Kultur : Die Freiheit, die sie meinte

Anarchistin der Fantasie – zum Tode der großen Hollywood-Schauspielerin Katharine Hepburn

Christiane Peitz

Manchmal hat es ihr doch die Sprache verschlagen. Es geschah selten genug, aber sie stockte dann auf diese unnachahmlich beredte Weise, schnappte nach Luft, biss die Zähne zusammen und rang mit flattrigen Lippen nach dem treffenden Argument, dem passenden Bonmot oder wenigstens einer knappen Replik. Eine Niederlage im Krieg der Worte, das war die schlimmste denkbare Katastrophe für die Kinoheldinnen der Katharine Hepburn. Sie hat selten welche einstecken müssen. Und wenn, dann aus Gründen höherer Gewalt. Einer Gewalt, von der sie selbst gesagt hat, man nenne sie Liebe.

Das war das Allerschönste an ihrer Kunst, im Schlagabtausch mit den Männern, mit Spencer Tracy, Cary Grant, Burt Lancaster oder Humphrey Bogart dann doch das letzte Wort zu haben: dass Rede und Widerrede, Streit und Zoff und Ehekrach bei ihr immer eine erotische Angelegenheit waren. In den Filmen mit Katharine Hepburn begann die Liebesnacht nicht, wenn alles gesagt war, sondern am hellichten Tag. Das Gespräch zwischen Mann und Frau galt ihr nicht als Vorspiel, sondern als höchst lustvolle Angelegenheit. Das Begehren erwachte mit der ersten Auseinandersetzung, und die Liebe machte nicht sprachlos, sie löste die Zunge. Andere ziehen sich aus, Hepburn entwaffnete mit rabiater Ehrlichkeit. Ihre Intelligenz war unglaublich sexy.

Katharine Hepburn also. Man denkt an Howard Hawks’ „Leoparden küsst man nicht“ von 1938, wie sie den Dinosaurier, das Lebenswerk des Paläontologen Cary Grant, kurzerhand zum Einsturz bringt. An ihre Nacht vor der Hochzeit in „Philadelphia Story“. An ihre neun Ehekriegsfilme mit Spencer Tracy, angefangen mit „Die Frau, von der man spricht“ (1942) über die Gerichtskomödie „Adam’s Rib“(1949) bis zur scharfen Rassismus-Anklage „Rat mal, wer zum Essen kommt“ (1967), kurz vor Tracys Tod: Da hatte sie für ihre Wortakrobatik endlich einen ebenbürtigen Sparringspartner gefunden. Oder an John Hustons „African Queen“ (1951), wo sie als missionarische Jungfrau ausgerechnet dem coolen Humphrey Bogart den letzten Nerv raubt – dabei war der von Lauren Bacall schon einiges gewöhnt.

Die Hepburn also. Die spröde Hepburn mit den Sommersprossen, der gegerbten Haut und dem unbändigen Temperament. Die schöne Hepburn mit den noblen Gesichtszügen: Katharine die Große wurde sie genannt, weil ihre Karriere 1928 im Theater in Baltimore mit dem Stück „Die Zarin“ begann. Hepburn, die Rekordfrau: vier Oscars, zwölf Nominierungen. Dazu Hollywoods energischster Trotzkopf – keinen der Oscars nahm sie persönlich entgegen, und ihre Autobiografie aus dem Jahr 1991 heißt einfach „Ich“. Hollywoods letzter Superstar, tönt es nun auch aus Amerika: dass die Fans schon wenige Minuten nach Bekanntgabe des Todes zu ihrem Stern am Walk of Fame gepilgert seien und dass Larry King wegen ihr sogar sein Talkshow-Programm geändert habe. Charakter hatte einmal Konjunktur in der Traumfabrik. Und man wird, der traurigen Nachricht wegen, doppelt wehmütig.

Koketterie und Selbstbewusstsein. Weiblichkeit und Feminismus. Aufopferung und Karriere. Willensstärke und Albernheit. Bei Hepburn waren das keine Gegensätze. Einerseits hielt sie sich durchaus an die klassischen amerikanischen Tugenden: Ihre Leinwandfiguren landen zum Happy-End wie gehabt im Hafen der Ehe. Gleichzeitig hat sie ihre 27 Jahre währende Lebensliebe zu Spencer Tracy nie legalisiert, weil sie dessen erzkatholische, kinderreiche Ehe nicht gefährden wollte. Und doch sprengte sie den konventionellen Rahmen, wenn sie ihn in den Screwball-Komödien von Cukor, Huston und Hawks, den Melodramen und Familienstücken wie noch „Am goldenen See“, 1981 an der Seite von Henry Fonda, augenzwinkernd ausfüllte, als wolle sie sagen: Bittesehr, aber das ist doch wohl nicht euer Ernst! Und so jagt sie vor der Eheschließung Wildkatzen im Vorgarten, schlägt sich durch den Dschungel, legt sich mit der Gerichtsbarkeit an, wirbelt die Ordnung der bürgerlichen Welt nach Kräften durcheinander.

Im wirklichen Leben trug sie Hosen und nannte sich „die Großmutter der Turnschuhgeneration“, wetterte während der McCarthy-Ära gegen die Hexenjagd in Hollywood und legte sich nicht selten mit Regisseuren oder Studiobossen an – was ihr fälschlicherweise den Ruf als Kassengift einbrachte. Denn sie war weniger eine Revolutionärin der Tat als eine Anarchistin der Fantasie.

Geboren wurde sie am 12. Mai 1907 als Tochter eines reformerischen Urologen und einer Frauenrechtlerin, sie hatte fünf Geschwister: kein Wunder, dass es in der Familie recht unverblümt zuging. Ihren ersten öffentlichen Auftritt absolvierte Katharine mit vier Jahren, mit einem Luftballon und dem Slogan „Votes for Women“. Als sie in einem ihrer ganz frühen Filme, Cukors „Little Women“ 1933, das Treppengeländer putzen soll, rutscht sie in Erledigung ihrer weiblichen Pflicht einfach darauf herunter. 43 Mal stand sie vor der Kamera – und hat von ihrer Leidenschaft für das Theater dabei nicht gelassen.

Die Freiheit, die sie meinte: Von ihrem Knebelvertrag mit den RKO-Studios kaufte sie sich nach dem Erfolg mit „Leoparden küsst man nicht“ los, für 200000 Dollar. Noch im hohen Alter – bis zu ihrer Parkinson-Krankheit – verteidigte sie das Recht auf Falten, fuhr Motorrad und Skateboard (und wer noch mehr Details erfahren will, der warte auf A.Scott Bergs neue Biografie „Katharine Hepburn – ein Jahrhundertleben“, die demnächst im Karl Blessing Verlag erscheint) .

Diven, sagt man gewöhnlich, seien unnahbar. Katharine Hepburn war eine Diva, aber sie hat sich bei allem Glamour nie mit der Aura des Unnahbaren umgeben: Der Disput, den sie so liebte, verlangt ein offenes Visier. Am Sonntag ist sie gestorben, in Old Saybrook/Connecticut, im Kreis ihrer Lieben, mit 96 Jahren. Vom Tod hat sie einmal gesagt, sie begrüße ihn: Man müsse dann keine Interviews mehr geben. Aber streiten wird sie sich mit den Himmelsmächten gewiss – auf dass es auch dort funken möge.

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