Kultur : Die Freiheit, die sie meinen

Iran zwischen den Wahlen: Die Jugend entscheidet – und setzt vor allem auf wirtschaftliche Reformen

Katajun Amirpur

Es war klar: Wer die Jugend für sich gewinnt, gewinnt die Wahl in Iran. Denn das Land ist extrem jung. Sechzig Prozent der Bevölkerung sind jünger als dreißig. Diese Jugend will, was die meisten jungen Menschen wollen: einen Job, eine Familie, etwas Spaß. Doch Jobs gibt es nicht, was die Familiengründung erschwert – und schon das kleinste Vergnügen wird einem im Namen der Religion verwehrt. Deshalb wollen die jungen Leute Reform und Wandel: Jahrelang hatte man versucht, sie auf die islamische Ideologie einzuschwören. Ohne Erfolg.

„Das ideologische System dieses Landes war nicht erfolgreich,“ sagt zum Beispiel der kritische Journalist Maschaallah Schamsolwaezin: „Nehmen Sie den Fußball. Den wollte das Regime nicht. Aber die jungen Leute haben trotzdem gekickt, sie haben trotzdem diese unglaubliche Leidenschaft für Fußball entwickelt. Eine Zeit lang hieß es immer wieder: Bringt der Jugend bloß nicht den Fußball nahe! Aber jetzt ist es offenbar so, dass die Menschen, wenn das Regime ihnen etwas verbietet, genau das wollen und es auch tun.“

Deutlich wurde dies in der vergangenen Woche, als sich Iran für die Weltmeisterschaft qualifizierte. Die jungen Menschen feierten die ganze Nacht auf offener Straße, sie sangen und tanzten. Vorher hatte sich eine größere Gruppe von Frauen den Zugang zum Stadion erkämpft. Normalerweise ist ihnen der Stadionbesuch verboten, aber auch in diesem Fall konnte das Regime nichts ausrichten gegen eine Bevölkerung, die den Anweisungen der Staatskleriker nicht mehr Folge leistet und sich Freiheiten einfach nimmt, wo sie nicht freiwillig gewährt werden.

Ein anderes Beispiel ist die große Amerikafreundlichkeit. Trotz der Kritik an der Rolle, die die USA unter dem Schah in Iran gespielt haben, ist die iranische Bevölkerung inzwischen wohl die amerikafreundlichste in der islamischen Welt – und zwar sicherlich auch, um damit gegen die Haltung der konservativen Herrschenden zu opponieren. Vor allem bei der iranischen Jugend hört man wenig Amerikakritik. Im Gegenteil, Amerika übt eine enorme Anziehungskraft aus. Zwar gibt es den verordneten Anti-Zionismus, aber anders als in anderen islamischen Ländern wirkt sich nicht einmal die Israel-Politik der amerikanischen Regierung negativ auf das USA-Bild der Jugend aus. Zu spontanen Demonstrationen gegen die Israelis oder zu einem Boykott amerikanischer Waren – wie in anderen islamischen Ländern geschehen – würde es in Iran wohl kaum kommen.

Noch ist nicht entschieden, wer die Jugend für sich gewinnen konnte: Keiner der Kandidaten kam am Freitag über die 50-Prozent-Marke, die für einen Sieg im ersten Wahlgang erforderlich ist. Selbst wenn sich der Verdacht der Wahlfälschung, wie sie der abgeschlagene gemäßigte Reform-Kandidat Karubi dem Wächterrat vorgeworfen hat, bewahrheiten sollte: Aller Voraussicht nach wird Ali Akbar Rafsandschani im zweiten Wahlgang das Rennen machen. Heute sehen viele in ihm einen Hoffnungsträger – vor allem die Jugendlichen. Sie machen begeistert Wahlwerbung für ihn, obwohl sein politischer Ruf längst demontiert ist. Warum tun sie das, was erwarten sie sich von Rafsandschani?

Immerhin hat Rafsandschani ihnen versprochen, dass die gesellschaftlichen Freiheiten, die die Jugend unter Chatami gewonnen hat, erhalten bleiben. In den letzten Jahren nahmen sie sich tatsächlich viele Freiheiten: Das Kopftuch ist immer weiter nach hinten gerutscht, die Jugendlichen sind mutiger, halten Händchen auf der Straße und hören verbotene Musik, auch bei geöffneten Fenstern. Das alles gab es vorher nicht. Als Pragmatiker weiß Rafsandschani: Wenn der Jugend auch noch diese kleinen Freiheiten genommen werden, könnte das System explodieren.

Ebenso scheint die Jugend Irans einen pragmatischen Umgang mit dem Regime zu pflegen. Eine vergleichbare politische Aufbruchsstimmung wie bei der Wahl vor acht Jahren gibt es nicht. Denn die Erfahrung der letzten Jahre hat der Jugend bewiesen, dass sie durch die Teilnahme an Wahlen keinen Einfluss auf die Politik oder gar auf einen Reformkurs der Islamischen Republik nehmen können. Die meisten denken: Viermal haben wir in den letzten acht Jahren für die Reformer gestimmt. Aber eine Reform von innen ist nicht möglich, weil man nicht ankommt gegen das Bollwerk der Konservativen. Deshalb flüchten viele. Entweder ins Private: Sie feiern exzessive Feten, betäuben sich mit Drogen. Oder sie flüchten. Schon seit Jahren wird über die Islamische Republik mit den Füßen abgestimmt. Jährlich verlassen 200000 Menschen Iran, und es würden weit mehr gehen, wenn sie könnten – meist gut ausgebildete junge Leute. Der brain drain richtet unermesslichen Schaden an.

Viele wenden sich nicht nur vom System ab, sondern auch von der Religion. „Wenn das der reine mohammedanische Islam ist, dann lieber nicht“: Solche Sätze hört man immer wieder. Reformpolitiker machen die Konservativen für die negative Einstellung der Jugend zur Religion verantwortlich. Mohammad Reza Chatami, der Bruder des amtierenden Präsidenten, dessen Reformagenda weit über die seines Bruders hinausgeht, stellte kürzlich unumwunden klar: Die iranische Jugend flüchtet wegen „dieser gewalttätigen und diktatorischen Interpretation vor der Religion“.

Dass die Flucht ins Private dennoch nicht mit politischer Resignation einhergeht, liegt an der Logik der Generationenfolge. Viele Jugendliche glauben, dass sie ohnehin am längeren Hebel sitzen. Irgendwann würden „die da oben“ einfach aussterben. Deshalb schieben sie den politischen Reformprozess auf die lange Bank oder hoffen, er werde indirekt in die Wege geleitet. Rafsandschani plädiert für die Wiederannäherung an die USA. Damit wäre ein wirtschaftlicher Aufschwung verbunden. Die wirtschaftliche Lage ist prekär: Die Arbeitslosigkeit liegt bei 15 Prozent, jährlich strömen 800000 junge Menschen auf den Arbeitsmarkt. Vielen ist die Lösung des Arbeitslosenproblems erst einmal wichtiger.

Doch wer auf die Wirtschaft setzt, braucht Rafsandschani. Rafsandschani hat sich deutlich für eine Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen ausgesprochen; ihm könnte die Annäherung an die USA tatsächlich gelingen, die Präsident Chatami nicht zu erreichen vermochte. Denn den Erfolg eines wirtschaftlichen Aufschwungs, den eine Annäherung mit sich bringen würde, wollten die Konservativen Chatami nicht gönnen – und torpedierten deshalb alle Versuche, die der noch amtierende Regierungschef unternahm. Doch Rafsandschani ist ein mächtiger Mann. Mit ihm kann man nicht so umgehen wie mit Chatami.

All das dürften die Gründe sein, warum viele junge Leute ausgerechnet auf Rafsandschani setzen. Wer die Wirtschaft rettet, öffnet am Ende auch dem Reformkurs das Tor. Mit der ökonomischen Liberalisierung, so hofft die Jugend, kommen auch die politischen und gesellschaftlichen Freiheiten.

Die junge Frau ist mit einem tiefroten Tschador bekleidet. Doch auch der Blick des Betrachters ist verschleiert: Die Glasscheibe, hinter der die Frau steht, ist mit breiten Pinselstrichen in Grau- und Brauntönen gestrichen, ihre Konturen sind verschwommen. Eins der sieben Werke der iranischen Fotokünstlerin Shadi Ghadirian , die die Rebell Minds Gallery zurzeit in der Villa Rose (Landsberger Allee 54, Mi bis Sa 16-21 Uhr) zeigt. Ghadirian thematisiert in ihren Arbeiten die Rolle der Frau in der islamischen Gesellschaft des Irans. Mit der Serie „Du/You“ will die 30-jährige Fotografin zeigen, dass Frauen im Iran ein Dasein im Hintergrund fristen. Pinselstriche zur optischen Verschleierung, wie Ghadirain sie benutzt, werden von den iranischen Behörden auch zur Zensur von ausländischen Zeitschriften verwendet, um die Freizügigkeit westlicher Models zu kaschieren.

In der Villa Rose eröffnen in den kommenden Wochen zwei weitere Fotoausstellungen von iranischen Künstlerinnen. Shideh Tami zeigt ab 30. Juni Röntgenaufnahmen von Frauen. Bita Fayazzi wird ab 19. Juli „Road kills“ zeigen, eine Serie, in der sie tote Hunde als Skulpturen nachgebildet, diese arrangiert und fotografiert hat. Swantje Dake

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