Kultur : Die geilen Täter

Zum Streit um die Berliner RAF-Ausstellung: Was bitte schön heißt hier eigentlich „die Opfer berücksichtigen“?

Bettina Röhl

Im Gegensatz zu dem, was jetzt behauptet wird, dass die popkulturelle Verarbeitung der RAF in den letzten Jahren begonnen hätte, muss historisch festgehalten werden, dass die Heroisierung der Täter und die Verpoppung der RAF mit ihrer Gründung 1970 begann und seitdem der rote Faden ist, der sich bis heute durch die Mediengeschichte der RAF zieht.

Schon Andreas Baader orientierte sich bekanntlich an Marlon Brando, robbte mit einer knallengen Samthose (unter der er keine Unterhose trug) bei Schießübungen durch den Wüstensand, fuhr nur gestohlene BMWs, den berühmten Baader-Meinhof-Wagen, und nahm jede Menge Drogen. Ensslin wurde in der Hamburger Edelboutique Linette verhaftet und Bommi Baumann & Co. filmten sich eitel mit ihren Kalaschnikows und gaben freimütig zu: Das Wichtigste war für uns, was steht am nächsten Tag in der „Bildzeitung“.

Auch das einschlägige Werk von Stefan Aust, „Der Baader-Meinhof-Komplex“, das für seine historische Räuberpistole kaum Quellen nennt, liest sich wie ein Roman à la Bonnie und Clyde und erzählt die Story der RAF vor allem aus der Tätersicht. Die Opfer der RAF sind dagegen von Anfang an bei den Medienmachern kaum Thema gewesen. Im Gegenteil, nach der Auffassung der RAF und der damaligen Sympathisanten standen die Opfer auch nach ihrem Tod auf der „Schweineseite“, gab deren Tod Anlass zur „klammheimlichen Freude“, wie es damals hieß, und selbst dem heutigen Außenminister mochte einst beim Tod von Schleyer, Ponto und Buback, wie er in der Revoluzzerzeitschrift „Pflasterstrand“ schrieb, „keine rechte Trauer aufkommen“.

In der dreißigjährigen RAF-Geschichte, die vor allem eine Mediengeschichte ist, wurde das Bild zementiert, dass die Täter die wahren Opfer seien, in dem sie krank an der Ungerechtigkeit der Gesellschaft sich für uns alle dem Terror hingaben, um die Welt zu verbessern. Die Opfer wurden Störenfriede dieses Bildes.

Aus diesem Grunde sind die Opfer, außer als geschmacksverstärkende Würzmischung für die „geilen“ Tätergeschichten, auch bei den RAF-Jubiläumsaktivitäten regelmäßig vergessen worden und standen auch jetzt erst mal überhaupt nicht im Blickfeld der ins öffentliche Gerede gekommenen Berliner RAF-Aussteller.

Folgte man nun der Behauptung der RAF-Aussteller, es bestehe erneuter Bedarf, der RAF schon wieder einen großen Bahnhof zu bereiten, um sie diesmal endgültig zu „dekonstruieren“ oder zu „entglorifizieren“, und sähe man darüber hinweg, dass die Aussteller öffentliches Geld konzeptlos oder mit zweifelhaftem Konzept generierten, stellt sich die Frage: Was ist eigentlich mit den Vokabeln „Einbeziehen“ und „Berücksichtigen der Opfer“ gemeint?

Es starben nicht nur Big Names

Zunächst einmal ist festzustellen, dass die RAF ihre Opfer erschossen hat, und diese Opfer folglich nicht mehr als aktive Teilnehmer berücksichtigt und einbezogen werden können. Deswegen sind die Angehörigen der Ermordeten jetzt quasi als Substitut für die eigentlichen Mordopfer nachträglich und verschämt aufgerufen worden, sich doch bitte schön in die Täterausstellung einzubringen. Allerdings bedurfte es der öffentlichen Mahnung des Bundeskanzlers und des Bundesinnenministers, um das berechtigte Anliegen der Opfer überhaupt zu berücksichtigen.

Die Big Names – die Witwe von Alfred Herrhausen, die Witwe von Detlev Rohwedder sowie in drei Gottes Namen die ganze Familie Schleyer – wollen die Aussteller jetzt einbeziehen. Die übrigen Opfer existieren für die Aussteller dagegen offenbar nicht. Dabei ist die Zahl der Getöteten der RAF weit aus höher und hier sollen auch nicht die von den eigenen „Genossen“ liquidierten oder die bis heute verschollenen RAF -Mitglieder verschwiegen werden. Die Angehörigen von getöteten Menschen, insbesondere deren Frauen und Kinder, deren Familien, Freunde und Bekannte sind Opfer der RAF, weshalb man hier mit einem Personenkreis von vielen hundert Leuten zu rechnen haben wird.

Die nicht prominenten Opfer wie Chauffeure, Leibwächter, Polizisten, Zollbeamte oder Soldaten wurden von der RAF und ihren Sympathisanten als „Bullen“ bezeichnet, und der Mythos RAF schob diese Opfer als Kollateralschäden eiskalt achselzuckend zur Seite. Eine Haltung, von der die Aussteller, die beharrlich betonen, die drei bekannten Opferfamilien angesprochen zu haben, nicht ganz frei zu sein scheinen. Jedenfalls hört man nichts davon, dass die Aussteller auch unbekannten Opfern der RAF bis jetzt geschrieben hätten.

Kult und Entkultung

Ein Bombenopfer hat kein Motiv zu sterben, und ein Angehöriger eines Bombenopfers hat kein Motiv, einen Menschen durch eine Bombe zu verlieren. Die Opfer geben also makabererweise nichts her für die Motivforschung der letzten dreißig Jahre im Hinblick auf die RAF-Täter. In diesem Zusammenhang ist eben darauf hinzuweisen, dass die in Berlin geplante RAF-Ausstellung nicht auf eine gesellschaftliche unbespielte Festplatte trifft, sondern sich im Kontext eines bereits zementierten Mythos RAF bewegt und zu bewähren hat.

Die ohnehin fehlende „Waffengleichheit“ zwischen den feige Ermordeten und den von den Medien hofierten Tätern, die alles mögliche, nur keine politischen Motive hatten, ist bei der gegebenen Ausgangslage nicht gegeben. Was hat der Schmerz einer Witwe mit dem Baader-Meinhof-Kult oder dessen angeblicher Entkultung zu tun? Und was also heißt „Berücksichtigen der Opfer“? Ist dies nur ein völlig unreflektierter, populistischer Gag? Soll die Einbeziehung der Opfer eine öffentliche Therapieveranstaltung werden? Kann man überhaupt eine Ausstellung über Taten machen, die nicht aufgeklärt sind und über Täter, die Reue und Tataufklärung bis heute verweigern?

Mit welchem Nerv kommt die Debatte eigentlich zu der Annahme, dass die Opfer, die sich jetzt erstmalig zu Wort gemeldet haben, nicht längst gesagt hätten, was sie wollen. Nämlich letzten Endes: Schluss mit dem staatspolitisch gefährlichen Unfug der falschen Ausstellung durch die falschen Macher. Diese Meinungsäußerung passte den Machern nicht, und ihre Ignoranz gegenüber den Gefühlen der Opfer geht soweit, dass jemand wie Antje Vollmer schon mal entfährt, dass solche Töne, eine „Kampagne“ gegen die edlen Absichten der Aussteller seien.

Die Aussteller haben die Beweislast dafür, dass sie den Opfern ein würdiges Konzept anbieten, das bisher aber weit und breit nicht in Sicht ist. Fakt ist, dass die Helden der nun künstlerisch aufgebrezelten RAF ihrerseits den Beweis schuldig blieben, dass sie außer kranken, egomanischen, hybriden Schüben etwas zu bieten hatten, was ihre Taten auch nur im Geringsten legitimieren könnte.

Die Autorin lebt als freie Journalistin in Hamburg und arbeitet an einem Buch über den bundesdeutschen Terrorismus. Ihre Mutter Ulrike Meinhof beging 1976 Selbstmord in Stuttgart-Stammheim.

An unserer Debatte „Wie kann, wie soll eine Ausstellung über die RAF aussehen?“ beteiligten sich bislang Andres Veiel, Harald Martenstein, Christoph Stölzl, Diedrich Diederichsen, Hans-Ludwig Zachert und Caroline Fetscher. Es folgt ein Beitrag von Georg Seeßlen zum Thema Terror, Kultur und Mythos.

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