Kultur : Die Freiheit, die sie meinen

Warum die katholische Kirche sich als Ratgeber in Familiendingen so schwer tut

Hilal Sezgin

Es gibt zwei Sorten von Leuten, und damit sind jetzt einmal nicht Frauen und Männer gemeint. Sondern nur die Frauen. Bekanntlich geht es immer, wenn es vordergründig um Kinder und Erwachsene geht, tatsächlich um Kinder und Frauen. Unter den Letzteren also gibt es zwei Sorten: Die Haare der einen sehen immer aus wie frisch gebügelt, sie tut alle Socken zum Waschen in ein Beutelchen und weiß nach einem kurzen Blick in der Terminkalender sofort, was als Nächstes zu erledigen ist – und erledigt es auch. Die andere Sorte hat mitten auf dem Kopf einen Wirbel, wundert sich nach jeder Wäsche, dass wieder eine ungerade Zahl Socken herausgekommen ist, und sammelt abends die vom Kühlschrank heruntergefallenen Post-its zusammen, auf denen notiert war, was heute zu tun gewesen wäre. Und das muss jetzt leider auf morgen verschoben werden.

Zur zweiten Sorte gehören 99 Prozent der weiblichen Bevölkerung. Das übrige Prozent stellen Frauen wie Ursula von der Leyen. Charmant und freundlich, schlagfertig und klug: All diese Attribute schreibe ich ohne den geringsten Hauch von Spott und ohne jede Stutenbissigkeit nieder. Auch wenn sie meiner Meinung nach in der falschen Partei ist, verehre ich von der Leyen wie die Illustrationen zu Andersens Märchen in meiner Kindheit und freue mich, dass zumindest einer dieser zarten Feen die Übersiedelung ins echte Leben geglückt ist. Völlig unverständlich, wie es gewisse Herren von der katholischen Kirche schaffen, gegenüber diesem fleischgewordenen Männer- und Frauentraum Argwohn aufzubieten. Jubeln müssten die doch, dass es überhaupt so etwas Engelsgleiches gibt, diese Mutter mit ihren sieben Kindern.

Vielleicht ist es aber verlorene Liebesmüh, gegen Augsburger Aversionen zu argumentieren, wie es seit Tagen und Wochen immer wieder versucht wird. Mein Vorschlag: In Diskussionen zur Familie sollte man die Vertreter der katholischen Kirche überhaupt nicht mehr anhören. Sie dürften ihre Meinung natürlich nach wie vor äußern, aber kann man sie ernst nehmen? Genau besehen: schon lang nicht mehr. Das allerdings nicht, weil katholische Priester selbst keine Familien haben – ein oft gehörtes, doch sehr merkwürdiges Argument. Natürlich kann auch, wer noch nie im Gefängnis war, für Amnesty International spenden, darf auch der Nichtakademiker eine Meinung zu Studiengebühren haben, und zu Recht entwirft der kerngesunde Arzt einen Therapieplan für seinen Patienten.

Nicht wegen eigener Kinderlosigkeit, sondern aufgrund zweier anderer Umstände hat die katholische Kirche in Sachen Familie ihre Glaubwürdigkeit verspielt – oder Ende des 20. Jahrhunderts nicht wiedererlangt. Der eine ist, man vergisst es leicht, ihre Ablehnung der Empfängnisverhütung. Verhütung gilt der katholischen Kirche nicht als lässliche Sünde am Wegesrand, sondern als Indiz einer verwerflichen Haltung zu Liebe und Sexualität insgesamt, die Gott angeblich in den Dienst der Familiengründung gestellt hat. Während die allermeisten deutschen Katholiken längst der Auffassung huldigen, dass man Sex auch um der Lust und der Liebe willen genießen dürfe – allemal, wenn man verheiratet ist –, steht und fällt das offizielle katholische Familienbild nach wie vor mit der auf Nachkommen bezogenen Sexualität. Und wer diese Voraussetzung nicht teilt, braucht sich den Rest eigentlich gar nicht zu Herzen zu nehmen.

Der zweite Umstand, der katholische Priester zu schlechten Ratgebern in Sachen Familie macht, ist wiederum nicht ihr Mangel an Ehefrauen, sondern der an Kolleginnen. Irgendwie hat es die katholische Kirche als einzige unter allen deutschen Institutionen und Unternehmen durchgesetzt, dass ihre Stellen nur an Männer vergeben werden. Trotz Gleichbehandlung und Grundgesetz!

Aber die katholische Kirche darf ihre verantwortungsvollen Posten nicht nur explizit für Männer ausschreiben, sondern auch ausschließlich an solche vergeben: Selbst bei deutlich geringerer Qualifikation werden Männer garantiert bevorzugt. Und jetzt befürchtet jemand, der einer solchen Männerdomäne angehört, Frau von der Leyens Kitas könnten zu viele Frauen aus dem Haus in die Berufstätigkeit locken?

Aus alledem folgt übrigens nicht, dass man die Autorität der katholischen Kirche auch in anderen gesellschaftspolitischen und ethischen Angelegenheiten anzweifelt. Was Kapitalismus, Konsum und die Kunst der Selbstbeschränkung angeht, besitzt die Stimme der Kirche größtes Gewicht. In Sachen Gentechnik, Embryonenforschung und Sterbehilfe mag man anderer Ansicht sein, doch auch hier sind die Kirchen unverzichtbare Mahner, die an das erinnern, was der Mensch nicht ohne Skrupel antasten sollte. Der Papst predigt Solidarität und Frieden in der Welt. Was wären wir ohne diese vorbildliche, idealistische Unverdrossenheit?

Nur eben bei den Themen Frauen und Berufstätigkeit sind die Ideale nicht nur schwer zu erreichen, sondern werden kaum geteilt. Womit wir wieder bei der tapferen Familienministerin sind und dem Kampf, den Herr M. aus Augsburg gegen sie führt. Wenn man Herrn M. zuhört, könnte man meinen, Frau von der Leyen wolle an eine intakte Felswand namens gesunde deutsche Familie als Erste brutal den Meißel ansetzen. Bloß wissen alle: Diese Wand ist längst zerbröselt, viele Eltern sind geschieden, man erzieht allein oder bestenfalls im Patchwork, da ist nichts mehr aus einem Stück.

Das Idyll, dessen Fortbestehen Bischof Mixa verteidigen will, findet man, wenn überhaupt, bei der Ministerin selbst verwirklicht, wobei jedem klar ist: Eine solche Kinderschar samt Ministerium erlangt man nicht durch mütterliches Herz und Plätzchenbacken allein. Selbst die Familie von der Leyen ist kein Stück gute alte Zeit, das auf wundersame Weise ins 21. Jahrhundert herübergerettet werden konnte, sondern ein echtes Kind des Turbokapitalismus, von Leistungssteigerung und Ressourcenausschöpfung, Zeitplanung und Effizienzdenken. Und Geld. Es spricht sehr für von der Leyen, dass sie diesen Zusammenhang nie verhehlt: Ohne geeignetes materielles Gerüst, das notfalls der Staat schaffen muss, gibt es keine freie Wahl bei der Kindererziehung.

Die ständige Beschwörung solcher Wahlfreiheit – oder vielmehr die völlige Okkupation dieses Begriffs durch die Kinderfrage – ist gleichzeitig das Einzige, was man von der Leyen oder den Folgen ihrer Politik übel nehmen kann. Denn unter Wahlfreiheit wird neuerdings nur noch verstanden, ob man sein Kind zu Hause haben oder in der Kita betreuen lassen will. Wahlfreiheit heißt aber auch die Option, ein einziges Kind oder sieben oder gar keins haben zu wollen, und dass keine Entscheidung per se besser ist als die andere.

Wahlfreiheit bedeutet, dass man vielleicht gar keine lebenslange Partnerschaft eingehen will, oder eine mit einer Frau; Wahlfreiheit hieße, dass ein Mädchen, das ein naturwissenschaftliches Abitur abgelegt hat, durch die Hochschulstatistiken ermutigt würde, den Weg in die Physik einzuschlagen, und zwar bis an die Spitze ihrer Universität. Wahlfreiheit hieße, dass kein einziges Mädchen Angst haben müsste, mit ihrem Onkel oder Vater allein zu sein, dass einer Frau, die gar nicht arbeiten will oder kann, ein Grundeinkommen sicher wäre, und übrigens auch, ob sie – egal, was Ehemann und Arbeitgeber sagen – ein Kopftuch tragen will oder nicht.

Zumindest eine vereinzelte Physikerin an der Spitze kennen wir alle. Auch wenn sie Bundeskanzlerin und unser aller Chefin ist, und obwohl ich nicht das Geringste über ihren Umgang mit der Waschmaschine weiß, wette ich mal, sie gehört zu der zweiten Sorte Frau, zu denen mit dem Wirbel, zu „unseren“ 99 Prozent. Sie hat viel, aber eben nicht alles hingekriegt. Sie hat nicht immer eine Superfrisur gehabt, schöne Kostüme trägt sie nur, weil die Regenbogenpresse sonst schimpft; ihrem Mann gönnt sie ein eigenes Leben, er muss nicht immer bei allem mit, womit das Paar das Damenbegleitprogramm unserer Diplomaten so herrlich ad absurdum führt.

Und, ja, Angela Merkel hat keine Kinder. In der Zeit, in der andere stillen, bei Hausaufgaben helfen oder Laternen basteln, hat sie eben anderes gemacht. Auch bei ihr finde ich es schade, dass sie viele falsche Ansichten hat, aber auch sie ist ein leuchtendes Beispiel für die Freiheit der weiblichen Wahl. Und jedes Mal, wenn sie und die hübsche niedersächsische Pferdefee in den Nachrichten auftauchen und irgendetwas von sich geben, dem ich inhaltlich überhaupt nicht zustimmen kann, bin ich doch froh, dass es die beiden gibt.

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