Kultur : "Die Geschichte der Nacht": Coming out in Buenos Aires

Rolf Spinnler

Richard Garay ist ein schüchterner junger Mann, der nach dem frühen Tod des Vaters allein mit seiner Mutter in einer Wohnung in Buenos Aires lebt. Er hat an der Universität Englisch studiert, aber anschließend nur einen miesen, schlecht bezahlten Job als Lehrer an einer privaten Sprachschule bekommen. Ab und zu gelingt es ihm, einen Mann auf der Straße anzusprechen, und sie treiben es dann miteinander in der Wohnung des Fremden. Doch sonst gibt es kaum Abwechslung im tristen Alltag; es ist die Zeit der Militärdiktatur in Argentinien. "Es herrschte ein Klima der Angst, das vermutlich jeder spürte, aber die Angst war wie eine Unterströmung: Sie gelangte nie an die Oberfläche, und man redete nie über sie.".

Vom Mauerblümchen zum Yuppie

Doch dann ändert sich plötzlich einiges. Richards Mutter stirbt. Wenig später bricht der Falklandkrieg aus und wird von Argentinien verloren; die Generäle müssen abtreten und einer zivilen, demokratisch gewählten Regierung Platz machen. Der Unternehmersohn Jorge, einer von Richards Privatschülern, auf den er schon lange begehrliche Blicke geworfen hat, macht ihn mit seinem Vater bekannt. Durch ihn lernt Richard Donald und Susan kennen, ein amerikanisches Ehepaar, das zur Botschaft der USA in Buenos Aires gehört. Wie sich bald herausstellt, sollen die beiden im Auftrag des CIA dafür sorgen, dass sich die politischen Verhältnisse in Argentinien im Sinne der amerikanischen Interessen entwickeln. Die beiden Amerikaner bieten Richard an, wegen seiner guten Englischkenntnisse als Dolmetscher für sie zu arbeiten.

Richard findet sich nur langsam in seiner neuen Rolle zurecht. Schließlich hat er als schwuler Mann ein Geheimnis, das Gefühl, "dass ich, auf eine grundlegende Weise, unzuverlässig war". Doch im Laufe der Zeit tritt er immer selbstsicherer auf: aus dem Mauerblümchen wird ein erfolgreicher Yuppie. Auch seinen sexuellen Neigungen geht er jetzt zielstrebiger nach, wird Stammgast in den Saunas der argentinischen Hauptstadt und nimmt von dort ab und zu einen Mann mit sich nach Hause.

In der Sauna läuft Richard eines Tages auch Pablo über den Weg, dem jüngeren Bruder seines Freundes Jorge. Nach einigen Hindernissen wird aus Richard und Pablo ein Liebespaar, während Jorge zum Geliebten der amerikanischen Agentin avanciert.

Colm Tóibín ist im Hauptberuf Journalist, und das merkt man seinem Buch an. "Die Geschichte der Nacht" ist nach "Der Süden" und "Flammende Heide" der dritte Roman des 1955 geborenen irischen Schriftstellers. Er erzählt Richards Geschichte aus der Ich-Perspektive, in einem lakonischen, schnörkellosen, unsentimentalen Stil, der sich über weite Strecken wie eine Reportage liest. Tatsächlich ist der Roman das auch, denn er beschreibt am Beispiel Argentiniens den sozialen Transformationsprozess, der eine von autoritären patriarchalischen Strukturen, Machismo und Korruption geprägte Kultur in eine postmoderne Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft verwandelt.

Ganz ähnlich war Tóibín auch schon in "Flammende Heide" verfahren, einer Familiensage aus dem heimatlichen Irland, die zeitlich den Bogen vom späten 18. in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts spannt. Dabei wird der Neoliberalismus von Tóibín keineswegs kultur- oder kapitalismuskritisch verdammt. Im Gegenteil: es ist ihm zuzuschreiben, dass die traditionellen Werte in Argentinien an Boden verlieren, dass ein aus dem Kleinbürgertum stammender schwuler Mann wie Richard plötzlich Karriere machen kann. Es bereitet ihm schließlich auch kein Problem mehr, sich seinen amerikanischen Freunden gegenüber zu outen, während sein Geliebter, der Großbürgersohn Pablo, größere Schwierigkeiten damit hat und immer noch ein Doppelleben führt.

Ein Wochenendausflug der beiden Männer über die Grenze ins schwule Nachtleben von Montevideo stellt den euphorischen Höhepunkt ihrer Beziehung dar. Doch dann neigen sich die achtziger Jahre ihrem Ende zu, und der Horizont verdunkelt sich. Aids wirft seine Schatten bis nach Buenos Aires. Der Rauch des Yuppie-Jahrzehnts ist vorüber; auf das Gefühl von Befreiung folgt die Ernüchterung. Muss das sein? Sicher ist das von Tóibín nicht als Strafgericht für zu viel Emanzipation gemeint.

Dennoch hat man hier bisweilen den Eindruck, dass der Journalist Tóibín möglichst viel recherchierten Zeitgeist in seinem Buch unterbringen wollte, wo dem Romancier Tóibín die Kunst des Weglassens besser angestanden hätte. Manches grenzt da ans Klischee wie etwa jener gut aussehende, Kokain schniefende Bursche aus einer New Yorker PR-Agentur, den Richard auf einer Konferenz kennenlernt und mit dem er eine flüchtige Affäre hat. Er wirkt wie aus den Büchern von Tom Wolfe oder Bret Easton Ellis entsprungen - ein Abgesang auf die hedonistischen achtziger Jahre. Der Leser istjedenfalls froh, dass die beiden argentinischen Jungs nach einer Beziehungskrise am Ende wieder zusammen finden und einander versprechen, die kommenden Zeiten gemeinsam durchzustehen.

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