• Die Geisha als Killergirl: Helena Waldmanns "Catwalk Banquet" im Rahmen der Berliner "Spiel-Räume"

Kultur : Die Geisha als Killergirl: Helena Waldmanns "Catwalk Banquet" im Rahmen der Berliner "Spiel-Räume"

Sandra Luzina

Zum Schauen bestellt - so darf sich der Teilnehmer am "Catwalk Banquet" fühlen. Und muss noch etwas länger im Zustand der Erwartung verharren, denn die angekündigten japanischen Table-Tänzerinnen lassen auf sich warten. Im Rahmen von "Spiel-Räume - Die Stadt als Bühne" wird der Innenhof vom Haus der Deutschen Wirtschaft bespielt - ein guter Ort, um über kapitalistische Verführungstrategien nachzudenken.

Der Körper als Phantom im (Zerr-)Spiegel - davon handeln die Medien-Inszenierungen von Helena Waldmann. Die Regisseurin, die ihre Video-Tanz-Inszenierungen seit 1993 am Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm herausbringt und derzeit artist in residence am Berliner Podewil arbeitet, inszeniert die Blicke des Betrachters mit. Das kann ganz schön ungemütlich werden.

Helena Waldmann beherrscht das mediale Spiel von Begehren und Aufschub, sie spielt mit der Illusion von Verführung, der Verführungskraft der Illusion - und haut aufs Auge. Der israelische Drummer Arik Hayut gibt den Puls vor, baut Spannungen auf, lässt mit klingelnden Glöckchen Momente der Beruhigung zu. Die Zuschauer sitzen an einem langen Tisch und finden dort kleine Spiegel vor. So kann die Video-Projektion über den Köpfen der Darstellerinnen auch von unten betrachtet werden. Sie zeigt Haut als imprägnierte Oberfläche, zerrinnende Wassertropfen, in denen sich die zerfließenden Gesichter der Frauen spiegeln.

In Kimonos betreten die Tänzerinnen nacheinander den Laufsteg. Ihre Bewegungen sind von zeremonieller Langsamkeit, bis in die Fingerspitzen beherrscht. Genüsslich drehen und wenden sie sich, die stilisierte, asiatische Anmut verschmilzt mit der zickigen Blasiertheit eines Models.

Ein älterer Herr starrt auf einen zierlichen Frauenfuß. Ein nacktes Bein. Auch die Frauen nehmen den Betrachter ins Visier. Mit undurchdringlichem Blick. Kein Lächeln, keine Angriffsfläche für schwüle Phantasien. Unter dem Kimono tragen die Tänzerinnen ein Körperkleid mit aufgedruckten Hautfalten und Schamhaaren. In hautfarbenen Unterwäsche sinken die Tänzerinnen zu Boden, zerdehnte und verdrehte Puppenkörper - zum Greifen nah. Nein, wohl fühlt sich der Zuschauer nicht in seiner Haut. Gleichzeitig sind die japanischen Tänzerinnen in eine unüberwindbare Distanz entrückt. Ferne fremde Frau - bei Helena Waldmann ist sie ein obskures Objekt der Begierde.

Die Körperbilder zerfallen zusehends. Die Frauen versinken, entgleiten den Blicken. Rutschen unter den Tisch. Wenn die drei Köpfe wieder aus der Versenkung auftauchen, dann wird abrupt ein Lächeln angeknipst. Mit trippelnden Schritten tragen sie Tabletts mit Tee. Sie knieen nieder, reichen ein Schälchen mit Tee, verwickeln den Zuschauer in ein Ritual, dessen Regeln er nicht kennt. Mit maliziöser Ironie wird das Klischee der unterwürfigen Asiatin zitiert. Hinter mir kichert eine Japanerin.

Die Geisha als Killergirl. Erst werden die Liebesdienste angeboten, dann erklärt Helena Waldmann den Krieg. Ein kurzes Zitat aus dem Roman "Glamorama" von Bret Easton Ellis stimmt darauf ein, dass Mode und Terror, Verführung und Lüge zusammengehören. Unter lauten Kommandorufen marschieren die drei Söldnerinnen des Eros. Recht forciert wird hier dem Blick eine Gewalt attestiert, die sich gegen die dargebotenen Körper richtet, sie umnietet. Aber Waldmanns künstlerische Strategie und die Aktionen der Darstellerinnen Kazue Ikeda, Chia-Yin Ling und Yoko Tani funktionieren auch ohne Kriegsmetapher. Sie enthüllen das Theater der Verführung als Inszenierung der reinen Oberfläche.

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