Kultur : Die Frau und der Berg

Kilometerweise Homepage: Elfriede Jelinek schreibt im Internet den Roman „Neid“

Katrin Hillgruber

Wohin mit Brigitte K.? Diese Frage stellt sich am Ende des zweiten Kapitels von Elfriede Jelineks sogenanntem Privatroman „Neid“ in aller Dringlichkeit. Von der allwissenden, schlecht gelaunten Erzählerin wird die arme Geigenlehrerin zumeist herumgeschubst. Steht sie deren Betrachtungen über die „kleinen Lebenswelten“ und „kleinen Lebensweisheiten“ thematisch im Weg, übergeht „E. J.“, einst selbst zu Höchstleistungen gedrillte Geigenschülerin, ihre Protagonistin seitenlang. Denn eine alleinstehende Frau in Brigittes Alter wird im Erzählkosmos der 60-jährigen Nobelpreisträgerin durch die Wirkmächte des Patriarchats und der ihm willfährigen Massenmedien automatisch zu einem unsichtbaren Wesen.

Wie steht es also um die Geigenlehrerin aus der absterbenden Bergbaustadt Bruck an der Mur, die sich für ihre Umgebung viel zu elegant kleidet? Sie interessiere sich für das Phänomen der sterbenden Industriestädte, sagte Jelinek in einem Interview. Mehr Persönliches als sonst sei in diesen „Privatroman“ eingeflossen, verriet sie. Andererseits darf nur mit ihrer ausdrücklichen Genehmigung daraus zitiert werden, was bei einem allzeit speicher- und ausdruckbaren Netztext ein Widerspruch in sich ist. Eine verblühende Frau und ein seit Hermann Görings Kraftwerksbau geschundener Berg, beide von den einstigen Nutznießern Mann und Industrie längst aufgegeben: Wird die Protagonistin von „Neid“ ein ähnlich trauriges Schicksal ereilen wie ihre Namensvetterin, die Fabrikarbeiterin Brigitte aus Jelineks Roman „Die Liebhaberinnen“ von 1975? Wie in „Michael. Ein Jugendbuch für die Infantilgesellschaft“ erscheinen die Figuren darin als flächige Prototypen ohne Individualität. Brigitte und Paula setzen ihre Körper nicht nur bei der Arbeit als Produktionsmittel ein, sondern auch als Vehikel des sozialen Aufstiegs.

An Erika aus dem Erfolgsroman „Die Klavierspielerin“ wird der umfassende Kanon Jelinek’scher Frauenleiden ebenso deklamiert. Erfolglos versucht die seit langem vaterlose Tochter, als Voyeurin und in masochistischen Eskapaden die Dominanz der Mutter zu durchbrechen. Nur wenigen Heldinnen ist es vergönnt, sich über die Zwänge ihres Geschlechts hinwegzusetzen, so wie Emily in dem Theaterstück „Krankheit oder Moderne Frauen“. Auch Karin, das „ältliche Kind“ eines „Mutterdrachens“ in Jelineks Opus magnum „Die Kinder der Toten“ (1995), durchbricht das „Ganz grau, ganz Frau“-Prinzip: Sie wird zur Vampirin, indem sie sich einen Kraftfahrer gefügig macht, um ihn zu Tode zu kastrieren. Doch wird Brigitte K. eine solche Apotheose vergönnt sein? Es sieht nicht danach aus – der letzte Eintrag auf www. elfriedejelinek.com stammt vom 7. April. Brigitte, eine Frau zwischen vierzig und fünfzig, wurde von ihrem Mann, Besitzer eines Elektrogeschäfts, wegen seiner jüngeren Sekretärin verlassen. Als diese ihm auch ein Kind schenkt, empfindet Brigitte den Neid auf die „derzeitigen Besitzer von Leben“ als besonders schmerzlich.

Nach den Romanen „Lust“ und „Gier“ widmet sich Jelinek mit „Neid“, der Invidia, erneut einer biblischen Sünde. „Gier“ (2000) sagte unmissverständlicher als der zu Unrecht skandalisierte Vorläufer „Lust“, worauf er abzielte: auf die Verbindung von Geschlechts- und Besitztrieb im Jahre eins der schwarz-blauen Koalition in Österreich. Eine seltsam ungehaltene Erzählerin solidarisiert sich mit jenen Frauen am Steuer, deren Führerscheine und Körper der Gendarm Janisch im Dienst kontrolliert. Sein Ziel ist die Inbesitznahme von Eigenheimen aus Frauenhand. Dafür geht er über Leichen.

„Neid“ könnte sich wiederum zum Krimi entwickeln; Elfriede Jelinek verehrt diese Gattung. Ihr Internetprojekt hat sie mit Hieronymus Boschs schauerlich plastischer Darstellung der sieben Todsünden illustriert. Wichtig sei für sie „dieses – vielleicht katholische Element, dass ich etwas veröffentlichen kann und gleichzeitig davon losgesprochen werde, wie in der Beichte“. Auf fünf Kapitel ist „Neid“ angelegt und soll nicht als Buch erscheinen. Es passt zur offensiven Schüchternheit Jelineks, die ihre Stockholmer Dankesrede per Video verlesen ließ, aber auch zu ihrer souveränen auktorialen Selbstironie. „sie sollen dieses buch sofort eigenmächtig verändern“, appellierte sie 1970 in der „Gebrauchsanweisung“ der Montage-Prosa „wir sind lockvögel baby“ an ihr Publikum, „sie sollen die untertitel auswechseln. sie sollen hergehen & sich überhaupt zu VERÄNDERUNGEN ausserhalb der legalität hinreissen lassen“.

37 Jahre später ist von „kilometerweise homepage“ die Rede. Auch jetzt begibt sie sich in den permanenten Dialog mit dem Leser am Bildschirm, stets in der Hoffnung, der Text möge nicht „blöd“ aus diesem herausglotzen. In ihre Betrachtungen, in ihre Binsenweisheiten über Heim, Flur und Medien wie „Spaßfaktor“ oder den allzeit bereiten Internetkrieger „Wiki“(pedia) sowie in ihre ungeahnt aktuellen Anklagen gegen die Verwüstungen durch den alpinen Fremdenverkehr mischt sich dabei eine tiefe, schutzlose Melancholie. Ob aber Brigitte K. im dritten Kapitel ihr Frauenschicksal als „Dilettantin des Existierens“ überwinden kann?

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