Kultur : Die Geräuschesammlerin

Marianne Richter ist 18 und Komponistin. Jetzt spielen die Philharmoniker ein Stück von ihr

Frederik Hanssen

Marianne Richter hat kein Handy. Aus Prinzip. Dabei könnte sie sich ihre polyphonen Klingeltöne sogar selber schreiben. Marianne Richter ist Komponistin – für zeitgenössische Musik. Was andere Jugendliche ihres Alters garantiert in die Flucht schlägt, will die 18-jährige Gymnasiastin zu ihrem Beruf machen. „Ich strebe ein Doppelstudium an der Musikhochschule an“, sagt sie. „Geige und Komposition: Dann kann ich zweigleisig fahren.“ Richter besucht die musikbetonte Georg-Friedrich-Händel Oberschule in Friedrichshain. Doch selbst hier ist sie die einzige in ihrem Jahrgang, die eine Karriere als Tonsetzerin anstrebt. „Viele wollen Medizin studieren, erstaunlicherweise vor allem jene, die besonders gut ihre Instrumente beherrschen.“

Marianne Richter drängte es schon als Kind, die Klänge aufzuschreiben, die ihr im Kopf herumgingen. Die Eltern – ihre Mutter ist Sängerin, der Vater spielt in der Staatskapelle – fanden das nicht weiter verwunderlich, unterstützten die Tochter bei der Suche nach einem geeigneten Kompositionslehrer. Seit sie 14 Jahre alt ist, trifft sie sich wöchentlich mit Helmut Zapf von der Musikschule Neukölln, um Gehörbildung zu machen, Werke der Klassik und der Moderne zu analysieren und vor allem die Früchte ihrer eigenen Fantasie zu besprechen. Mehrfach hat Richter schon erfolgreich an Kompositionswettbewerben von „Jeunesses musicales“ teilgenommen. Ein halbes Jahr vor dem Abitur ist ihr jetzt ein besonderer Coup gelungen: Sie hat den Schüler-Kompositionswettbewerb der Berliner Philharmoniker gewonnen. Geld gibt es dafür nicht, sondern etwas viel Wertvolleres: die Uraufführung des Siegerstücks durch die weltberühmten Musiker.

Ausgedacht hat sich die Aktion Cathy Milliken. Nach den vielen positiven Erfahrungen ihrer ersten Saison als Leiterin der Education-Abteilung der Philharmoniker wollte sie „herausfinden, wo die Berliner Schüler in Sachen Komposition stehen“. Die Form des Wettbewerbs ist für sie nur ein Hilfsmittel: „Die jungen Talente brauchen eine Ermutigung, um ihre Ideen auch tatsächlich aufzuschreiben, daran zu feilen, bis sie aufführungsreif sind.“ Wie bei allen Projekten der Education-Abteilung sollen Neugier und Experimentierfreudigkeit im Vordergrund stehen. „Komponieren kann man in jedem Stadium von Musikkenntnissen“, findet Milliken. Darum soll der Kompositionswettbewerb künftig noch offener werden. Beim ersten Mal waren im Frühjahr 2006 Musikschulen und Kompositionslehrer angeschrieben worden. Zusammen mit dem Komponisten Hans-Peter Kyburz und zwei Orchestermusikern hat sich Milliken lange über die 20 eingereichten Partituren gebeugt – bis drei Gewinner fest standen: Der 16-jährige Caspar Querfurth vom Wilmersdorfer Goethe-Gymnasium, die 13-jährige Meredi Arakelian vom Bach-Gymnasium sowie, als Hauptpreisträgerin, Marianne Richter.

Am Donnerstag werden sechs leibhaftige Philharmoniker die Premiere von Marianne Richters neuestem Werk im Curt-Sachs-Saal des Musikinstrumentenmuseums spielen. Direkt im Abschluss lädt Simon Rattle dann zu einem weiteren Event mit zeitgenössischer Musik nebenan in die Philharmonie. Damit macht der Philharmoniker-Chef die Schülerin gewissermaßen zur Vorgruppe für den Top-Act des Abends, die deutsche Erstaufführung von John Adams’ Oper „A Flowering Tree“.

Auf die Frage nach dem Lampenfieberfaktor dieses Ereignisses antwortet Marianne Richter lächelnd mit der Standardfloskel altgedienter Weltstars: Es könne ja nicht schaden, vor dem ersten Ton ein kleines Kribbeln in der Magengegend zu verspüren. Die Nachwuchskomponistin besitzt ein Selbstbewusstsein, das dem Gegenüber fast schon Angst macht. Es geht nicht um Eitelkeit, im Gegenteil, Richter ist eine junge Frau, die ganz in sich ruht. Die glatten Haare zum Pferdeschwanz gebunden, blitzende Augen hinter schmalen Brillengläsern, bunte Klamottenmischung im antimodischen Berlin-Mitte-Style. Es ist eher das, was man früher wohl „brillant“ genannt hätte. Geballte Intelligenz. Wenn sie tatsächlich genauso schnell denkt wie sie redet, dann kann sie keiner aufhalten.

Den Titel ihres Siegerstücks wenigstens hat sie nach sentimentaler Teenagerart erfunden. Eine Postkarte war der Auslöser: Links am Bildrand die bauchige Form eines Glases, der Hintergrund unscharf, blaue und weiße Farbstimmungen, vielleicht eine Morgenstimmung am Mittelmeer, vielleicht ein Wintermittag in den Nordseedünen. Das hat sie zu dem Sechs-Minuten-Opus „Ein Glas Wasser“ inspiriert. Die Auswahl der sechs Instrumente dagegen erklärt sie gerne, im Profitonfall. „Ich habe mal ein Stück für Harfe komponiert, und da hat mir die Instrumentalistin nach der Uraufführung gesagt: Schreib doch bald mal wieder etwas für mich. Genauso war es mit einem Hornisten. Na ja, und dann habe ich noch ein Streichquartett dazugenommen. Mit den technischen Möglichkeiten von Streichern kenne ich mich ja als Geigerin aus.“

Beim Komponieren geht es Marianne Richter nicht nur um raffiniert gebaute Formen und die virtuose Behandlung des Tonmaterials, sondern immer auch um die Sinnlichkeit des Klangs. Für überkandidelte Vortragsanweisungen à la „die Saiten mit den Zähnen zupfen“ oder „ins Schallloch pusten“ hat sie wenig übrig. „Vor allem will ich herausfinden, welche Klänge in dem jeweiligen Instrument schon angelegt sind. Warum soll ein Cello nicht klingen wie ein Cello?“ Spricht’s und rutscht schon wieder ungeduldig auf ihrem Stuhl herum. Sie muss weiter, sie will raus, auf die Straße: neue Geräusche sammeln.

Die Uraufführung von Marianne Richters Stück „Ein Glas Wasser“ beginnt am Donnerstag um 19 Uhr im Musikinstrumentenmuseum. Kostenlose Eintrittskarten sind an der Kasse der Philharmonie sowie am Donnerstag im Musikinstrumentenmuseum, Eingang Ben-Gurion-Straße, erhältlich. Für das anschließende Rattle-Konzert gibt es noch Kaufkarten.

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