Kultur : Die Frau an seiner Seite

ULRICH CLEWING

Diese Ehe war ein Skandal.Die Angetrauten wurden geschmäht und aller möglicher Sünden für schuldig befunden.Die Frau bezichtigte man der Hurerei, den Mann der Geilheit und etlicher anderer, weit schlimmerer Vergehen.Obwohl die Trauung von Martin Luther und Katharina von Bora im engsten Familienkreis stattfand, verbreitete sich die Nachricht bald wie ein Lauffeuer durch ganz Europa.Daß ein Priester heiraten würde und noch dazu eine ehemalige Nonne, das war schlicht undenkbar.

Den 500.Geburtstag Katharina von Borasnimmt nun die Stiftung Luthergedenkstätten in Wittenberg als Anlaß, das Leben der Luther-Gattin zum Thema einer Sonderausstellung zu machen.Ein nicht unproblematisches Unterfangen: So prominent die Geehrte auch sein mag, so gering ist ihre Hinterlassenschaft.Schon ihre Herkunft liegt weitgehend im dunklen.Bekannt ist lediglich, daß sie aus dem niederen sächsischen Landadel stammte und von ihren Eltern im zarten Alter von neun Jahren in ein Kloster geschickt wurde - nicht zuletzt, um ihre Versorgung zu sichern.Auch über die Hintergründe ihrer Flucht 1523 nach Wittenberg - angeblich kam sie in einem Heringsfaß versteckt in die Universitätsstadt - weiß man kaum etwas.Eigene schriftliche Äußerungen Katharina von Boras sind nicht überliefert, obwohl sie der Schreibkunst offenbar durchaus mächtig war.

Die Ausstellungsmacher behelfen sich damit, daß sie Gegenstände und Dokumente aus dem zeitlichen Umfeld präsentieren, darunter in einer Art Inszenierung im Keller der Luther-Gedenkstätten "Katharinas Küche".Ferner sind natürlich Erstausgaben von Luthers Schriften ausgestellt, aber auch Kuriosa: So etwa der Prunkharnisch, den Caspar von Haugwitz, ein vermuteter entfernter Verwandter Katharinas, getragen haben dürfte, wie es arg spekulativ in der dazugehörigen Erklärung heißt.Wenig erhellend auch Stücke wie der Rosenkranz, der sich möglicherweise in Katharinas Besitz befand, oder der in die erste Hälfte des 15.Jahrhunderts datierte, aus Sandstein gehauene Kopf eines schlafenden Jüngers aus dem Kloster Marienthron in Nimbschen, jenem Stift, in dem rund hundert Jahre später Katharina untergebracht war.Immerhin erhalten Besucher der Schau eine Vorstellung, wie Luthers Frau ausgesehen hat.Eindrucksvolle acht Exemplare des berühmten, in der Werkstatt Lucas Cranachs gefertigten Porträts der Katharina sind derzeit in Wittenberg ausgestellt.

So kommt, was kommen muß.Obgleich die Ausstellung mehr zeigen will als die "Frau an Luthers Seite", tut sie doch vor allem genau dies.Sicher, Katharina führte Luthers Haushalt im zur Herberge ausgebauten ehemaligen Schwarzen Kloster so erfolgreich, daß der Reformator in Wittenberg als wohlhabender Mann galt.Interessant ist auch der Hinweis, daß Katharina nach Luthers Tod 1546 nur noch selten öffentlich in Erscheinung trat, läßt man einmal die bis weit ins 18.Jahrhundert verbreiteten Karikaturen der Gegenreformation außer acht.Über ihre Person indes ist damit nicht viel gesagt.

Dies ist umso bedauerlicher, als sich die Organisatoren der Schau ambitionierte Ziele gesteckt haben.Demnach sei Katharina von Bora eine jener starken Frauen gewesen, welche die Emanzipation des 20.Jahrhunderts vorweggenommen hätten; eine Gleichberechtigte im Lebensverbund mit Martin Luther, sofern man Gleichberechtigung so versteht, daß beide nicht "dasselbe taten, sondern jeder das ihm gemäße".Der Mann denkt, die Frau schmeißt den häuslichen Laden, das ist dann doch ein beinahe ärgerliches Klischee.

Dabei gab es damals sehr wohl Frauen, die diesem Bild nicht entsprachen, zum Beispiel die Straßburgerin Katharina Zell, Ursula Weide aus Eisenberg oder die bayerische Adlige Argula von Grumbach.Sie alle drei verfaßten theologische Streitschriften, namentlich Argula von Grumbach schrieb 1524 das prolutherische Pamphlet "Wie eine christliche Frau von Adel ...", weil "die Männer als Schriftsteller versagten".Ihnen ist in dieser Ausstellung nur eine Fußnote gewidmet.Schade, denn schon die spärliche Erwähnung allein erscheint ungleich faszinierender als das, was man in Wittenberg über die Katharina von Bora herausgefunden zu haben glaubt.

Lutherhalle Wittenberg, bis 14.November.Katalog 39 Mark, Broschüre 13 Mark.

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