Kultur : Die Frau nebenan

„When a Man Falls in the Forest“ von Ryan Eslinger holt den Glamour des Alltags in den WETTBEWERB

Christian Schröder

Sie sprechen nicht, sie stammeln. Ihre Bekenntnisse enden in Halbsätzen, die Auflockerungsfloskel „Wie geht’s?“ wird mit einem zerstreuten „Ja“ abgeschmettert. Die Art, in der die Figuren des Films „When a Man Falls in the Forest“ miteinander kommunizieren, ist ziemlich gestört. Sie reden viel, aber sie reden fast immer aneinander vorbei. Ihre Sätze sind mit nichtssagenden Redewendungen gespickt, ohne „Das ist großartig!“ oder „Schön, Sie kennenzulernen!“ kommt kein Smalltalk im Treppenhaus aus. Doch zum Kern dringt ihr Sprechen niemals vor, etwas von sich preiszugeben, das wollen diese vom Leben schon reichlich verschlissenen fortysomethings sich und den anderen lieber nicht zumuten. Ziele, für die sich größere Eile lohnen würde, haben die müden Helden nicht mehr, deshalb schlurfen sie. Einer hat diesen Alptraum: Dass er mit gelähmten Beinen über den Bürgersteig kriecht, vorbei an den Beinen desinteressierter Passanten.

Drei Männer und eine Frau, deren Geschichten episodisch ineinander verwoben sind. Bill (Dylan Baker) arbeitet als – ein hübscher Euphemismus – „Nachthausmeister“, er putzt nach Sonnenuntergang Büros und hört dabei per Kopfhörer Opernarien. Sein Lebensmotto: „Man gewöhnt sich an alles.“ Die penible Ordnung in seinem Apartment verrät den Zwangsneurotiker, er trägt eine übergroße Hornbrille und eine verrutschte Seitenscheitelfrisur. Man hätte aus dieser Figur, deren Habitus an Herbert Feuerstein erinnert, leicht eine Karikatur machen können, sie bleibt aber, das ist kein geringes Verdienst dieses Films, immer in der Schwebe zwischen Groteske und Tragik.

Manches ist beinahe Slapstick: Wie Bill mit abgespreizten Armen den Wagen mit den Reinigungsmitteln vor sich herschiebt. Wie er sich ein bisschen in seine blonde Nachbarin verliebt und sich im Traum in einen Samurai-Krieger verwandelt, der ihren prügelnden Mann mit dem Schwert bestraft. Im Großraumbüro weckt er eines Nachts einen Angestellten, der dort eingeschlafen war. Zufällig ist es Gary (Timothy Hutton), mit dem er die Highschool besucht hat, und der ihn sofort erkennt. Allerdings saugt Bill ungerührt weiter, Gary muss das Staubsaugerkabel aus der Steckdose ziehen, und es kommt zu folgendem Dialog: „Mensch, du bist doch Bill, oder?“ – „Ja“ – „Hast du gerade hier angefangen zu arbeiten?“ – „Nein, ich arbeite seit acht Jahren hier“ – „Wow, das ist super!“

Sharon Stone ist der Star des Films, gleich bei ihrem ersten Auftritt trägt sie ein versteinertes Gesicht, und ihre Haare, Inbegriff der Neunziger-Jahre- Erotik von „Basic Instinct“, hängen strähnig herunter. Glamouröse Schauspielerinnen, die als verhärmte Hausfrauen ins seriöse Rollenfach streben, gehören – siehe Angelina Jolie in „The Good Shepherd“ und Diane Kruger in „Goodbye Bafana“ – zu den Trends dieser Berlinale. Karen ist mit Gary verheiratet, ihre Gefühle sind erloschen, der einzige Thrill, den ihr das Leben noch bietet, sind kleine Ladendiebstähle.

Stones darstellerische Leistung ist beachtlich, die Depression scheint sich in jede Faser ihres Körpers eingefressen zu haben, unfähig zur Anteilnahme lebt ihre Karen wie unter einer Glasglocke. Aber sobald sie lacht, beginnt die Leinwand zu glühen. Die schönste Szene des Films spielt in einem Supermarkt. Karen und Gary treffen sich zufällig, er verfolgt sie mit seinem Einkaufswagen, erzählt, wie stolz er früher war, als alle Männer ihr nachblickten. Sie lacht. Ein Flirt. Dann kippt die Stimmung. „Siehst du hier irgendwen, der mich anschaut?“, fragt sie. „Das hat aufgehört, als du aufgehört hast, mich anzusehen.“

Leben? Es geht mehr ums Überleben. „Du stehst auf, arbeitest, kommst nach Hause und versuchst dort möglichst niemanden zu stören“, sagt Gary seinem Freund Travis (Pruitt Taylor Vince). Gary geht Konflikten aus dem Weg. Als er endlich einmal eine klare Haltung formuliert, kostet ihn das gleich sein Leben. Das pathetische Ende hätte nicht sein müssen. „When a Man Falls in the Forest“, zweites Werk des amerikanischen Regisseurs Ryan Eslinger, ist ein schöner Ensemblefilm. Über ihm liegt der spröde Glamour des Alltags.

Heute 9.30, 18.30, 21 Uhr (Urania)

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