Kultur : Die Fünf-Minuten-Depression

Ralph Geisenhanslüke

Bürobote Chris hat einen Traum, der so alt ist wie das Geschäft mit den Träumen: Einmal aus der Masse herausragen! Ein Star sein! Nach Feierabend greift er zu Muttis Make-up und zieht die Lederjacke an. Chris ist ein Rocker, und weil seine Geschichte in den Achtzigern spielt, kommt er noch nicht auf die Idee, sich bei einer Reality-Show zu bewerben. Er geht zur Probe mit seiner Band. Die trägt den Namen "Blood Pollution", zu deutsch: Blutvergiftung. Aber das ist nicht wirklich böse gemeint. Damals gab es sogar Bands, die sich Anthrax nannten, und auch die sahen aus, als hätten sie sich an Muttis Schminke vergriffen.

Der Name bleibt das einzig Eigenständige bei Chris und seinen Jungs. "Blood Pollution" ist eine Cover-Band, genauer gesagt: eine Tribute-Band, denn das Fremdmaterial, das sie nachspielen, stammt nur aus einer Quelle: Ihr Vorbild heißt Steel Dragon. Steel Dragon sind für Chris das Ersatz-Leben. Eine fiktive Gruppe, in der sich die ganze barocke Aufgeblasenheit einer Heavy-Metal-Band konzentriert. Pudelfrisuren, Verstärkerwände, Big Business. Ausgerechnet diese Helden rufen eines Tages an - und wollen Chris als Nachfolger für ihren Sänger verpflichten. Die Kopie ist besser als das Original. Der kleine Fan kommt nach Walhalla. Er darf nicht nur backstage, sondern on stage.

Die Geschichte klingt wie aus dem Schnittmusterbuch, hat aber eine reale Vorlage. Judas Priest, die sich inzwischen von "Rock Star" distanziert haben, verpflichteten vor sechs Jahren einen Mann Namens Tim Owens. Der darf noch immer die Hallen vollschreien. Chris aber, gespielt von Mark Wahlberg, muss das Geschäfts- und Geschlechtsgebaren im Rock-Zirkus so klischiert kennen lernen, wie es das Drehbuch vorschreibt. Darin ist der - puh! - Sumpf von Sex, Drogen & Stretch-Limos gar nicht gut für den Jungen aus der kleinen Stadt.

Früher ähnelten solche Musikfilme den plumpen Playbacks im Fernsehen, wo häufig sogar vergessen wurde, Kabel in die Gitarren zu stecken. Mittlerweile hat das Genre eine gewisse Professionalisierung durchgemacht. Kinogänger aber wollen keine Fachsimpeleien über die besten Fender-Jahrgänge, sie möchten hinter die Kulissen schauen. Handelt es sich um Einzelaspekte wie das Altersproblem in "Still Crazy" oder um Randerscheinungen wie den Nachwuchs-Rock-Kritiker in "Almost Famous", kann das gelingen. Wer aber die ganze Tragik eines Rockstars zeigen will, muss schon Oliver Stone heißen und sich ein Thema wie die Doors vornehmen. Mark Wahlberg, der sein austrainiertes Abdomen unter blankem Leder trägt, schafft gerade mal eine Fünf-Minuten-Depression zwischen einem Blow-Job und der nächsten Linie Koks. Schade, dass er die hübsche Perücke nicht schon in "Planet der Affen" getragen hat.

Eine Weile sorgt der trendgerecht inszenierte Trash aus den Achtzigern für Heiterkeit - einer Zeit, als die Hotelzimmer längst niedergeritten, Hard Rock und Heavy Metal bereits historische Erscheinungen waren und ondulierte Poser wie Steel Dragon mit dem schönen Etikett "Hair Metal" belegt wurden. Immerhin: Die Live-Szenen sind glaubwürdig durch Einsatz real existierender Musiker. Timothy Spall, der schon bei "Still Crazy" den Tour-Bus mit seiner Doppelkinn-Gemütlichkeit füllte, gibt einen angenehm durchtriebenen Road-Manager. Doch er und die ursprüngliche Ausrichtung als Komödie haben keine Chance gegen Regisseur Stephen Herek ("101 Dalmatiner") und sein wohlfeiles Moral-Tremolo, das der ehemalige Pop-Star Marky Mark zudem nicht verkaufen kann.

Am Ende bleibt eine sentimentale Note: Würde eine solche Geschichte in 20 Jahren auf unsere Gegenwart zurückblicken - sie handelte wahrscheinlich von den New Kids mit Bock auf Erfolg, von Meetings, Castings & Shootings. Dagegen wirken Wahlberg und seine Mucker richtig menschlich.

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