Kultur : Die Frau vom Mehr

Jan Bosse inszeniert die Uraufführung von Jon Fosses „Heiß“ im Deutschen Theater Berlin

Peter Laudenbach

Ein alter Mann erinnert sich an seine Jugend, an eine Kahnfahrt mit der Geliebten, an einen Nachmittag, der vielleicht der wichtigste und schönste in seinem Leben war. Krapp, so der Name des einsamen Alten, versinkt in Erinnerungen, hört sich alte Tonbänder an, isst eine Banane und verflucht sein Leben. „Was ist schon ein Jahr, heutzutage? Bitteres Wiederkäuen und steinharter Stuhl.“ Es passiert: fast nichts. Und in diesem Nichts liegt: fast alles. Das war, vor einem halben Jahrhundert, Samuel Becketts Einsamkeitsmonolog „Krapp’s Last Tape“.

Jetzt hat Jon Fosse, der norwegische Dramatiker der versandenden Gespräche und des autistischen Schweigens, Becketts Klassiker paraphrasiert. Und obwohl die Sätze kürzer, die Sprache karger, die Wiederholungsschleifen auswegloser sind, wirkt dieses Remake geschwätzig. Auch hier geschieht: fast nichts. Nur geht es leider auch um fast nichts. Die Uraufführung der minimalistischen Versuchsanordnung, deren Unterkühltheit der Stücktitel „Heiß“ höhnisch konterkariert, hat Jan Bosse in den Kammerspielen des Deutschen Theaters inszeniert. Und sich dabei alle Mühe gegeben, die leer laufende Mechanik von Fosses Textbausteinen mit spielerischem Übermut, Selbstironie und Komik zu unterlaufen. Das Ergebnis ist zwar immer noch ein Nichts, aber wenigstens ein partiell lustiges Nichts.

Weil Bosse gerne mit der Grundsituation des Theaters spielt, also damit, dass Menschen andere Menschen bei ihren Verrenkungen und Abstürzen beobachten, sehen die Zuschauer auf der kalt ausgeleuchteten Bühne (Stéphane Laimé) Leute auf einer Tribüne sitzen: Zeitgenossen in Alltagskleidung, die gelangweilt in DT-Programmheften blättern, miteinander tuscheln und darauf warten, dass etwas passiert. Dann geschieht tatsächlich etwas: Ein Mann in der siebten Reihe, dessen blondiertes Haar samt Techno-Jacke sein fortgeschrittenes Alter dementieren, schneuzt sich lautstark. Ein anderer in der Reihe vor ihm, das ölige Resthaar energisch nach hinten gekämmt, fängt an, ihm Dialogbrocken zuzuwerfen. Nicht dass man sich viel zu sagen hätte, aber wenn man schon mal zusammen hier rumsitzt und sonst nichts los ist, kann man sich ja genauso gut ein bisschen unterhalten. Daraus besteht der Abend: In diese Leere fallen die Wörter, die dann auch nicht weiterführen. Kein Wunder, dass die zwei Dutzend unschuldigen Zeugen dieses um sich selbst kreisenden Dialog-Geplänkels irgendwann zum Ausgang streben.

Jetzt haben die beiden mit den löchrigen Erinnerungen die Bühne und alle Zeit der Welt für sich alleine. Einig sind sie sich nur in einem: Sie waren schon mal hier. Und damals stieg eine geheimnisvolle Schöne erst ins Meer und dann mit einem von ihnen ins Bett. Oder mit beiden? Aus Becketts erinnerungssüchtigem Krapp sind zwei Männer unbestimmten Alters geworden. Oder sind die beiden, allem Anschein zum Trotz, in Wirklichkeit einer, verheddert in den eigenen Erinnerungen, die nun endlos und ratlos wiedergekäut werden? Der eine, der mit dem Schnauzbart und dem öligen Haar (Wolfram Koch) ist sich sicher: Der andere hat hier nichts verloren, er war es, dem die Schöne bestimmt war, damals, vor einer Ewigkeit. Der andere, der mit der Techno-Jacke und den Cowboy-Stiefeln (Christian Grashof) ist sich, logisch, mindestens genauso sicher und genießt seine Trotzanfälle in spätpubertärer Eitelkeit.

So weit so Leerlauf. Bis die Schöne kommt. Mit der Wucht und unglaublichen Präsenz der Schauspielerin Anne Ratte-Polle platzt sie in das Dialog- und Erinnerungs-Gestocher hinein. Was die beiden Alten nicht davon abhält, ausgiebig, nun ja, zu sabbern. Brust und Brustspitze, die Rundung der Schenkel und das unter dem Badeanzug erkennbare Schamhaar werden genießerisch gewürdigt. Anne Ratte-Polle lässt diese Armseligkeitsparade an ihrer Rollenfigur abperlen, stellt einen schönen, deutlichen Kontrast her zu den beiden Jammergestalten. Und weil irgendwann auch Wolfram Koch und Christian Grashof vom depressiven Einheits-Grau, dem vagen Erinnerungs-Nebel des Stückes die Nase voll haben, machen sie das einzig Vernünftige und lassen den Abend gutgelaunt in den Slapstick und die zweckfreie Clownsnummer kippen. Das ist ohne Frage die humanste Weise, dieses Nicht-Stück umstandsfrei zu entsorgen.

Wieder 3. und 7. Oktober

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