Kultur : Die geheime Theaterkönigin

Von Grass bis Tabori: Sie hat ihre Hand und den Kopf im Spiel. Der Verlegerin Maria Sommer zum 85.

Peter von Becker

Es war Anfang Mai 1979 in New York. Der Theaterregisseur Martin Fried, ein Schwiegersohn von George Tabori, hatte einige Freunde in seine Wohnung an der Upper Westside von Manhattan eingeladen, in der ich für zwei Wochen wohnte. Außer Robert De Niro, der mit Fried damals gerne Brechts „Arturo Ui“ machen wollte, würde auch eine „interesting Lady from Berlin“ kommen. „Bobby“ de Niro war an dem Abend dann ziemlich maulfaul. Aber die schlanke Lady aus Berlin war sofort bemerkenswert. Eine Dame so etwa Mitte fünfzig, die mit ihrem deutschen Akzent und einem so mädchenhaften wie zugleich klugen, alles albern Oberflächliche abwehrenden Lachen in New York sofort jenen preußischen Charme entfaltete, der das Weltstädtische Berlins wachruft. Nicht das Spreedörfliche. Als wär’s Marlenes jüngere Schwester. Maria Sommer.

Wie die Dietrich stammt sie aus Berlin-Schöneberg. Dort nebenan wohnte bei Maria Sommer bis 1945 auch Sabina Lietzmann, später eine große Journalistin, die legendäre New Yorker Korrespondentin der „FAZ“, bei der wir uns in ihrem kleinen Garten in Greenwich Village an einem der nächsten Tage wiedertrafen. Um dann am Broadway in irgendein längst vergessenes Stück zu gehen, bis zur Pause, als Maria Sommer sagte: „Das nehme ich sowieso nicht!“ Da sprach Deutschlands insgeheim einflussreichste Theaterverlegerin. Eine berühmte Unbekannte – in der Medienöffentlichkeit, bis heute. Aber verfilmen Sie mal Günter Grass oder Christa Wolf, inszenieren Sie mal Tabori: Da müssen Sie erst Frau Dr. Sommer fragen!

Maria Sommer, die heute 85 wird und vorhat, auch an diesem Tag wie an jedem anderen, wenn sie nicht grad auf Reisen ist, in ihrem schönen, fast verwunschenen Haus in Dahlem zu arbeiten. Hier residiert sie, telefoniert sie, redigiert sie: zwischen Bergen von Manuskripten, Hügeln von Notizen, in ihren von alten Möbeln geschmückten Wohn-, Arbeits- und Esszimmern, umgeben von Büchern, Gemälden, chinesischem Porzellan und im Treppenhaus von einem Reigen witziger Daumier-Karikaturen („Die habe ich in Paris noch an den Seine-Quais erworben“); jetzt, wenn ihr Blutahorn glüht und der Flieder blüht, arbeitet Maria Sommer auf der Gartenterrasse und hat über sich auf dem Balkon im ersten Stock ihren jungen Stellvertreter Bernd Schmidt. Mittags, das ist das Ritual, versammeln sich die acht Verlagsmitarbeiter plus Haushund Zampano am runden Biedermeiertisch zum gemeinsamen, auch bei Künstlern legendären Essen, das aus dem alten Aufzug aus der Küche im Keller aufgetragen wird.

Sie selbst hat noch Hitler erlebt, als sport- und theaterbegeistertes Schulmädchen gymnastisch tanzend unter Albert Speers Lichtdom bei den Olympischen Spielen 1936; und sie ist für Theaterkarten „schon morgens um fünf“ am Gendarmenmarkt angestanden, um Gründgens als Hamlet zu sehen (der den Nazis zu intellektuell und ungermanisch war) oder Werner Krauß als Dritten Richard. Im Krieg hat sie studiert und ist im April 1945 noch promoviert worden: mit einer Arbeit über die Theaterzensur in Berlin (freilich nur bis 1918). „Für die Doktorurkunde bin ich durch die Trümmer zur Uni Unter den Linden gerobbt.“

Heute sagt sie: „Jeder, der nicht Widerstand geleistet hat, ist mitschuldig geworden. Ich habe keine Judentransporte gesehen, und meine Eltern kannten keine Emigranten. Aber in der Schule sind irgendwann die jüdischen Mädchen nicht mehr da gewesen. Das haben wir verdrängt. Deshalb ist für mich die menschliche Kernfrage: Woher kommt Gewissen? Sind das religiöse, politische, kulturelle Vorgaben, oder gibt es Gewissen ganz aus sich selbst heraus?“

Nach dem Krieg hat sie für den berühmten Verleger Gustav Kiepenheuer gearbeitet. Nach dessen Tod wollte sie schon 1950 selbstständig sein und verschuldete sich – sie, „die erste und dazu noch so junge Frau im Gewerbe“: um von Kiepenheuers Partner Joseph Caspar Witsch (dem späteren Verleger Bölls), den Gustav-Kiepenheuer-Bühnenvertrieb als eigenständigen Theater- und heute auch Medienverlag zu übernehmen.

Mit Jean Anouilh, Graham Green oder dem jungen, sie anschwärmenden Peter Ustinov hat sie dann das erste Geld verdient. 1956 hörte und sah sie bei der Gruppe 47 den unbekannten Autor Günter Grass aus einem Einakter lesen und wusste sofort: „Den will ich in meinem Zirkus haben.“ Am Abend aber, beim Tanz, wählte der junge Grass die junge Sommer. „Er ist ja bis heute ein toller Tänzer und wurde gleich beim ersten Mal etwas intensiv. Ich war noch eine preußische Jungfrau und machte einen steifen Hals. Da sagte er: Maria, Ihren Verlag mögen Sie führen, aber bei diesem Tanz führe ich!“

Daraus wurde eine lebenslange Freundschaft. Grassens Manuskripte liest sie vor dem Druck als eine der ersten Vertrauten. Und was denkt sie über die späte Enthüllung seiner Mitgliedschaft bei der Waffen-SS? „ Für mich war das weder sensationell noch anstößig. Grass hatte immer gesagt, dass er bis zum Schluss an den Endsieg geglaubt habe. Wie kann man ihm, der mit 17 ein paar Wochen lang nichts als Kanonenfutter war und als Überlebender ein so unangreifbarer, vorbildhafter Künstler und Bürger war, daraus heute einen Vorwurf machen!“

Neben Grass ist George Tabori ihre größte „Entdeckung“. Und 1969/70, als sie den hier noch Unbekannten mit seinen „Kannibalen“, dem ersten Stück, das direkt in Auschwitz spielte, zusammen mit dem Regisseur Martin Fried von New York ans Berliner Schiller-Theater holte, da ließ sie am Premierenabend für die beiden ein „Fluchttaxi“ am Bühneneingang warten. Doch es wurde ein großer, stiller Triumph. Passend zu Maria Sommer.

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