Kultur : Die Frau des Paten

Bernardo Provenzano versteckte sich 43 Jahre lang vor der Polizei. Ohne seine Frau hätte der sizilianische Mafiaboss das nicht geschafft. Die Geschichte einer funktionierenden Beziehung.

Clare Longrigg,Barbara McMahon

Liebling, bitte schick’ mir nicht noch mehr Pasta al forno. Aber ich hätte gerne etwas Käse, wenn du es möglich machen kannst.“ Der Schriftverkehr zwischen Mann und Frau verrät nur wenig über die außergewöhnliche Geschichte des Paares. Die Identität des Absenders wurde vor kurzem festgestellt: Es handelt sich um Bernardo Provenzano – den berüchtigten Mafiaboss, der 43 Jahre von der Polizei gejagt wurde.

Provenzanos Leben hat sich zuletzt in einem ziemlich verwahrlosten Versteck abgespielt, vollkommen unberührt von dem Reichtum, den er besessen hat. Die Zurückgezogenheit von der Gesellschaft, die er terrorisierte, wurde schließlich sein Unglück. Die Päckchen der Frau wiesen seinen Verfolgern den Weg zu Provenzanos Versteck.

Guiseppe Gualtieri, der Chef des Sondereinsatzkommandos, das Provenzano verhaften konnte, hat herausgefunden, dass Provenzanos Frau Saveria Benedetta Palazzolo ihm einmal pro Woche einen Liebesbrief schrieb. Dazu gebrauchte sie jedoch nicht die italienische Post, sondern das hoch komplizierte „Briefträger“-System ihres Gatten. Und Zu Binnu oder Uncle Bernie – so die Decknamen Provenzanos – antwortete auf den inzwischen berühmt gewordenen „Pizzini“, zerknitterten Zettelchen also, die er mit seiner Schreibmaschine beschrieben hatte und die seine Mittelsmänner so unauffällig in der Hosentasche verstecken konnten wie ein Papiertaschentuch. „Er hat nie Mobiltelefone benutzt, aus Angst, er könnte abgehört werden“, sagte Gualtieri. „Er misstraute technischen Geräten. Alles, was er besaß, war ein winziger Schwarz-Weiß-Fernseher.“

Seine Frau schickte ihm Päckchen, indem sie einen seiner von ihm als vertrauenswürdig eingestuften „Postboten“ alarmierte. Dieser führte den heiklen Auftrag aus, indem er immer neue Vertrauensmänner mit dem Weitertransport beauftragte. So dauerte es im Schnitt zwei bis drei Tage bis das Päckchen über schmale Landstraßen zu dem Versteck des Paten gelangte. Frau Palazzolos Anruf und das verdächtige Verhalten des Kuriers, der gerade ihr Haus verließ, offenbarten der Polizei, dass eine neue Sendung zum „Geist von Corleone“ gebracht werden soll.

„Wir waren viele Male sehr nah dran“, sagt die Beamtin Marzia Sabella. „Ehrlich gesagt waren wir skeptisch, dass wir ihn dieses Mal schnappen würden. Nachdem wir ihn aufgreifen konnten, haben wir entdeckt, dass er vorhatte, schon wieder umzuziehen.“

Provenzano wusste, dass der Kreis seiner Vertrauten immer kleiner wurde: Im November 2004 wurde ein mutmaßlicher Spionagering gesprengt, der in den Büros der Mafia-Ankläger operierte. Im Januar 2005 hat sich Francesco Pastoia, einer von Provenzanos engsten Gefolgsmännern und Mittler zwischen weiteren Mafiabossen, in seiner Zelle erhängt. Doch als die Polizei Provenzanos klägliches Versteck stürmte, drohte der 72-Jährige angeblich trotzig: „Ihr macht einen großen Fehler.“

Die Beamten haben damit begonnen, Dutzende von Provenzanos „Pizzini“ zu untersuchen. Sie suchten nach Hinweisen auf die Männer, die dem Boss geholfen haben. „Der Inhalt der Nachrichten war zum größten Teil banal. Es ging um praktische Dinge, Familienangelegenheiten“, sagte Sabella. „Er bat seine Frau um Essen, Käse und Kaffee; sie klagte über Beinschmerzen, wegen der sie zu Hause bleiben musste; in einem anderen Briefchen bemitleidete er seine Frau, weil sie eine Erkältung hatte. Die beiden haben auch Notizen über die für Mai in Corleone anberaumte Hochzeit ihres Sohnes Angelo ausgetauscht.“

Obwohl sie getrennt voneinander leben mussten, hatte das Paar offensichtlich eine leidenschaftliche Beziehung. Viele von Saverias Briefchen beginnen mit „Mein Allerliebster“ und enden mit „Ich werde dich immer lieben“.

Die Notizen, die er seinen Komplizen geschickt hat, behandeln finanzielle und geschäftliche Fragen. Der Kopf der Cosa Nostra war ein penibler Protokollant: In seinen Aufzeichnungen verwaltete er seine Hintermänner mit Hilfe von Nummern – sie reichten bis 163. Sich selbst listete er als Nummer eins auf, und so verstand er sich wohl auch. Das geheime Pizzini-Archiv ist für die Polizei ein wertvoller Schatz, der Hinweise auf Provenzanos Netzwerk enthält – Verbündete, Geschäftsfreunde und Politiker. Es sind Männer, die ihn während seiner 43 Jahre andauernden Flucht immer wieder geschützt haben.

Obwohl nur Provenzano die Namen hinter den Nummern kennt, haben die Ermittler ihre Arbeit aufgenommen, um die Männer zu identifizieren.

„Viele der Aufzeichnungen handeln vom Streitschlichten zwischen den Mafiosi“, berichtet Frau Sabella. Anders als Provenzanos Amtsvorgänger, der blutige Kriegstreiber Toto Riina, war Provenzanos Führungsstil fast friedlich: Er glaubte, je versteckter die Organisation arbeite, desto besser würden die Geschäfte klappen.

Als Provenzano und Riina noch jung waren und Waffenbrüder, hat ihr gemeinsamer Übervater, Luciano Leggio, Provenzano einmal das Gehirn eines Hühnchens unterstellt. Doch Provenzano hat auf lange Sicht agiert. Ihn hat sein dümmliches Image nie gestört – mit seinem Spitznamen „Trecker“ konnte er leben.

Inzwischen zweifelt niemand mehr an seiner Geschäftstüchtigkeit, doch ohne die vertrauensvolle Unterstützung seines Netzwerks, zu dem auch seine Frau gehört, hätte er niemals so lange untertauchen können. Aber während die Polizei sich an die Fersen seiner engsten Gefolgsmänner heftet, gibt es keine Pläne, die Frau zu fassen, die ihm all die Jahre die Wäsche gebügelt hat. Einem Familienmitglied zu helfen, wird in Italien nicht als Verbrechen geahndet.

Saveria und Bernardo haben nie geheiratet, vielleicht, weil beide so jung waren, als er in den Untergrund gehen musste. Sie stammt aus Cinsi, einer Stadt westlich von Palermo, die als Bollwerk der Clans verschrien ist. Ihre Familiengeschichte ist eng mit der Mafia verbunden – ihr Bruder wurde in den frühen 80er Jahren getötet. Von dem Tag an, an dem Provenzano 1963 abtauchte, weil er des dreifachen Mordes angeklagt war, hoffte die Polizei, dass Saveria sie zu ihm führen würde. Doch es ist ihr gelungen, ihre Spur vor und nach ihren zweimal jährlich stattfindenden Stelldicheins immer wieder zu verwischen.

Sie bekam zwei Kinder, 1976 und 1983. Und sie behauptete, Provenzano über Jahre hinweg nicht gesehen zu haben.

Wie andere sizilianische Mafiafrauen auch, hat Frau Palazzolo eine Schlüsselrolle gespielt. In den 60er und 70er Jahren hat Provenzano Geschäfte und Eigentum auf ihren Namen überschreiben lassen. 1983 tauchte eine Vollmacht auf, die sie zur Geldwäsche berechtigte, doch wieder einmal gelang ihr die Flucht.

1992 lief ihr Haftbefehl aus, so dass die damals 48-jährige Frau Palazzolo mit ihren beiden Söhnen in die Polizeiwache von Corleone marschieren konnte und ankündigte, sich in der Stadt niederzulassen. Fragen wollte sie nicht beantworten. Sie zog in das Haus von Provenzanos Schwester mitten in Corleone, die Jungs besuchten die örtliche Schule, die Lehrer beschrieben sie als gut erzogen und zurückhaltend. Sie sprachen fließend Deutsch, was der einzige Hinweis darauf war, wo sie vorher gelebt haben mussten. Frau Palazzolo führte bezeichnenderweise eine Wäscherei und verließ das Haus nur, um Gespräche mit ihren Anwälten zu führen.

Alle glaubten, sie sei nur deshalb freimütig nach Corleone zurückgekehrt, weil ihr Mann gestorben ist. Ihre Lippen waren nach wie vor versiegelt. „Sie stand nicht unter polizeilicher Beobachtung, sie musste sich nicht für ihre Schritte rechtfertigen“, sagt Liliana Madeo, die Autorin einer Studie über Mafiafrauen. „Es wurde einfach angenommen, dass sie nicht aktiv am organisierten Verbrechen beteiligt war.“

Die Polizei beschreibt Frau Palazzolo als würdevoll und reserviert. Sie war elegant, aber nicht auffällig elegant. Sie fuhr einen Fiat Tipo und keinen Mercedes. „Sie und ihre Söhne versteckten sich unter dem Deckmantel der Normalität“, sagt Madeo.

Provenzanos alter Waffenbruder, der Cosa-Nostra-Boss Toto Riina, wurde 1993 verhaftet. Nach Jahren im Untergrund (allerdings in weit luxuriöserem Unterschlupf als Provenzano), hat auch seine Frau Ninetta Bagarella ihre vier Kinder nach Hause nach Corleone gebracht. Offensichtlich haben die Frauen jedoch keine Rezepte für Pastasaucen ausgetauscht.

Frau Bagarella hat in vielen dramatischen öffentlichen Erklärungen ihre kriminellen Kinder verteidigt, während Frau Palazzolo ihre Meinung für sich behalten hat.

„Die Provenzano-Jungs waren ganz anders als Riinas Söhne“, sagt Anna Puglisi vom Giuseppe-Impastato-Forschungszentrum in Palermo. „Riinas Jungs sind auf Motorrädern herumgeknattert und haben sich wie Söhne vom Boss verhalten. Einer sitzt eine lebenslange Haft ab, der andere ist wegen Mafiazugehörigkeit im Gefängnis.“

Die meisten gebildeten Söhne von Mafiosi werden Anwälte oder Geschäftsmänner, doch Francesco Paolo Provenzano unterrichtet Italienisch an einer deutschen Schule, während sein Bruder Angelo einen Abschluss von der Universität Palermo hat und die Wäscherei weiterführt. Ihre Mutter hat offenbar entschieden, dass das Leben ihrer Söhne anders verlaufen soll als das ihres Vaters. Die Familie lebt auffällig bescheiden, weil jedes sichtbare Einkommen konfisziert werden kann.

Uncle Bernie war während seiner Jahre im Untergrund durchaus auch von anderen Frauen abhängig: Da soll zum Beispiel Madeleine Orlando gewesen sein, die sich im Oktober 2003 um Provenzano kümmerte, als dieser sich unter dem Decknamen Gaspare Troia in ein Krankenhaus in Marseille einliefern ließ, um sein Prostataleiden behandeln zu lassen. (In einem weiteren Akt der Kaltblütigkeit soll der millionenschwere Mafiaboss die Kostenerstattung für seine Behandlung bei der Gesundheitsbehörde in Palermo beantragt haben.) Nachdem einige Ärzte wegen ihrer Mafiaverstrickung verhaftet worden waren, entdeckte man einen Tunnel unter einem privaten Krankenhaus, den Provenzano offenbar benutzt hatte.

„Lassen Sie sich nicht von der Armseligkeit von Onkel Bernies Versteck beeindrucken“, sagt John Dickie, der Autor von „Cosa Nostra“. „Er verdiente nicht nur viel Geld mit der privaten Gesundheitswirtschaft, sondern auch mit öffentlichen Bauvorhaben. Es heißt, er sei in freudiger Erwartung des Geldes gewesen, das für ihn beim Bau der Brücke zwischen Reggio Calabria und Messina herausspringen sollte.“

Die Blenden von Frau Palazzolos großem grauen Haus bleiben geschlossen, und es gibt kein Zeichen dafür, dass jemand zu Hause ist. Die Frau des Mafiabosses ist seit dessen Verhaftung von niemandem gesehen worden. Ihr jüngerer Sohn ist zwar aus Deutschland gekommen, ist aber ebenfalls unsichtbar. Über ihren Anwalt hat die Familie ihre Sorgen um Provenzano äußern lassen. Er sei wegen seiner Prostataprobleme auf ärztliche Hilfe angewiesen. Seine Frau hat ihre Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass sie ihn im Gefängnis besuchen dürfe – ein Gesuch, dem wahrscheinlich nicht stattgegeben wird. Provenzano sitzt in Isolationshaft, und die strengen Sicherheitsauflagen lassen keine Besuche von Familienmitgliedern zu.

Die Polizei sagt, dass sie nicht davon ausgeht, dass Provenzano redet. Es gilt als wahrscheinlich, dass auch seine Frau schweigen wird.

Die Menschen in Corleone müssen jetzt damit klarkommen, dass ihre Stadt erneut im Zentrum des Interesses steht. Filmteams aus Japan und den USA haben die Ortschaft entdeckt, in der Francis Ford Coppola Anfang der 70er Jahre Teile seines Films „Der Pate“ drehte. Viele Einwohner wollen nicht mit der Presse reden, aber der Chef eines Hotels, der sich Giuseppe nennt, sagt: „Corleone ist nicht nur Mafia. Es gibt viele gute Leute hier, die wollen, dass sich etwas ändert und die froh sind, dass Provenzano verhaftet worden ist.“

Aus dem Englischen übersetzt und leicht gekürzt von Esther Kogelboom.

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