Kultur : Die Geister, die wir rufen

Vom Nutzen der Historie für das Leben: ein Berliner Kolloquium mit Kardinal Lehmann und Hermann Lübbe beschwört einen neuen Humanismus

Marius Meller

Karl Kardinal Lehmann ist nicht nur Deutschlands beliebtester Kirchenmann – auch wenn wir jetzt Papst sind. Er hat zudem das Zeug zum sanften Seelenfänger. Seine gelehrte Herzenswärme, sein geistlicher Charme lassen verknöcherte Atheistenherzen bisweilen schmelzen. Nach seinem unprätentiösen Plädoyer für eine humanistische Begriffsgeschichte, anhand derer sich auch die heilige Kirche ihrer toleranten Aspekte zu versichern habe, gönnt das Publikum dem spirituellen Vielflieger ein öffentliches Nickerchen auf dem Podium. Morpheus, der Gott des Schlafes, lässt die ermattete Kardinalshand mit dem schönen Ring verrutschen, und so fällt eine Euromünze aus der Soutane, kullert lautstark die Stufen des Podiums herunter. Eine hilfsbereite Zuhörerin sichert den Wertgegenstand und wird ihn Eminenz gewiss zurückgeben – schweren Herzens allerdings, falls es sich um einen Euro aus der begehrten Vatikan-Serie handelte.

Die Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Baseler Schwabe Verlag luden zum prominent besetzten Kolloquium „Geisteswissenschaften im Gegenwind des Zeitgeistes“ in die Berliner Landesvertretung Rheinland-Pfalz. Feierlicher Anlass war der Abschluss des monumentalen „Historischen Wörterbuchs der Philosophie“, das Joachim Ritter 1960 begründete und dessen erster Band 1971 erschien. Mit dem letzten Stichwort „Zynismus“ ist nun ein geisteswissenschaftliches Großprojekt komplettiert, das neben Kosellecks „Geschichtlichen Grundbegriffen“ weltweit einzigartig dasteht. Gottfried Gabriel, der seit Ritters Tod 1974 das Projekt weiterführte, verwies mit Stolz auf die Tatsache, dass das Großwerk allein in Japan über 500 Subskribenten habe und in Korea und China bereits Raubdrucke kursieren – bei enormen 15000 Exemplaren offizieller Auflage.

Bei so viel glückender Humanwissenschaft – wo bleibt da der zeitgeistige „Gegenwind“? Natürlich wäre unter den heutigen Förderungsbedingungen ein solches Projekt vorerst nicht mehr durchführbar. Aber das Symposium erging sich nicht in höherer Lamentation. Anfang Juni hatte Bildungsministerin Bulmahn gefordert, die Geisteswissenschaften sollten sich wehren und mehr für ihre Leistung werben. In der aktuellen „Zeit“-Ausgabe gibt der Schriftsteller und Unternehmer Ernst-Wilhelm Händler („Wenn wir sterben“, 2002) den Deutschen einen guten Ratschlag: Da sie doch gemeinhin als das Volk der Dichter und Denker gälten und zum Geldverdienen offensichtlich keine Lust hätten, sollten sie sich wieder darauf konzentrieren, „Geist zu produzieren, Intelligenz jeder Art“.

In dieser Hinsicht passten die Beiträge des Symposiums wie die Faust aufs Auge des Ungeistes. Altmeister der rechtsliberalen Intelligenz Hermann Lübbe – neben dem ebenfalls anwesenden Odo Marquard brillanter Hauptvertreter einer spezifisch deutschen Form der Postmoderne – ließ erst gar keine Jammerstimmung aufkommen. Er verkündete die frohe Botschaft eines neuen Historismus, der mindestes um eine Zehnerpotenz stärker sei als zur Nietzsche-Zeit. Museumsboom, Denkmalschutz-Inflation, ein ungleich höheres Niveau der akademischen Leistungen als noch vor 50 Jahren – nicht nur ein Provokationsszenario Lübbes. Er verwies auf die gesteigerte Nachfrage in Geistesdingen zu Zeiten des im Großen und Ganzen gelungenen Moderneprojekts, die nun klug zu nutzen sei. Der Philosoph ließ das Vexierbild der melancholischen Geisteslandschaft überzeugend ins Fröhliche umkippen und rief lautstark zum Ärmelhochkrempeln, um das Geistessozialprodukt weiter zu steigern – und zu genießen.

Herfried Münkler war das zu viel an neuer, heiterer Bürgerlichkeit. Der Politikwissenschaftler und Imperientheoretiker plädierte für eine intellektuelle Wiederbewaffnung. Kontemplation sei zu wenig in Zeiten neuer globaler Konflikte und schleichender Ausnahmezustände. Die Intellektuellen sollten ihre „Zierdegen“ wieder zu „scharfen Schwertern“ umschmieden, aus den Wandelhallen der Akademien in die think tanks der Politikberatung umziehen und aus dem gemütlichen, kompensatorischen „Tröster Geist“ wieder eine spirituelle Waffe entwickeln. Zwischen Lübbe und Münkler scheidet sich die jüngere Carl-Schmitt-Rezeption in zwei Lager – in ein neu-bürgerliches und ein neu-heroisches.

Die Konstanzer Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann umriss einen ganz praktischen Auftrag der Geisteswissenschaften: Auf dem Hintergrund der Theorie vom „kulturellen Gedächtnis“ verwies sie auf die eminente Aufgabe der Gelehrten, als „Schutzengel des Kanons“ die Arbeit der Archivare zu unterstützen. Aus dem schwiemeligen Begriff des Archivs bei Foucault und Derrida müsse ein konkretes Arbeitsprojekt werden. Aus der vagen Terminologie der französischen Postmodernen machte Assmann Nägel mit goldenen Köpfen. Die Bildungsministerin wäre begeistert.

Ein Thema fiel leider unter den Podiumstisch. Nur Susan Neiman, Philosophin und Leiterin des Berliner Einsteinforums, schnitt es an: die Verständigungsschwierigkeiten der „zwei Kulturen“ Natur- und Geisteswissenschaft. Sie empfahl den Abschied von der Dekonstruktion und die vorsichtige Rückkehr zum Positivismus. Ihre Zuordnung der beiden Erkenntnisstämme zu Kants Verstand-Vernunft-Schema blieb leider vage.

Dennoch muss man das Symposium als ausgesprochen glückliche Werbeaktion für die Sache des lebendigen Geistes verstehen. Und als Manifest von ganz konkreten gesellschaftlichen Aufgaben, als dessen Materialisierung man – wer physisch und monetär kräftig genug ist – das große „Historische Wörterbuch der Philosophie“ getrost nach Hause tragen darf. Wo so viel Geist weht, dürfen Schutzengel friedlich schlummern. Ziersäbelchen hin, Krummschwert her – es droht keine Gefahr. Noch nicht.

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