Kultur : Die Frau unserer Träume

Eisern lächelte sie über alle Abgründe hinweg: Das Berliner Filmmuseum feiert Marika Rökk

Christian Schröder

Nichts – so lautet eine alte Schauspieler-Weisheit – ist schwerer als das Leichte. „In der Ton-Süd-Halle habe ich zur Probe eine fünf Meter lange Spiegelglasfläche aufstellen lassen“, schrieb der Bühnenbildner Erich Kettelhut 1943 während der Dreharbeiten zum Film „Die Frau meiner Träume“ an die Hauptdarstellerin Marika Rökk. „Sie ist schnell in verschiedenen Schräglagen verstellbar. Bitte probieren Sie den äußersten Neigungswinkel aus, bei dem man mit geeigneten Sohlen gefahrlos aufwärtstanzen kann. Je steiler die Neigung, desto besser die Bildwirkung.“ Der Film ist eine agfacolor-bunte Ausstattungsorgie, die durchaus mit den zeitgleichen Hollywood-Musicals mithalten kann. Monumentale Kulissen, die MittelmeerTräume und Carmen-Fantasien imaginieren, gleiten ineinander, noch die schwierigsten Pirouetten absolviert die Rökk mit federnder Eleganz. Der Schwerelosigkeit durfte der Schweiß nicht anzusehen sein, der bei ihrer Herstellung geflossen war: Darin bestand ihre Kunst.

Eisern war das Lächeln, das Marika Rökk in den Revuefilmen der dreißiger und vierziger Jahre aufsetzte, eisern lächelnd tanzte sie über die Abgründe ihrer Zeit hinweg, auch nach dem Krieg hat sie eisern immer weitergelächelt. Der Brief ist in einer Ausstellung zu sehen, in der das Berliner Filmmuseum den Nachlass der Ufa-Schauspielerin präsentiert, die im Mai 2004 mit 90 Jahren in ihrem Haus in Baden bei Wien gestorben ist. Die Rökk, einer der größten Stars des deutschen Films im Dritten Reich und in der Adenauer-Ära, war für ihre Disziplin geradezu berüchtigt. „Ich kann mich nicht erinnern, dass es bei uns einmal eine Party gegeben hätte“, sagte ihre Tochter Gabriele Jacoby, ebenfalls Schauspielerin, bei der Pressekonferenz zur Ausstellungseröffnung. „Bei uns ging es immer um den Beruf.“ Für 40000 Euro, die von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie kamen, hatte sich das Museum gegen andere Mitbewerber Rökks Nachlass sichern können. In rund zwanzig Umzugskartons wurden die Memorabilien nach Berlin geschafft, ein Teil davon ist nun erstmals zu sehen: nicht nur die üblichen Filmplakate, Drehbücher, Fotos und Briefe, sondern auch Kleider und Kleinmöbel wie ein Schminktisch.

Sich in Szene zu setzen, hatte Marika Rökk früh gelernt. Erste Fotos zeigen sie als tanzenden Kinderstar, ihre Posen im zweiteiligen Badeanzug wirken noch unbeholfen. 1913 als Tochter eines ungarischen Architekten in Kairo geboren, trat sie schon als Zwölfjährige im Pariser „Moulin Rouge“ auf, bald danach war sie am New Yorker Broadway, ihre ersten Filme drehte sie in London. In Deutschland, wo sie 1934 einen Filmvertrag bekam, stieg sie vom „Ufa-Baby“ zum Großstar auf, auch mit Hilfe ihres späteren Ehemanns Georg Jacoby, der sie zum Mittelpunkt immer aufwändigerer Revuefilme machte. „Ich war sexy, nur wusste ich es nicht“, erzählte sie, charmant kokettierend, 1995 Talkmaster Alfred Biolek.

In Wirklichkeit war es eine sehr deutsche Erotik, die ihre besten Filme wie „Eine Nacht im Mai“ (1938), „Hallo Janine“ (1939) oder „Kora Terry“ (1940) durchwehte. Die Chorus Line der Komparsen schien eher in Reih und Glied zu marschieren als zu tanzen, und wenn die Rökk, oftmals mit Johannes Heesters zu einem „Traumpaar“ zusammengespannt, das Ballkleid über ihren Oberschenkeln lüpfte, wirkte das nicht wie eine erotische Aufforderung, sondern wie eine sportliche Demonstration.

Willenskraft ist alles, auch beim Spaßhaben muss man manchmal die Zähne zusammenbeißen. Das ist die Durchhaltebotschaft, die sich bis heute aus den Ufa-Musicals mitteilt, mit denen die Deutschen vom Krieg abgelenkt werden sollten. An Entschlossenheit hat es der Rökk nie gemangelt. Um ihren Vertrag zu bekommen, hungerte sie sich schlank, später klemmte sie sich einen Stein in den Mund – in der vergeblichen Hoffnung, sich so das rollende R ihres ungarischen Akzents abtrainieren zu können. Die Ausstellung schildert ihr Leben in Form einer umgekehrten Zeitreise. Weil das spätere Material überwiegt, sind im ersten Raum Fotos aus Fernsehauftritten mit Peter Alexander und Plakate von Filmen wie „Mein Mann, das Wirtschaftswunder“ (1961) zu sehen. Im zweiten Raum folgen Kostbarkeiten wie Kettelhuts Szenenentwürfe zu Ufa-Revuen wie „Kora Terry“ aus den Museumssammlungen oder das Typoskript der Memoiren von Jacoby, der den ersten seiner fast 250 Filme drehte, als Rökk geboren wurde.

Den Sprung zum Nachkriegsstar hatte die Darstellerin zunächst nahtlos geschafft. 1948 bekam sie den ersten Bambi als beliebteste Schauspielerin, der damals noch von den Lesern der „Film-Revue“ gewählt wurde. Als die Revuefilme ausstarben und die Bunten Abende des Fernsehens begannen, fing ihr Abstieg an. In den sechziger und siebziger Jahren trat Rökk in Operetten wie „Hallo, Dolly“ auf und tingelte mit Schlagerabenden, die „Festival der Fröhlichkeit“ hießen, durch die Provinz. Zum letzten Mal auf der Bühne stand sie 1993 als „Gräfin Mariza“ in Budapest, natürlich tanzend, obwohl sie schon 79 war. Das schönste Stück der Ausstellung ist die Grundig-Musiktruhe der Rökk. Knisternd erklingt noch einmal ihre Stimme: „Ich möchte so gerne, ich weiß nur nicht was / Vielleicht möchte ich dies, vielleicht möchte ich das.“

Filmmuseum Berlin, Sony-Center am Potsdamer Platz, bis 4. September, Di bis So 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr.

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