Kultur : Die fremde Zumutung

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Sie gilt, sagt der Sozialphilosoph in seiner Festrede, als Vermittlerin zwischen den Fronten, als jene Friedensstifterin, die Animositäten und Aggression auf einer höheren Ebene aufzulösen vermag. Doch ist die Toleranz wirklich so erhaben? Johann Wolfgang von Goethe habe seine Zweifel gehabt: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen". Auch wenn wir einander regelmäßig beleidigen - Toleranz gehört zu unserem unverzichtbaren Werte-Repertoire. Die Frage ist nur: „Wann müssen wir tolerant sein?“

So lautet der Titel des Vortrags, den Jürgen Habermas auf dem Leibniztag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften im Konzerthaus am Gendarmenmarkt hält. Erst im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert sei die Toleranz zum Rechtsbegriff geworden. So genannte Toleranzakte sollten der Bevölkerung damals „ein tolerantes Verhalten im Umgang mit religiösen Minderheiten - Lutheranern, Hugenotten, Papisten - auferlegen". Die Denker hätten stets für die Übernahme der Perspektive des Anderen als Voraussetzung toleranten Handelns plädiert: „Wenn den Mufti die Lust überkommen sollte, zu den Christen einige Missionare zu entsenden, wie der Papst solche nach Indien schickt, und man diese türkischen Missionare dann dabei überrascht, wie sie in unsere Häuser eindringen, um ihre Aufgabe als Bekehrer zu erfüllen, so glaube ich nicht, dass man befugt wäre, sie zu bestrafen“, schrieb Pierre Bayle Anfang des 18. Jahrhunderts. Durch den Perspektivenwechsel, so Habermas, werde eigene Intoleranz und das eigene Unrecht erkannt. Ein erster Schritt, um „autoritäre Grenzziehung und willkürliches Ausschließen“ zu bekämpfen und stattdessen einen Toleranzbereich zu bestimmen, der „alle Betroffenen gleichmäßig überzeugt".

Das religiöse „Urbild“ der Toleranz ist im Laufe der Zeit „zur Toleranz gegenüber Andersdenkenden überhaupt verallgemeinert worden“ und gilt heute als „Kernbestandteil jeder liberalen politischen Kultur.“ Dieser habe aber noch eine andere, „systematische Bedeutung: Toleranz können wir nur gegenüber einer aus guten Gründen abgelehnten Überzeugung üben“, so Habermas. Was wir auf der kognitiven Ebene ablehnen, müsse auf der „Ebene der sozialen Interaktion“ ausgehalten werden. Die „politische Tugend der Toleranz“ ist dann gefragt, „wenn Grundüberzeugungen aufeinander stoßen, für die die politische Kultur keine gemeinsame Sprache bereithält und vernünftigerweise keine Einigung erwarten lässt". Der Konflikt, der auf der „relevanten kognitiven Ebene unlösbar sei, müsse neutralisiert, jedenfalls gebremst werden, um auf der Ebene der sozialen Interaktion Anschlüsse zu wahren: Das soziale Band soll nicht reißen". Das gelte für Religionen ebenso wie für politische Ideologien und metaphysische Weltdeutungen.

Habermas bleibt bei seinen Ausführungen leider ganz auf dem Feld der Theorie. Gleichwohl räumt er ein: Uneingeschränkte Toleranz sei natürlich weder möglich noch wünschenswert. Erlangt werden könne Toleranz nur, wenn eine Religion oder eine Gruppe sich „die normativen Grundlagen des liberalen Staates unter eigenen Prämissen aneignet". Außerdem stelle sich die Toleranzfrage „erst nach Beseitigung der Vorurteile, aufgrund deren eine Minderheit zunächst diskriminiert worden ist.“ Doch beständen selbst in der idealen Gesellschaft eines „gleichberechtigten Miteinanders“ exklusive Geltungsansprüche, die „nicht nur eine Frage der Wertschätzung, sondern eine von Wahrheit oder Unwahrheit“ darstellten. Die fremde „Wahrheit“ bedeute für den anderen immer „eine Zumutung". Aber gerade die Zumutung mache Toleranz um so nötiger.

Im Anschluss an den Vortrag vergab die Akademie der Wssenschaften zwei ihrer höchsten Auszeichnungen: die Helmholtz-Medaille für überragende wissenschaftliche Leistungen an den Mathematiker Friedrich Hirzebruch sowie die Leibniz-Medaille für herausragende Leistungen bei der Förderung der Wissenschaften an den Literaturwissenschaftler und Mäzen Jan Philipp Reemtsma. Tom Heithoff

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