Kultur : Die Frau ist ein Tramp

Patti Smith gibt im Berliner ColumbiaFritz ihr einziges Deutschlandkonzert

Kai Müller

Niemand hat sie kommen sehen. Auf einmal steht sie mitten im Raum. Patti Smith tastet sich zur Bühne. Es ist so finster in dem schmalen, abgedunkelten Nebenzimmer eines ehemaligen Alliiertenclubs, dass sie sich ihren Weg praktisch erfühlen muss. Etwa ein Dutzend Journalisten verteilt sich flüsternd in der Dunkelheit. Nur die belegten Brötchen sind beleuchtet und ein Barhocker, der auf einer kleinen Bühne steht und dem Ganzen eine natürliche Dramaturgie gibt. Aber Patti Smith hält sich nicht dran. Wie eine Salondame reicht sie ihren Gästen die Hand, bittet um Licht und entschuldigt sich, dass sie bei ihrer Muttersprache bleibe.

Das ist höflich. Und wenn es auch kokett wirkt, so verrät es nur, wie wenig Patti Smith damit anfangen kann, ein Star zu sein. Sie ignoriert es einfach. Sie trägt ein altes, abgewetztes Sakko, das schlaff über ihre dünnen Schultern fällt, darunter eine Weste. Seit sie mit „Horses“ 1975 die Gefilde des Punk betrat, sieht sie so aus. Die unbändigen Haare haben weiße Strähnen bekommen. Das eine Auge, dessen wegen sie als Kind eine Augenklappe trug, stiehlt sich ermüdet aus der Blickachse. Das ist alles.

Die Lady ist ein Tramp. Wenn sie auch nur selten die Mühen einer Tournee auf sich nimmt, so ist die 53-Jährige doch ständig unterwegs, zumindest geistig vagabundiert sie durch ein von ihren Dichtergöttern bevölkertes Privatuniversum. „I’ve never been to heaven“, lautet eine Zeile ihres neuen, im April erscheinenden Albums „Trampin’“ (Sony), „but I’ve been told/ That the streets up there are paved with gold.“ Es ist diese Zuversicht, dass sich die Dinge – spätestens im Jenseits – zum Besseren wenden werden, die Smith auch nach über dreißig Bühnenjahren zur herausragenden Persönlichkeit macht. Und zur unruhigen Seele.

„Rock’n’Roll hat nichts von seiner Kraft eingebüßt, aber die Leute benutzen sie nicht“, sagt sie in einem Anfall von politischem Aktivismus – und steigert ihren Groll gegen die Zumutungen des Kapitalismus, gegen die Bush-Regierung und ihren fatalen Kriegskurs zu einem flammenden Demonstrationsappell: „Sie sollen nur glauben, dass sie uns ignorieren können, wenn wir auf die Straße gehen!“

Ein paar Stunden später reckt sie auf der Bühne des Berliner ColumbiaFritz ihre E-Gitarre in die Höhe, ein Geschenk ihres Sohnes, und sie hält es wie ein Maschinengewehr. Man fühlt sich an „Babelfield“ erinnert, ihr Gedicht über den Vietnam-Krieg, in dem es hieß: „So I hit my amp in the bushes/ And threw my guitar over my shoulder/ It weights less than a machinegun/ And never runs out of amunition.“ Sie benutzt diese Gitarre wie eine Lärmmaschine, schrubbelt und kratzt über die Seiten, schlägt das Instrument gegen den Mikrofonständer und lässt wilde Rückkopplungen aufheulen. Das ist der orgiastische Höhepunkt ihres eineinhalbstündigen Konzerts, das mit zart gestreichelten Akkorden und der Botschaft begann, man möge „den dämlichen Deckmantel abwerfen und umarmen, was einem Angst mache“ („My Blakean Year“).

Sie selbst ist eine große Umarmerin. Mit „Grateful“ widmet sie einen Song dem verstorbenen Grateful-Dead-Gitarristen Jerry Garcia – und „all unseren litauischen Fans“. Tatsächlich fühlt sich eine junge Frau angesprochen und traut sich zu klatschen - „Seht ihr, sie sind hier.“

Die Band, zu der neben Tony Shanahan (Bass) und Oliver Ray (Gitarre) auch die beiden Veteranen der Patti Smith Group, Schlagzeuger Jay Dee Daugherty und Gitarrist Lenny Kaye, zählen, arbeitet sich mit hypnotischer Gelassenheit durch das Programm. Sogar Hits wie „Pissing In The River“, „Because The Night“ und „People Have The Power“ fehlen nicht. Dazwischen immer wieder neues, auch unveröffentlichtes Material, zum Beispiel über die Kinder im Palästina-Konflikt. Das ist ungeheuer kraftvoll. Das Quintett beherrscht eine federleicht- wummernde Tonlage, die Smiths mit den Jahren immer eindrucksvoller werdendem Organ durch alle Gemütslagen folgt. Kinkerlitzchen erlauben sich die Herren nicht. Sie sind Traditionalisten. Rock’n’Roll ist für sie eine Weltanschauung, über die man sich nicht lustig macht. Stoisch bearbeiten sie ihre Instrumente, während der Sound auf das Volumen eines Hauskonzerts abgedimmt ist und man das Scheppern der Bierflaschen und das Gemurmel an der Bar kaum überhören kann.

Wenn das Konzert auch als Gelegenheit gedacht war, sich mit neuem Album zu präsentieren, dann hat sie das gut versteckt. Nach „Gung Ho“ (2001) ist „Trampin’“ wieder ein Großversuch, mit der Gewalt des von der Elektrizität entfesselten Wortes gegen die entfesselte Waffengewalt anzusingen. Leider findet sich „Poor Fellow“ nicht darauf, jener raue Blues-Song, den sie über den „amerikanischen Taliban“, John Walker Lindh, geschrieben hat und für den sie in den USA heftig angefeindet worden ist. Mit „Radio Baghdad“ liefert sie allerdings eindrucksvolle Innensichten aus einem zerrissenen Land. Live entgleitet ihr diese Chronik eines angekündigten Todes. Sie presst ein paar Arabesken aus der Klarinette, der Beat walzt sich schwerfällig dem Angriff entgegen, aber die Finsternis, die nötig wäre, den vom Qualm des Krieges bedeckten Himmel zu beschreiben, sie will sich nicht einstellen.

Und dann hat sie nachmittags den Barhocker doch noch gebraucht. Als sie die Gitarre zur Hand nimmt, um einen Song zu singen, lässt eine Laune des Schicksals den roten Vorhang hinter ihr wie ein paar überdimensionale Engelsflügel aussehen.

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