Kultur : Die Fotografin war für ihre Arbeiten aus dem "Bauhaus"-Umfeld bekannt

Ulrich Merkel

Am 24. Dezember starb - wie erst jetzt bekannt wurde - in Buenos Aires die Fotografin Grete Stern im Alter von 96 Jahren. Grete Stern, die sich selbst eine "argentinische Fotografin" nannte, ist in Deutschland im Wesentlichen durch ihre seinerzeit bahnbrechenden und heute immer noch reizvollen Arbeiten aus dem Umfeld des Bauhauses bekannt. Das Folkwang-Museum in Essen widmete noch 1993 ihren von 1929 bis 1935 in Berlin und im Londoner Exil entstandenen Arbeiten eine große Ausstellung, die anschließend auch in Berlin im Bauhaus-Archiv zu sehen war.

Grete Stern wurde 1904 in Wuppertal-Elberfeld in einer Familie von Textilfabrikanten geboren. Von 1923 bis 1925 studierte sie an der Kunstgewerbeschule in Stuttgart Grafik, Zeichnen und Typografie und arbeitete anschließend als Fotografin und Designerin in einer Werbeagentur in Berlin. 1927 begann, gemeinsam mit Ellen Auerbach, eine intensive Zusammenarbeit mit Walter Peterhans, der am Dessauer Bauhaus Fotografie unterrichtete und ihr späteres Schaffen entscheidend prägte. Zusammen mit Ellen Auerbach gründete sie 1929 in Berlin das Fotoatelier "ringl + pit", dessen Arbeiten in Berlin und darüber hinaus Furore machten; so gewann sie beim Internationalen Wettbewerb der Fotografie 1933 in Brüssel den ersten Preis für Werbeplakate. In den letzten fiebrigen Berliner Jahren vor der Machtergreifung der Nazis lernte Grete Stern neben anderen auch Bertolt Brecht und Helene Weigel kennen, von denen im Londoner Exil einige ihrer besten Porträtaufnahmen entstanden.

1935 heiratete sie in London den argentinischen Fotografen Horacio Coppola, mit dem sie im gleichen Jahr nach Buenos Aires auswanderte, wo sie sich durch ihre für das damalige Argentinien revolutionäre Ästhetik ihrer Fotomontagen, inszenierten Porträts und Werbefotos bald einen Namen machte. 1975 wurde durch eine Ausstellung ihrer in Lateinamerika entstandenen Porträtaufnahmen im Berliner Bauhaus-Archiv und anderen Städten der Bundesrepublik Grete Stern in Deutschland wiederentdeckt. Das Goethe-Institut Buenos Aires regte schließlich 1995 eine repräsentative Gesamtschau ihrer von 1936 bis 1985 in Argentinien entstandenen Arbeiten an, die mit großem Erfolg in einigen Ländern des Kontinents und 1997 auch in Deutschland gezeigt wurde: eine Fotografie des sorgfältig inszenierten Umgangs mit Gesichtern, mit Dingen, mit Landschaften, mit Träumen - niemals von Bewegungen, niemals als Schnappschuss, niemals als fotografisches fast-food. Eine Fotografie vielleicht nicht mehr von der revolutionären Kraft der frühen Berliner Jahre, wohl aber von großer Sensibilität und poetischer, darum zeitloser Kraft.

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