Kultur : Die Funkelnde

Zum Tod der schottischen Erzählerin Muriel Spark

Gregor Dotzauer

Noch mit 85 Jahren bekannte sie, sich schuldig zu fühlen, wenn sie den Tag nicht am Schreibtisch verbracht hatte. Dabei hätte Muriel Spark, die gestern im Alter von 88 Jahren starb, sich schon lange zurücklehnen und trotz wackliger Beine Spaziergänge durch die Toskana unternehmen können. Dort lebte sie seit einem Vierteljahrhundert in einem kleinen Dorf zusammen mit der Bildhauerin Penelope Jardine lebte. Mit einem Werk von 22 Romanen, zahllosen Short Stories, Gedichten und Theaterstücken gehörte die aus Schottland stammende Schriftstellerin, die von der Queen 1993 zur Dame Commander of the British Empire geadelt wurde, zu den produktivsten und angesehensten Autorinnen Großbritanniens. Auch in Deutschland, wo ihre Bücher im Zürcher Diogenes Verlag erscheinen, fand sie mit ihrer hocheleganten, ironisch funkelnden Unterhaltungskunst, die das Schwarze und das Grimmige nicht scheute, eine feste Gemeinde.

Am 1. Februar 1918 in Edinburgh als einzige Tochter eines jüdischen Vaters und einer anglikanischen Mutter geboren, gewann sie schon als Zwölfjährige den ersten Preis für ein Gedicht. In den fünfziger Jahren konvertierte sie zum katholischen Glauben – eine Wendung, die sich auch in ihren Büchern niederschlug. Wie in den Romanen von Graham Greene, der Spark verehrte, spielt das Nachdenken über das Böse und dessen göttlichen Widerpart bei ihr eine entscheidende Rolle. Der Durchbruch gelang Spark 1962 mit ihrem bis heute berühmtesten Roman: „Die Blütezeit der Miss Jean Brodie“. Sie porträtiert in der Titelfigur eine dominante Lehrerin ihrer Schulzeit an James Gillespie’s High School for Girls: eine Frau, die die Mädchen unter dem Vorsatz, aus ihnen Freigeister zu machen, in eine gefährliche Abhängigkeit mit erotischen Untertönen treibt – bis ihr in der Schülerin Sandy, die als Erwachsene zum Katholizismus findet, eine Gegnerin erwächst.

Zu ihren prägenden Leseerlebnissen hat Muriel Spark so unterschiedliche Bücher wie André Gides „Falschmünzer“, Max Beerbohms Satiren und die nouveaux romans von Alain Robbe-Grillet gezählt – sowie als stilistisches, an Ciceros Klarheit angelehntes Vorbild die Predigten von John Henry Cardinal Newman, dem Vater des Zweiten Vatikanischen Konzils. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs, den Muriel Spark beim britischen Geheimdienst verbrachte, lagern wichtige Teile ihrer fortlaufenden persönlichen und beruflichen Aufzeichnungen in der schottischen Nationalbibliothek, die ihr schon zu Lebzeiten eine schöne Website (www.nls.uk/murielspark/) gewidmet hat. Obwohl Sparks jüngster Roman „The Finishing School – Der letzte Schliff“ nun schon zwei Jahre zurückliegt, sind deshalb die letzten sparkling Sparkisms, die sprühenden Eigenheiten dieser so eingängigen wie eigenwilligen Schriftstellerin, noch lange nicht entdeckt.

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