Kultur : Die Frustmaschine

KATRIN BETTINA MÜLLER

Fast dunkel ist der Raum, in den die kanadische Künstlerin Janet Cardiff einen alten Arbeitstisch hineingestellt hat.Nur die Tischplatte, abgegriffen und rauh, steht beleuchtet da.Wer mit den Fingerkuppen über die Holzrillen fährt, löst Stimmen aus, leise, träumerisch, lockend und bedrohlich."Erzähl mir die Geschichte meiner Narben", bittet eine Frau, und eine andere nimmt uns mit in jene Nacht, als sie schlaflos aus dem Haus rannte.

Die Macht der Sprache, ihre Fähigkeit, uns unter die Haut zu fahren und uns zu erschüttern, bildet das Zentrum der Video-Installation "Atlantic" der Engländerin Sam Taylor-Wood.Aus drei Blickwinkeln ist der Streit eines Paares zu sehen, nur akustisch kann man ihn kaum verstehen: Der Wortwechsel geht unter in der Geräuschkulisse des Londoner Luxusrestaurants.Um so deutlicher ist die Körpersprache der beiden: ihre Mimik und die Bewegungen ihrer Hände, die Taylor-Wood aus der Szene herausgelöst hat, das Ringen um Fassung, dem man die Kraft ansehen kann, die ein solcher Streit kostet.

In ihren besten Momenten ist die Ausstellung "TALK.Show" bewegend wie Kino, in anderen trocken wie ein Linguistik-Seminar.In der Bibliothek, die Clegg & Guttmann als Teil der Installation "Verité" aufgebaut haben, erinnern sozialwissenschaftliche und kommunikationstheoretische Broschüren an die raren Augenblicke akademischer Erkenntnis, die manchmal schnell wieder zu Trivialitäten zusammenschnurren."Status of Frustration" heißt eines der herumliegenden Hefte, aber hinsetzen und lesen mag sich niemand.

Neben dem Output der Wissenschaftler läßt das israelisch-amerikanische Künstlerduo Mitschnitte der "Candid Camera" laufen, wo sprechende Briefkästen und explosive Mundduschen Menschen in Verlegenheit bringen.Hier wie dort ist die Kommunikation gestört und Normalität unter den Bedingungen der Beobachtung nicht mehr möglich.Selbst die Kunst erhält bei Clegg & Guttmann kaum eine Chance, mehr zu sein als eine Stimme im Geraune der Experten, die aus dem Turm der Metaebenen nicht mehr auf den Boden findet.

Dieser pessimistische Grundton prägt die Bestandsaufnahme unserer Gesprächskultur in der Wuppertaler Ausstellung, an der sich 21 Künstler aus den USA, England, Deutschland und der Schweiz beteiligen.Noch nie durchdrangen medientheoretische Modelle das Gefüge der Geistes- und Sozialwissenschaften so umfassend wie Ende dieses Jahrhunderts.Noch nie standen unserer Kommunikation soviele Instrumente zur Verfügung wie heute.Glücklicher, menschlicher macht uns das nicht.

Als Gefangene der Medien, die Gespräche auf- und vorführen, bis der Zwang zur Selbstdarstellung nichts anderes mehr als Selbstdarstellung von ihnen übrigläßt, hat Tony Oursler zwei kleine Puppen inszeniert.Schlaff balancieren ihre Stoffleiber auf der Kante eines Bretts; nur das Licht eines wenige Zentimeter vor ihnen aufgebaute Projektors verleiht ihren verzerrten Mondgesichtern Leben.Der Ton ist so leise, daß man nur einzelne Fetzen ihres Gespräches über Ethik und Identität verstehen kann.Aber so genau sie ihre Situation auch analysieren, entkommen können sie ihr nicht.

Kaum weniger gemein ist Mike Kelleys "Dialogue #1", bei dem zwei abgewetzte Stofftiere auf einer roten Decke sitzen.Der Zuschauer nimmt davor wie im Theater Platz.Aber statt der Geschichte einer Freundschaft, die man von diesen mitleiderregend abgeknutschten Kuschelmonstern erwartet, steigern sich die Stimmen auf dem Kassettenrecorder zu obszönen Schimpftiraden.

Mit Adib Fricke, Eran Schaerf, Christine Hill, Yana Milev und Daniel Pflumm ist die Berliner Kunstszene in der "TALK.Show", die später ins Haus der Kunst nach München wandert, gut vertreten.Fricke, Hill und Pflumm setzen ebenso wie Heimo Zobernig und Rirkrit Tiravanija auf die Kunst als kommunikatives Dienstleistungsangebot.Doch das erschöpft sich häufig in der Selbstreferentialität: Da werden dem Ausstellungsbesucher Pappmöbel und Telefone zur Verfügung gestellt, um mit anderen Besucher Kontakt aufzunehmen (Tiravanija).Besonders inspirierend, über das "Hallo" hinaus zu kommunizieren, ist das nicht.Da erinnert man sich doch lieber an die Zeiten, als ein "Tischtelefon" noch Sekt und auch sonst Prickelndes verhieß.

Von der Heydt-Museum, Wuppertal, bis 24.Mai.Katalog 39 DM

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