Kultur : Die Geldscheinkantate

Wie sich die Berliner Sing-Akademie nach über 200 Jahren selber ruiniert

Frederik Hanssen

Es gab Zeiten, da wollte jeder, der in Berlin etwas zu sagen hatte, Mitglied der Sing-Akademie sein. Im 19. Jahrhundert versammelte sich zu den Proben des 1791 gegründeten Chores regelmäßig die Crème der preußischen Geisteselite. Goldene Zeiten. 2006 ist der Institution nur mehr ihr altehrwürdiger Name geblieben. Zum 31. Dezember hat der künstlerische Leiter Joshard Daus sein Amt niedergelegt – aus Frust über die Reformunfähigkeit der Sänger. Der Maestro ist sauer, dass sich die Sing-Akademie ausschließlich an ihre Vergangenheit klammert, anstatt sich mit aufregenden Konzerten hervorzutun.

Vier Jahre lang hatte er sich bemüht, aus dem verschlafenen Verein mit überaltertem Mitgliederstamm einen jungen, modernen Chor zu entwickeln. Doch der Verein sprach sich auf seiner letzten Sitzung gegen die von Daus favorisierte Professionalisierung aus. „Kern unseres Selbstverständnisses muss bleiben, dass wir eine Laienvereinigung sind“, erklärt der Vereinsvorsitzende Georg Graf Castell. Solche Amateurtruppen aber hält der Dirigent für nicht zeitgemäß. Nun will Daus einen Ableger seiner erfolgreichen „Europa-Chor-Akademie“ in Berlin ins Leben rufen – und zwanzig treue Sing-Akademisten gleich mitnehmen. Dann wäre das zurückbleibende Häuflein endgültig handlungsunfähig.

Zwar kündigt Graf Castell an, „kurzfristig“ eine neue künstlerische Leitung zu präsentieren – doch auf einen Termin für den nächsten Auftritt des Chores will er sich nicht festlegen. Höchstwahrscheinlich wird der sowieso wieder vor Gericht stattfinden. Denn in letzter Zeit hat die Sing-Akademie vor allem mit Prozessen von sich reden gemacht. Begonnen hat der ganze Schlamassel mit einem Glücksfall: 1999 war das seit 1945 verschollen geglaubte, unschätzbar wertvolle Notenarchiv der Sing-Akademie in Weißrussland aufgetaucht und zwei Jahre später nach Berlin zurückgeben worden.

Der Chor witterte das große Geschäft und sah die Vereinskasse schon prall gefüllt von Tantiemeneinnahmen. Doch aufgrund interner Streitigkeiten blieben die Partituren unbearbeitet in der Staatsbibliothek liegen. Alte-Musik-Spezialisten, die auf die Wiederaufführung der Meisterwerke von Graun, Telemann und den Bach-Söhnen brannten, besorgten sich Partituren direkt aus Kiew, wo vor der Rückführung Mikrofilme erstellt worden waren.

Statt sich über die Initiative der Spezialisten zu freuen, begannen die Chorvorstände, die ungebetenen Archivbenutzer systematisch zu verfolgen. Der Kampf um die Verwertungshoheit gipfelte im Sommer in einem Prozess gegen den „Düsseldorfer Altstadtherbst“, der die rekonstruierte Vivaldi-Oper „Motezuma“ aus dem Akademie-Archiv aufführen wollte. Vom prominenten Urheberrechtsspezialisten Peter Raue unterstützt, erwirkte man zunächst eine einstweilige Verfügung gegen das Festival. Nachdem die Düsseldorfer Widerspruch einlegten, beugten sich die Richter nochmals über den Fall und gaben die Premiere überraschend frei. Selbstverständlich ging der Sing-Akademie-Vorstand in Revision und erhofft sich im Laufe des Jahres 2006 eine Grundsatzentscheidung zur künftigen Nutzung der begehrten Archivbestände.

Joshard Daus ärgert die rege Gerichtspräsenz der Berliner maßlos: „Mit Prozessen in aller Welt will ich mich nicht profilieren“, erklärte er gegenüber dem Tagesspiegel. Die Definition des Traditionsensembles als geldgierige Partitur-Vermietungsagentur verprellt nicht nur Künstler und Wissenschaftler, sie könnte auch unerwartet nach hinten losgehen: In Großbritannien hat ein Tantiemen-Streit jüngst das weltweit geschätzte Plattenlabel Hyperion an den Rand des Ruins getrieben.

Die Plattenfirma hatte mit dem Chor „Ex Cathedra“ Musik des französischen Barockkomponisten Michel-Richard de Lalande aufgenommen. Als der Musikologe Lionel Sawkins, der das Aufführungsmaterial in 1200 Stunden Arbeit aus den Quellen rekonstruiert hatte, auf sein Copyright pochte, stellte sich Hyperion stur. Sawkins rief die Gerichte an und bekam Recht. Überrollt von den Prozesskosten von mehreren Hunderttausend britischen Pfund, musste die Firma ihre jährliche Produktion neuer CDs von sechzig auf sechs reduzieren.

Der Fall ähnelt verdächtig dem von Vivaldis „Motezuma“: Auch hier war es ein Musikwissenschaftler, der Hamburger Steffen Voss, der in jahrelanger akribischer Arbeit das fragmentarische Aztekendrama in eine spielbare Fassung gebracht hat. Sollte Voss vor den Kadi gehen, könnte der Rechteverwertungsfirma „Sing-Akademie zu Berlin“ finanziell vielleicht bald nur noch der Offenbarungseid bleiben. Künstlerisch hat sie ihn längst geleistet.

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