Kultur : Die Freie

Der Schauspielerin Julie Christie zum 70.

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Es ist noch einmal eine Gratwanderung, ihr Auftritt in Sarah Polleys „An deiner Seite“. Ein altes Ehepaar, Jahrzehnte aneinander gewöhnt, mit Leichtigkeit im Umgang, und dann: Irritationen, Störmomente. Die selbstsichere Fiona, von Julie Christie gespielt, bemerkt, dass ihr der Zugriff auf das Leben entgleitet. Die gelben Zettel, die sie an die Küchenschränke klebt, sind das äußere Zugeständnis. Alzheimer. Doch das Zerbrechen der vertrauten Gemeinschaft und das kurze Glück, das sie in der Klinik findet, das ist von Julie Christie so angstfrei liebenswürdig gespielt, dass sie alle peinlichen Fallen und falschen Töne souverän umschifft. Julie Christie beweist noch einmal ihre große Qualität: Man kann ihr total vertrauen.

Wenige Jahre nur und wenige Filme, doch nicht ein Fehlgriff darunter. Die Regisseure, mit denen sie arbeitete, Francois Truffaut, Nicolas Roeg, Peter Losey, John Schlesinger, David Lean und Robert Altman – es sind die starken Autorenfilmer der sechziger und siebziger Jahre. Sie machten Kino mit einer Handschrift und Stimme, und sie wählten eine Schauspielerin, die Eigenwilligkeit verkörperte. Ein unverwechselbares Gesicht, ein unverwechselbarer Ton. Dass Julie Christie heute so selten im Kino zu sehen ist, und zum Glück auch selten in jenen peinsamen Nebenrollen, die Schauspielerinnen ihres Kalibers im Alter so oft angetragen bekommen, das sagt viel über das Kino von heute und was ihm fehlt. Die Farm in Wales, wo Christie mit ihrem Ehemann, dem Journalisten Duncan Camppell, lebt, scheint die bessere Alternative zu sein.

Schön und zerbrechlich, stark und fragil. Julie Christie, mit der blonden Mähne, den dunkelblauen Augen und dem sinnlichen Gesicht war eine Ikone des Autorenkinos. Dabei hätte die erste Rolle, die sie 1965 schlagartig berühmt machte, sie leicht auf die falsche Fährte schicken können. Lara, die schöne Russin, die Omar Sharif in David Leans ultimativem Melodram „Dr. Shiwago“ herzzerreißend liebt, hätte Christie auf die gefühlig Liebende festlegen können. Doch schon die nächsten Rollen sind selbstbewusste Gegenentwürfe: Francois Truffauts „Fahrenheit 451“, in dem Christie 1966 sowohl die in der Fernseh-Hölle ruhiggestellte Ehefrau von Oscar Werner als auch die widerständige Leserin Clarissa gibt. Oder, ihre vielleicht stärkste Performance, die Ehefrau Linda in Nicolas Roegs „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ von 1973, in dem Christie ihre Trauer, Angst, Verunsicherung wie eine Gänsehaut auf den Zuschauer überträgt.

Doch ihre faszinierendste Rolle ist jene der kühlen Bordellchefin Mrs. Miller, die sie 1971 in Robert Altmans unterschätztem Spätwestern „McCabe & Mrs Miller“ an der Seite ihres damaligen Gefährten Warren Beatty spielt: eine Frau, die Geld sagt, wenn sie Liebe meint und in ihrer berechnenden Geschäftstüchtigkeit von einer winterkalten Sehnsucht ist. Auch das ist Julie Christie. Christina Tilmann

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