Kultur : Die Frau vom linken Ufer

PETER W.JANSEN

Kann man gleichzeitig Mao-Tse tung und die Kunsthändler lieben? So fragte sich ein Kritiker - und er gab sich selbst die Antwort: Agnès Varda könnte beweisen, daß es möglich ist.Das war 1962 in den damals schon berühmten "Cahiers du cinéma", und die Fotografin Agnès Varda hatte gerade mal eine Handvoll Kurzfilme, einen mittellangen und einen abendfüllenden Film gemacht.In Brüssel als Kind französisch-griechischer Eltern geboren, hatte sie Philosophie und Kunstgeschichte studiert und dann mit dem Fotografieren angefangen.Mit knapp über Zwanzig reiste sie als Fotoreporterin durch China, die Sowjetunion, Afrika und die USA, war mit 22 Fotografin am Théâtre National Populaire, dem TNT, von Jean Vilar und Gérard Philipe - und machte eines Tages einen Film.Nichts davon hatte sie gelernt, aber "La Pointe Courte" war auf Anhieb das, wovon eine ganze neue Generation von Cineasten, Kritikern, Filmemachern bisher nur träumte: unkonventionell und radikal persönlich.Zwei Filme waren das im Grunde in einem: ein eher dokumentarischer Film über ein Fischerdorf und, darin eingebettet, die romantische Liebesgeschichte eines Paars, das wieder zueinander findet.Der Schauspieler hieß Philippe Noiret, und daß der Cutter Alain Resnais hieß, gehört heute zur Filmgeschichte.

Agnès Varda war 26 und schon die Mutter - sie selbst sagt: Großmutter - des neuen Films in Frankreich, der sich fünf, sechs Jahre später zu einer Welle erhob, die man die "Nouvelle Vague" nennen würde.Als Chabrol, Godard, Truffaut, Rivette ihre ersten Filme drehten, war sie ihnen schon voraus mit "Cléo de cinq à sept" (in Deutschland: "Mittwoch zwischen fünf und sieben"), dem auf 90 Minuten verdichteten Zweistundendrama einer Frau in Angst, die auf die Diagnose ihres Arztes wartet.Auch in "Cléo" verschränkt Agnès Varda dasjenige, was man das Dokumentarische nennt, mit dem, was man das Fiktive nennt - und man muß das so behutsam ausdrücken, weil es Filme der Varda gibt, die beide Sprechweisen des Kinos so eng ineinanderführen, daß die Unterscheidung aufgehoben wird.

Wie Alain Resnais und mehr noch Chris Marker war sie links in doppeltem Sinn: politisch und von der "rive gauche", dem linken Ufer der Seine.Das hat sie stets von ihren "Enkeln" Godard/Chabrol/Truffaut getrennt.Sie machte Filme über den Markt der "Rue Moufftard" oder über die Leute ihrer eigenen Straße oder über die Wandmalereien der Mexikaner in Los Angeles.Doch während alle ihre Kurzfilme als meisterlich gelten, haben ihre Spielfilme oft kontroverse Reaktionen hervorgerufen.Zum Beispiel 1964 "Le Bonheur" (Das Glück), der sich nicht immer eindeutig zu den Verlockungen des Wohlbehagens in einer von Konsum und Werbung normierten Welt verhält.Aber dann hat sie so grandiose Filme wie "Lions Love" (1969) und, 1985, "Sans toit ni loi" (Vogelfrei) gedreht, der ihr den Goldenen Löwen von Venedig einbrachte.Verfolgt "Sains toit ni loi" den Weg einer jungen Vagabundin, die jede Bindung, ja jede Hilfe ablehnt, bis zu ihrem Kältetod in einem Straßengraben, hatte "Lions Love" die Macher von "Hair" und den Andy-Warhol-Superstar Vival mit dem vom Fernsehen abgefilmten Mord an Robert Kennedy konfrontiert - und aus den Darstellern Personen gemacht, die in einem Zwischenreich aus Wirklichkeit und Fiktion leben.

Etwa dasselbe Verfahren sollte sich dann wiederfinden in einem Film mit und über die Schauspielerin Jane Birkin, für die sie eine Liebesaffäre mit ihrem 15jährigen Sohn Mathieu anzettelt, und schließlich in "Jaquot de Nantes".Angefangen zusammen mit ihrem tödlich erkrankten Mann Jacques Demy, der, man denke an das Musical der "Regenschirme von Cherbourg", so extrem andere Filme als sie gemacht hat, ist daraus, aus dem Eindringen in Kindheit und Erinnerung eines anderen, eine der schönsten Liebeserklärungen der Filmgeschichte geworden.

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