Kultur : Die gerettete Identität

DANIELA SANNWALD

"Womit habe ich das verdient?", schimpft der Vater, der neben seinem Sohn in einem kleinen, verschlampten Wohnzimmer auf dem Sofa sitzt, "du taugst einfach zu nichts, und dein Bruder ist auch nicht besser! Und warum hast du mir keine Nüsse mitgebracht?" - "Ich habe dir Schokolade mitgebracht", erwidert der andere, "und du weißt genau, daß ich einen guten Job habe ..." - "Sei ruhig", fährt der Vater fort, "oh, womit habe ich das nur verdient, oh, warum hast du mir keine Nüsse mitgebracht?" Der Sohn zieht den Kopf ein und läßt alle weiteren Tiraden seines Vaters widerspruchslos über sich ergehen.Er ist Mitte Vierzig, sein Bruder etwas jünger, und bei ihren wöchentlichen Besuchen werden beide gleichermaßen mit Gejammer und Schelte überzogen.

In der Komödie "Alles wird gut" von Ömer Vargi träumen zwei sehr unterschiedliche Brüder vom großen Glück, und die nur zum Teil erfolgreiche Suche danach macht den ernsthaften Lagerverwalter Nuri und den vergnügten Filou Altan zu Komplizen nicht nur gegen die Anwürfe ihres Vaters, sondern gegen den Rest der Welt überhaupt.Von Istanbul brechen sie in einem von einem Yuppie gestohlenen Porsche in den Badeort Bodrum auf, wo Altan in Kontakt mit der Mafia tritt, um endlich das Startkapital für seine Bar zu verdienen, während Nuri sich zum ersten Mal in seinem Leben nach Kräften amüsiert.Denn sein Traum, einmal einen Porsche zu fahren, hat sich bereits erfüllt.Aber weder Auto noch Mafiageld bleiben den Brüdern, und sie kommen nur sehr knapp mit dem Leben davon.Dafür haben sie einander gefunden.

Witzig, schnell und - trotz des zuweilen beinahe märchenhaft anmutenden Plots - dicht an der Realität, gehört "Alles wird gut" zu den besten der zehn Beiträge, die im nationalen Wettbewerb auf dem soeben zu Ende gegangen 18.Internationalen Istanbul Film Festival liefen.In dieser Stadt, wo das Leben 24 Stunden am Tag tobt, wo immer mehr Hochhäuser die unzähligen Minarette der Moscheen zu überragen beginnen, in dieser Stadt, wo verschleierte Frauen neben gepiercten Mädchen beim Händler anstehen, um einen der allgegenwärtigen Sesamkringel zu kaufen, und wo man als westeuropäische Besucherin kaum eine Chance hat, einen über den touristischen Blick hinausgehenden Eindruck der Lebensbedingungen zu bekommen, bieten die türkischen Filme zumindest eine Orientierung.

Etwa - wie in "Alles wird gut" - auf die patriarchalischen Familienstrukturen, aber auch auf die Priorität, die die eigene Familie vor allen anderen sozialen Netzwerken genießt.Oder darauf, daß Frauen, obwohl das Festival selbst mit seiner Direktorin Hülya Ucansu das Gegenteil zu beweisen scheint, immer noch eine sehr untergeordnete Rolle in der türkischen Gesellschaft spielen.Auch im jungen türkischen Kino sind sie allenfalls Nebenfiguren; Objekte von Aggressionen und Verhandlungen; und stets sind es Männer, von denen ihr Schicksal abhängt.So ist es nicht verwunderlich, daß "Absolvent des Wahnsinns" von Tunc Basaran mit seiner ausnahmsweise weiblichen Perspektive wie ein feministisches Lehrstück aus den siebziger Jahren wirkt.Die Heldin Nur wird in die Psychiatrie eingewiesen und als manisch-depressiv diagnostiziert.Dort erinnert sie sich an Stationen ihres Lebensweges, und nach und nach werden ihr die Ursachen ihrer Krankheit klar.Vater, Bruder und Ehemann, schließlich die obsessive Beschäftigung mit Atatürk, dem Gründer der türkischen Republik, haben ihre Identität zerstört, und erst als sie sich von allen befreit hat, kann sie gesund werden.Die Figuren, abgesehen von Nur, sind Prototypen - der herrische Vater, der sadistische Bruder, der faule, alkoholabhängigem Ehemann, auf der anderen Seite die liebevolle, aber machtlose Freundin und endlich die alles verstehende, emanzipierte Ärztin.

Während man immer wieder verblüfft den Kopf schüttelt über die naiv konstruierten Kausalitäten, fällt dieser Film im Kontext des nationalen Wettbewerbs jedoch aus dem Rahmen.Auch der Heldin von Yilmaz Arslans "Die Wunde", dem zweiten Film, der eine Frauengeschichte erzählt, geht es nicht viel besser als Nur: Die 17jährige Hülya ist in Deutschland aufgewachsen und dann von ihrem schlechte Einflüsse fürchtenden Vater zu einem Onkel in Anatolien verfrachtet worden.Dort sitzt sie reglos auf der Veranda, verweigert das Essen und spricht noch nicht einmal mit ihrer Tante, die in Abwesenheit ihres Mannes heimlich raucht und wenigstens ein bißchen Verständnis für die Probleme des Mädchens zu haben scheint.Hülya flieht, ohne Geld und ohne Ausweis, und ihre Reise, die sie von einer Abhängigkeit in die andere bringt, führt sie schließlich nicht nach Deutschland, sondern ebenfalls in die Psychiatrie.Auch dieser Film leidet an seiner Überdeutlichkeit, an seinen endlos ausgespielten Irrenhaus-Szenen, wo die unter dem sozialen Druck erkrankten Frauen alle Varianten psychischer Deformation demonstrieren."Die Wunde" beginnt wie ein Road Movie, aber alle Bewegung erstarrt bald, und man verliert das Interesse an Hülyas Schicksal.

Selbständiger und selbstbewußter agiert die Frau des Offiziers Mehdi, der 1948 für einen kleinen Grenzabschnitt zwischen Syrien und dem äußersten Ende Anatoliens verantwortlich ist.Wenngleich wiederum nur eine Nebenfigur, ist sie es schließlich, die mit ihrer Beharrlichkeit und ihrer Drohung, die Familie zu verlassen, ihren Mann dazu bringt, eine unhaltbare Position aufzugeben."Propaganda" von Sinan Cetin ist eine Komödie mit ernstem historischen Hintergrund: Die Grenze nämlich, die Mehdi kontrollieren soll, führt mitten durch ein Dorf und verändert das gesamte soziale Gefüge des Ortes.Dessen pfiffige und widerspenstige Bewohner kämpfen mit allen komödiantischen Mitteln gegen die Grenzziehung."Propaganda" lebt von vielen wunderbaren Szenen, die sich am neu gezogenen Stacheldraht abspielen: Dort findet der Schulunterricht nun im Freien statt, dem Arzt werden kleine Jungen zur Beschneidung durch den Draht gereicht, und es gibt einen regen Austausch von Waren, Küssen und verbalen Attacken über den Zaun hinweg."Propaganda" ist wie "Alles wird gut" eine sehr professionell gemachte Komödie, und es ist sicher kein Zufall, daß beide Regisseure das Handwerk bei der Inszenierung von Werbespots gelernt haben, was ihre Filme nicht zu den Favoriten der türkischen Kritiker, wohl aber das Kinopublikum macht.

Zwei Filme behandeln politische Ereignisse der späten sechziger und frühen siebziger Jahre.Eine Zeit der Studenten- und Arbeiterdemonstrationen: Sie wandten sich gegen den zunehmenden Einfluß der rechtsradikalen Parteien, von denen eine, die MHP, bei uns durch ihre Jugendorganisation "Graue Wölfe" bekannt, gerade wieder bei den Parlamentswahlen hohe Stimmengewinne erzielt hat.Damals überzogen die Rechtsnationalisten das Land mit einer Welle der Gewalt, und die Situation schien außer Kontrolle zu geraten.Die Studenten, die für die Einhaltung der Grundrechte, für mehr Demokratie an den Universitäten, gegen die Diskriminierung des kurdischen Bevölkerungsteils und, wie überall auf der Welt, gegen den US-amerikanischen Imperalismus demonstrierten, wurden vor Militärgerichte gestellt und einige von ihnen, trotz der großen Unterstützung aus der Bevölkerung, zum Tode verurteilt.

Reis Celik zeichnet in "Goodbye Tomorrow" ein historisches Gerichtsverfahren nach, dessen drei Angeklagte, sogenannte Anarchisten, durch den Strang hingerichtet werden.Verblüffend ist eine gewisse Ähnlichkeit zu den Gerichtsverfahren gegen die RAF-Terroristen in der Bundesrepublik, die etwa zur gleichen Zeit stattfanden.Schikanierung der Anwälte und Angehörigen, blindwütige Verfolgung aller "Sympathisanten" und ausgeklügelte Sicherheitsmaßnahmen waren offenbar hier wie da an der Tagesordnung.Reis Celiks Film, der auf Archivaufnahmen und Aktenmaterial zurückgreift, ist ein beklemmendes Porträt eines Landes, in dem die ohnehin nicht sehr stabile Demokratie außer kraft gesetzt zu werden droht, und das vor dem Hintergrund der aktuellen Wahlergebnisse und des bevorstehenden Prozesses gegen den Kurdenführer Abdullah Öcalan sehr bedrohliche Aspekte erhält.Den Dilettantismus und die gelegentliche Naivität der studentischen Aktionen dagegen schildert Turgut Yasalars "Leopardenschwanz", in dem fünf junge Männer einen US-Soldaten entführen, um einen im Gefängnis sitzenden Genossen freizupressen.Die fünf jedoch sind so chaotisch und unorganisiert, dazu von Angst erfüllt, daß die Aktion kläglich scheitert und mit vielen Toten endet.

Die großen Gewinnerin des 18.Internationalen Istanbul Film Festivals ist Yesim Ustaoglu, deren Film "Reise zur Sonne" bereits auf der diesjährigen Berlinale ausgezeichnet wurde und nun seine nationale Premiere erlebte.Der Film, der in wunderbaren Bildern die Geschichte einer Männerfreundschaft erzählt und dabei sehr verhalten die alltägliche Diskriminierung thematisiert, der Kurden in der Türkei ausgesetzt sind, gewann nicht nur den Publikumspreis, sondern auch den Preis der Internationalen Filmkritik und die von der nationalen Jury verliehenen Preise für den besten türkischen Film und für die beste Regie.Ihr Film hat allerdings in der Türkei noch keinen Verleih gefunden, und das sagt vielleicht mehr aus als der gesamte Preisregen.

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