Kultur : Die Geheimnisse von Istanbul

Ulrike Baureithel

Wer gestern ins Renaissance-Theater gekommen war, um von Orhan Pamuk eine Stellungnahme oder auch nur eine Bemerkung zum Streit um die Mohammed-Karikaturen zu hören, wurde enttäuscht. Kein Sterbenswort entschlüpfte dem in Istanbul lebenden Schriftsteller: Nicht zum aktuellen Kulturstreit zwischen westlicher und muslimischer Welt und auch nicht zur Einstellung des in seiner Heimat gegen ihn laufenden Verfahrens wegen „Verunglimpfung des Türkentums“. Über Letzteres klärte Joachim Sartorius als Mitveranstalter dieser Veranstaltung im Rahmen der „Berliner Lektionen“ auf. Zum Jubeln, sagte Sartorius, bestehe wenig Anlass. Denn weder sei Pamuk freigesprochen, noch das Damoklesschwert von dessen Landsleuten genommen worden, die in der Türkei wegen ähnlicher Vorwürfe angeklagt sind.

Die Lektion, die der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels dem Berliner Publikum erteilte, entspann sich an einem Ort, wo die Gegensätze präsent sind, in Pamuks Heimatstadt Istanbul. Ihr widmet er sein neues, im Herbst auf deutsch erscheinendes Buch.

Istanbul – das sind die Erinnerungslandschaften des Kindes und jungen Mannes: die alten Holzhäuser in den Nebenstraßen, von kümmerlichen Funzeln schlecht beleuchtet, das Kopfsteinpflaster, über das die Taxifahrer stetig Klage führen, und der in Istanbul alljährlich fallende und doch sensationelle Schnee, der die Bewohner immer wieder in Aufregung versetzt. Die melancholische „schwarzweiße Atmosphäre“, zusammengesetzt aus alten Filmen und Erinnerungen, grundiert nicht nur die Lebensdramen der Menschen, sie mischt sich mit der von außen herangetragenen Idee von der Stadt, ihrer Schönheit, ihrer Geschichte.

Dies an Walter Benjamin angelehnte „Erlebnisgedächtnis“ ist jedoch nicht, wie das Paris des 19. Jahrhunderts, nur melancholisch. Es wird zusammengehalten von dem Gefühl des Hüzün, was nach alter sufistischer Auffassung nicht die Trauer über den Verlust meint, sondern auch augenzwinkerndes Einverständnis, das Wissen, Gott fern zu bleiben, das gemeinsame Ziel nicht zu erreichen.

Diese kollektiv empfundene Melancholie weiß um den Verlust, ohne ihn zu betrauern. Sie verschanzt sich in den Szenarien der Stadt, in den Billigläden, Straßenecken, Moscheen und Bordellen, die Pamuk seinem Publikum in die Köpfe malt, ganze „Listen“, wie er auf Türkisch sagt. Die Stadt verwandelt sich, beendete Pamuk die Lesung, das Erlebte legt sich darüber. Das klingt banal. Doch wenn der Verlust auch Genuss bedeuten kann und Widersprüchliches zusammenfügt, ist das kompliziert. Und Orhan Pamuk ist nicht der Mann, der politische Fertiggerichte serviert. Ihm geht es um das kollektive Gedächtnis seines Landes, das er aufbewahrt – und – wie im Fall des Völkermords an den Armeniern - bei Gelegenheit auch korrigiert.

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