Kultur : Die Geschichte des Hans Jürgen Massaquoi

Herr Massaquoi[Sie sind gebürtiger Hamburger]

Der ehemalige Chefredakteur der Schwarzen-Zeitschrift "Ebony" veröffentlicht seine Memoiren. Eine bizarr anmutende Jugend, eine steile Karriere - wir sprachen mit ihm

Hans Jürgen Massaquoi (73) verbrachte als einer der ganz wenigen Schwarzen seine Kindheit und Jugend in Nazi-Deutschland. 1948 verließ der Sohn einer Deutschen und eines Liberianers seine Geburtsstadt Hamburg und wanderte nach Amerika aus. Nach der Armeezeit studierte der gelernte Bauschlosser dort Publizistik. Später wurde er Chefredakteur der renommierten und einflussreichen afro-amerikanischen Zeitschrift "Ebony". Das Magazin hat eine Auflage von zwei Millionen Exemplaren und setzt sich seit 50 Jahren für die Gleichberechtigung der Schwarzen ein. Massaquois Erinnerungen sind unter dem Titel "Neger, Neger, Schornsteinfeger. Meine Kindheit in Deutschland" im Fretz & Wasmuth Verlag erschienen. Mit Hans Jürgen Massaquoi sprachen Jana Simon und Christian Böhme.

Herr Massaquoi, Sie sind gebürtiger Hamburger, in Deutschland aufgewachsen, wohnten für kurze Zeit in Liberia und leben jetzt schon viele Jahre in den USA. Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Ich fühle mich in den Vereinigten Staaten zu Hause. Aber Hamburg ist noch immer meine Heimat. Dort bin ich groß geworden.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Heimat ist da, wo man sich wohl fühlt, wo man aufwächst und wo man alles kennt.

Aber in Hamburg wurde Ihnen als Kind "Neger, Neger, Schornsteinfeger" nachgerufen, und Sie haben unter den Nazis gelitten. Hat das Ihr Heimatgefühl nicht beeinträchtigt?

Hamburg war doch der einzige Ort, den ich kannte. Also liebte ich meine Heimat. Außerdem war ja meine Jugend nicht nur eine einzige Tragödie. Ich habe auch viel gelacht.

Sie haben Swing getanzt,im Luftschutzkeller Feten gefeiert. Dennoch haben Sie es nicht bedauert, aus Deutschland wegzugehen?

Nein. Ich sah einfach keine Zukunft für mich in Deutschland. Ich verließ ja einen Trümmerhaufen. Alles war kaputt. Außerdem durfte ich keine höhere Schule besuchen. Also habe ich nur versucht, mich von Tag zu Tag durchzuschlagen, zu überleben. Als ich dann durch meinen liberianischen Vater die Möglichkeit hatte, das Land zu verlassen, habe ich das getan, ohne viele Tränen zu vergießen.

Was hat Sie in Ihrer Kindheit und Jugend in Deutschland am meisten belastet?

Dass ich bei nichts mitmachen durfte. Ich konnte als Nichtarier nicht in die Hitlerjugend eintreten. Als Kind wusste ich ja noch nicht, was die politisch bedeutete. Alle Kinder wollten marschieren, eine schicke Uniform tragen und Trommeln schlagen. All das konnten meine Klassenkameraden tun. Ich war der einzige, der nicht mitmachen durfte.

Haben Ihre negativen Erfahrungen während des Dritten Reiches bei Ihrer Ausreise keine Rolle gespielt?

Nein. Die Nazis waren weg, und ich war nicht mehr in Gefahr. Ich musste nicht mehr ständig über meine Schulter gucken, ob da vielleicht ein Gestapo-Mann hinter mir ging. Ausschlaggebend für meinen Weggang war, dass ich mich danach sehnte, respektiert zu werden. Ich hatte nur Bauschlosser gelernt. Irgendwie fand ich mich zu gut dafür. Ich dachte, ich wäre für was Besseres bestimmt. Ich wollte nicht ewig im Blaumann herumlaufen und unter schmutzigen Autos im Öl liegen.

Sie wollten nach dem Krieg unbedingt in die USA. Wie haben Sie sich Amerika vorgestellt?

Für mich war das das Land, in dem Milch und Honig fließen. Ich hatte viele Kontakte zu schwarzen amerikanischen Soldaten in Deutschland, die mir gegenüber sehr großzügig waren. Besonders nachdem ich mich selbst als Amerikaner ausgegeben hatte, der ich ja nicht war. Außerdem war ich als Schwarzer allein in Deutschland und hatte keine Verbündeten. Da dachte ich, ich kann nach Amerika gehen. Und wenn die Weißen mich dort nicht mögen, ist das egal. Es sind ja genug Schwarze da.

Sie haben studiert, waren Chefredakteur, und Ihre beiden Söhne haben es auch zu etwas gebracht. Sind Sie stolz darauf?

Absolut. Es gibt nichts, worauf ich stolzer bin als auf meine beiden Söhne. Der eine ist Neurologe, Ingenieur und Professor am Massachusetts Institute of Technology. Er hat sogar zwei Doktortitel. Der Jüngere ist Anwalt in Detroit.

Glauben Sie, dass Sie in Deutschland ebenso erfolgreich geworden wären?

Ich glaube nicht, dass ich es hier so weit gebracht hätte. Ohne Abitur konnte ich ja gar nicht studieren. Aber ich hätte auch in Deutschland nicht mit dem Hut in der Hand am Straßenrand gestanden.

Hatten Sie jemals Heimweh nach Deutschland?

Kurz nach meiner Ausreise nach Liberia hatte ich Heimweh. Auf einmal lebte ich in den Tropen unter Menschen und in einer Kultur, die ich überhaupt nicht kannte. Hinzu kam, dass das Verhältnis zu meinem Vater schlecht war, ich hatte ich ihn ja als kleines Kind zum letzten Mal gesehen. Außerdem war meine Mutter noch in Deutschland, und ich machte mir ständig Sorgen um sie.

Sie sind dort nicht heimisch geworden?

Es war nicht wegen Afrika. Es waren die Umstände. Alle meine Freunde dort stammten aus gehobenen Kreisen. Sie waren die Söhne und Töchter von Regierungsbeamten. Ihre Zukunft war gesichert. Ich dagegen hatte nur Bauschlosser gelernt. Erst als ich 1950 in die USA übersiedelte, ging es mit mir bergauf. Dort konnte ich sogar an der angesehenen University of Illinois studieren. Danach begann meine Karriere bei Ebony.

Am Schluss Ihres Buches schreiben Sie, dass Ihr Optimismus über die Entwicklung Deutschlands durch die Berichte über Neonazis zerstört wurde. Was bekommen Sie in den USA davon mit?

Es wird sehr viel in der Presse darüber berichtet. Auch wir haben ja Neonazis. Aber auf Deutschland achtet man in dieser Beziehung natürlich immer besonders. Vor zwei Jahren haben mich schwarze Deutsche zu einer Tagung eingeladen. Sie haben mir über ihr Leben und ihre Probleme erzählt.

Was waren das für Probleme?

Alle haben sich beschwert, dass ihre deutschen Mitbürger sie nicht als vollwertige Deutsche anerkennen und sie wie Ausländer behandeln. Viele fühlten sich nicht wohl und wollten Deutschland verlassen.

Was würden Sie schwarzen Deutschen raten?

Seid solidarisch, lasst euch nicht spalten. Und wie ein Sprichwort sagt, das Rad, das am lautesten quietscht, kriegt die meiste Schmiere. Also, wenn euch etwas nicht gefällt, nehmt es nicht einfach hin. Quietscht!

Was ist typisch deutsch an Ihnen?

Alles, außer mein Äußeres. Aber vielleicht bin ich eher ein typischer Hamburger.

Wie ist denn ein typischer Hamburger?

Der spricht hamburgischen Dialekt wie ich. Und was alle Hamburger verbindet, ist die Liebe zu ihrer Stadt. Ich kenne keine schönere Stadt, und ich habe schon viele gesehen.

Und was ist amerikanisch an Ihnen?

Politisch bin ich ein Amerikaner. Ich kenne mich da in den USA besser aus, habe mehr Fingerspitzengefühl für die Dinge, die dort laufen. Ich bin ein Teil der amerikanischen Gesellschaft geworden. Typisch amerikanisch ist für mich auch die Flexibilität. Amerikaner sind viel flexibler als Deutsche. Wenn sich etwas verändert, sind sie eher gewillt, sich an das Neue anzupassen, als darauf zu beharren, dass alles beim Alten bleibt.

Haben Sie damit in Deutschland schlechte Erfahrungen gemacht?

Ja. Gerade vor kurzem. Wir kamen mit dem Zug aus Hamburg. Das ganze Abteil war leer. Nur meine Frau und noch eine Dame saßen auf den Sitzen. Wir hatten Platzkarten. Als wir in Berlin ankamen, stieg ein älteres Ehepaar zu. Es stellte sich heraus, dass sie dieselben Plätze reserviert hatten wie wir. Der Mann hat dann zu uns gesagt: "Das sind unsere Plätze." Wir haben geantwortet: Das sind auch unsere Plätze, aber wir steigen ohnehin nächste Station aus. Obwohl der ganze Zug leer war, hat der Mann sich die ganze Zeit demonstrativ hinter uns gestellt und genörgelt. So was würde einem in Amerika nicht passieren. Amerikaner würden sagen: "Dann setzen wir uns eben woanders hin." Da habe ich zu meiner Frau gesagt: "Siehst du, so ist das hier. Bist du nicht froh, dass wir nicht immer hier leben müssen?"
© 1999

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