Kultur : Die Gefährtin

Erna Schilling, die Frau an der Seite des Malers Ernst Ludwig Kirchner: eine biografische Ausstellung in Davos

Bernhard Schulz

Ernst Ludwig Kirchners selbst gewähltes Exil in den Schweizer Bergen entstand 1917 aus der Flucht vor Zusammenbruch und Erschöpfung, schuf aber neues Leid. „Man kann in dieser Einsamkeit sterben und verderben, ohne dass es auch nur bemerkt wird“, schrieb er 1920. Kirchner blieb in der Fremde, obgleich die Anerkennung seines künstlerischen Werkes in Deutschland deutlich zunahm. Seine 1884 im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg geborene, vier Jahre jüngere Lebensgefährtin Erna Schilling – Modell, Geliebte und schließlich auch Betreuerin – litt zunehmend unter der Einsamkeit und flüchtete sich in immer stärkere Depressionen, die wiederum den Künstler belasteten. Zugleich war er der Verursacher ihres Leidens, war es doch sein Lebensentwurf des Eremitendaseins, dem sich Erna Schilling unterwarf, ohne ihn je wirklich zu akzeptieren.

Über „Erna und Ernst Ludwig Kirchner“ – der Künstler beabsichtigte, sie offiziell zu heiraten, ehe er am 15. Juni 1938 seinem Leben ein Ende setzte – zeigt das Kirchner-Museum Davos jetzt eine konzentrierte Ausstellung. Ihr Untertitel lautet „Ein Künstlerpaar“ – und macht stutzig, „denn“, so Museumsleiter Roland Scotti, „wer hätte schon davon gehört, dass Erna Schilling in der Beziehung mehr gewesen sei als eine ,stille Begleiterin’ des Lebens und Werks von Ernst Ludwig Kirchner?“ Der volle Ertrag der eingehenden Forschung zur Beziehung des Künstlers zu seiner „Lebenskameradin“ erschließt sich erst im ungemein ergiebigen Katalog. Aus den Beiträgen von Roland Scotti, Thomas Röske sowie dem Kirchner-Kenner, -Händler und -Sammler Eberhard Kornfeld ergibt sich das Bild eines allein auf seine Kunst (und also seinen Nachruhm) bezogenen Künstler-Egomanen, dem die so oft portraitierte, aus Berlin in die Bergwelt verpflanzte Partnerin der Spiegel eigener Empfindung ist. „Grundsätzlich gilt“, so Scotti, „dass man die Partnerschaftsbilder Kirchners immer als Rückverweis auf den Künstler selbst lesen kann, dass sie kaum je objektive und objektivierbare Gestaltungen eines Gegenübers sind.“ Mehr und mehr – so zeigen es vor allem die Doppelporträts – stellt Kirchner seine idealisierende Vorstellung einer Zweierbeziehung dar, immer weniger jedoch die reale Person Erna Schillings, die doch seine schwankenden Stimmungen zu ertragen hatte und stets, bis zum Tag seines Selbstmordes, auszugleichen suchte.

Ein großer Künstler, eine schwierige Persönlichkeit – und eine Partnerin, die sich für ihn und sein Werk aufgeopfert hat. Die Davoser Recherche rückt Erna Schilling endlich ins verdiente Licht.

Davos (Schweiz), Kirchner-Museum, bis 25. April. Di-So 10-18 Uhr. Katalog 26 Franken.

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