Kultur : Die Frühlingsbrise ist so gut wie der Schneesturm

Zu Gast in Berlin: Ko Un, Koreas größter Dichter, über Schreiben und politisches Engagement

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Ko Un, 1933 im Südwesten Koreas geboren, ist der berühmteste Lyriker seines Landes. Am Samstag um 20 Uhr liest er neben zehn anderen Dichtern bei der „WeltklangNacht der Poesie“ auf dem Potsdamer Platz in Berlin. Mit 19 Jahren trat Ko Un in ein Zen- Kloster ein, wo er Gedichte zu schreiben begann. Bis heute hat er mehr als 100 Bücher veröffentlicht. Zwei Auswahlbände, „Ein Tag voller Wind“ (Pendragon) und „Die Sterne über dem Land der Väter“ (Suhrkamp), liegen auch auf Deutsch vor. Mit seinem Abschied vom Kloster Anfang der Sechzigerjahre entwickelte er sich zu einem politischen Intellektuellen, der für sein Engagement zahlreiche Repressalien erdulden musste. Über Ko Uns bewegtes Leben gibt seine Website www.koun.co.kr Auskunft.

Der Mönch, der das Kloster gegen ein Leben in der Hauptstadt eintauscht; der Bohemien, der sich zum Dissidenten bekehrt; Rückzug aufs Land, Familienleben und illegale Aktivitäten für die Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea. Was bedeuten Ihnen diese Lebensabschnitte?

Es ist wie mit Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Wir bezeichnen die Jahreszeiten unterschiedlich, obwohl sie zu einem kontinuierlichen Prozess gehören. Ebenso neige ich dazu, mein Schreiben als ein Ganzes zu sehen. Während des Korea-Kriegs habe ich eine Tragödie erlebt; auf diesem Scherbenhaufen entstand mein literarisches Leben. Das Bewusstsein des Ruins war die Grundlage meines Schreibens. In den frühen Siebzigerjahren lernte ich eine mir zuvor unvorstellbare Realität Koreas kennen. Ein Textilarbeiter, der für bessere Arbeitsbedingungen kämpfte, hatte sich verbrannt. Nachdem ich zuvor mehrmals versucht hatte, mich umzubringen, musste ich diese beiden Tode vergleichen. Ich entdeckte alle möglichen Probleme: von der Teilung des Landes über die Diktatur bis zur Lage der Arbeiter und der Menschenrechte. Um 1990, als wir einige der gravierendsten Probleme überwunden hatten, konnte meine Literatur einen anderen Weg einschlagen.

Wohin führte Sie dieser Weg?

Die Lyrik des 21. ist nicht anders als die des 20. Jahrhunderts. In mir leben gleichzeitig die Erinnerung der Vergangenheit und der Traum von der Zukunft. Erfahrung ist etwas, das im Traum bereits eine Art Vorleben hatte. Und Imagination ist auch die Verkörperung einer vorangegangenen Erfahrung.

Viele Ihrer Kollegen, die in den Achtzigerjahren zur Opposition gehörten, scheinen heute orientierungslos. Als mache das Ende der Diktatur und die rasante Entwicklung des Landes ihr Engagement zunichte. Sie dagegen betonen die Kontinuität.

Warum sollten wir die Unterschiede zwischen den Generationen so betonen, auch wenn die letzten zehn Jahre nicht nur die Wirklichkeit, sondern auch die Literatur verändert haben? Ich kann mich der Frühlingsbrise hingeben und den Schneesturm willkommen heißen.

Sie waren als Mönch ein Wanderer, aber erst seit Sie einen Pass haben, seit 1992, können Sie reisen.

In meiner Rede auf der Leipziger Buchmesse im Frühjahr habe ich betont, dass Literatur von Natur aus Gast ist. Sie hat nur Bedeutung, wenn sie Verbindungen herstellt. War die Literatur nicht immer unterwegs, um Erfahrungen zu sammeln und mit anderen Menschen zu teilen?

Aber Ihre Gedichte durften lange nicht übersetzt werden. Erst 1989 erschien in Japan ein erster Band, 1992 in den USA. Dort reagierten Beat-Poeten wie Allen Ginsberg hymnisch. Spüren Sie in den USA eine größere Affinität zu Asien als in Europa?

Im 20.Jahrhundert ist Amerika für uns Koreaner unverzichtbar geworden. Wir konnten die Arbeiten unserer amerikanischen Kollegen kennen lernen, die wiederum vertraut waren mit der asiatischen Philosophie und den Religionen. Uns erschien die Beat-Generation in den Sechzigerjahren als Mythos. In Europa könnten sich allmählich auch gemeinsame Interessen oder Werte entwickeln. In Europa interessierte man sich eher für andere europäische Länder als für den Fernen Osten. Das fängt jetzt erst an.

In Ihren Gedichten verwenden Sie auffallend viele Warnungen und Imperative.

Lyrik sollte ein Gespräch sein. Meine Imperative richten sich aber auch an mich selbst. Ich wurde zu einem im Wind flatternden Banner! Außerdem wird der Imperativ vor allem im koreanischen Zenbuddhismus als Zeichen aufgefasst, das den Kompromiss einzubeziehen versucht. Im Zen ist mit Appellen wie „Geh weg“ oder „Komm mit“ das Ich angesprochen: Ich soll weggehen, mich öffnen – eine dem gängigen Verständnis entgegengesetzte Bedeutung.

Sie haben der koreanischen Unabhängigkeitsbewegung mit dem Epos „Der Berg Paekt“ ein Denkmal gesetzt und vielen Menschen das Weiterleben in Ihrer „Maninbo“-Sammlung ermöglicht. Was ist das für ein Projekt?

Ich saß 1980 in einem Militärgefängnis bei Seoul in Dunkelhaft. Zwischen Leben und Tod versuchte ich, klare Gedanken zu behalten. Also nahm ich mir vor, wenn ich am Leben bliebe, über all die Menschen zu schreiben, denen ich je begegnet bin. Diese Idee half mir zu überleben. Ich fing mit meiner Kindheit an, mit allen Menschen, die ich jemals traf.

Wie ist der Stand dieses gigantischen Vorhabens?

„Man“ bedeutet 10000. Ich hatte tatsächlich vor, über 10000 Leben aufzuschreiben, aber ich muss mich beschränken. Vielleicht gelingt es mir, 5000 Menschenleben zu erzählen. Fast 4000 Lebensgeschichten sind mittlerweile in Gedichte gefasst. Sechs Bände umfasst der bisherige Teil in der Gesamtausgabe, die mir der Changbi Verlag 2003 zum 70. Geburtstag geschenkt hat.

Das Gespräch führte Barbara Wahlster.

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