wird gleichzeitig zum Karren und zum Bett, eine alte Schreibmaschine zur Nähmaschine und zum Akkordeon.

Immer wieder kommt man – trotz aller Sinnsuche und Ernsthaftigkeit – um ein Schmunzeln nicht herum. Wenn beispielsweise der Revolutionär auf einer Espresso- Tasse balanciert und strahlend ins Publikum seufzt „Jetzt bin ich glücklich“, ein kokett entblößtes Frauenbein sich plötzlich zum Besen wandelt oder die Geliebte wortwörtlich festgenagelt wird. Eine fliegende Kuh und die fast schwebenden Posen der beiden Darsteller erinnern an die fantastischen Bilderwelten eines Marc Chagall, Anklänge an Dada und Surrealismus sind offensichtlich. Das Stück lebt von der Interaktion und Spielfreude von Gyula Molnar und Anette Scheibler und führt den Betrachter ein in die Beziehung eines Paares mit unterschiedlichen Vorstellungen, Ansprüchen, Träumen. Kennen sie sich? Lieben sie sich? Was ist der Sinn des Daseins? Was macht den Menschen aus? Die „Nachtwandler“ eröffnen einen Blick auf existenzielle Fragen menschlichen Lebens. Was den Menschen letztlich ausmacht, muss jeder Einzelne selbst herausfinden. Am Ende des Stückes ziehen sie weiter mit ihrem Karren. Wohin ist ungewiss.

Festival „Theater der Dinge“ noch bis 22. Mai. Spielorte und Termine unter www.theater-der-dinge.de oder unter 030/423 43 14 .

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