Kultur : Die Geometrie des Humors

Der Kunsthandel Wolfgang Werner zeigt Objekte von François Morellets in Berlin

Michaela Nolte

„Diese Verödung der Wände, diese Vergeudung von leerem Raum“ wurde François Morellet nach eigenen Angaben später suspekt. Dabei war der 1926 geborene Franzose ein Pionier der geometrischen und reduzierten Systeme, überwand den traditionellen Bildraum mit mathematischer Finesse und erkor 1963 – im gleichen Jahr wie Dan Flavin – den Neonstab zum Kunstmaterial.

Morellet ist Nestor und hellwacher Gegenwartskünstler zugleich. Mit einer gehörigen Portion Humor hat er nicht nur die Kunst in rund fünf Dekaden immer wieder auf den Kopf gestellt, sondern auch schon einmal sein eigenes Werk. 1957 schuf er eine streng logische „Verteilung 16 identischer Formen“, in der die quadratische Bildtafel von L-Formen rhythmisiert wird, die jeweils aus vier Quadraten bestehen. 45 Jahre später greift Morellet diese Arbeit wieder auf, versetzt einzelne Formen so, dass sie über den Rand des Quadrats lappen oder lässt vier Felder offen, deren Addition das fehlende L ergibt. Die Summe der Leerstellen, die der Betrachter gedanklich zusammensetzen kann, wie einst den kniffligen Zauberwürfel, fügt sich in der Oberfläche schließlich zum Quadrat. Morellets Vexierspiele der Realität kulminieren in den Titeln: „Raté“ nennt er die Replik auf sein Frühwerk, „am Ziel vorbeigeschossen“ (je 22000 Euro).

In seinen Titeln erweist sich der charmante Plauderer als Sprachjongleur. „Balance War“ heißt etwa ein Neonobjekt, in dessen schwarzen Kreide- und roten Neonkreisen das französische Balançoire – die Kinderwippe – ebenso mitschwingt wie der Krieg der Systeme (20 000 Euro). Drei „Kletterbalken“ (je 30 000 Euro), die im puren MDF-Charakter in den Raum kraken, reizen die Gegensätze von gediegenem Schauraum des Kunsthandels Wolfgang Werner und künstlerischer Raumintervention aus.

Mit dieser Lust an der Vermählung von Chaos und Ordnung geht Morellet auch die seit 1971 entstehenden „architektonischen Desintegrationen“ im öffentlichen Raum an. So konterkarierte er die lineare Architektur der Bundestagsgebäude mit bunten Neonbögen und setzte der kühlen französischen Botschaft am Pariser Platz einen Sternenschweif aus Goldplättchen auf. „Ich werde immer rokokoartiger – aber in meinem Alter darf ich mir das erlauben“, feixt Morellet und gesteht, dass er damit nicht immer das Wohlwollen der Baumeister auf sich zieht. Aber auch das darf sich der Altmeister erlauben. Allein in Berlin hat er in den vergangenen Jahren fünf prominente Gebäude bespielt. „Die meisten Architekten und Künstler nehmen sich viel zu ernst. Die Menschen können alles Mögliche, aber sie sind nicht fähig, sich selbst zum Lachen zu bringen. Versuchen Sie mal, sich selbst zu kitzeln, das funktioniert nicht“, sagt Morellet - und macht es sich zur ureigendsten Aufgabe, den Menschen mit seiner Geometrie des Humors ein Schmunzeln zu entlocken.

Kunsthandel Wolfgang Werner, Fasanenstraße 72, bis 20. November; Montag bis Freitag 10–18.30 Uhr, Sonnabend 10–14 Uhr.

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