Kultur : Die Geschichte einer Obsession - und die cineastische Überdosis des Jahres

Daniela Sannwald

Im Spätsommer ist die Normandie vielleicht die schönste Landschaft der Welt. Die ersten Bilder bestätigen diesen Eindruck: sanfte Hügel im blassgoldenen Sonnenlicht, saftig grüne Wiesen, eiserne Zäune um großzügige Anwesen. Hinter einem zweiflügeligen Tor mit geschmiedeten Initialen führt eine kiesbestreute, geschwungene Auffahrt zu einem Schlösschen. Dort wohnen Mutter und Sohn, sie eine Diplomatenwitwe, er ein junger Schriftsteller, der mit seinem gerade veröffentlichten Roman das Lebensgefühl seiner Generation getroffen hat. "A la lumière" heißt das Werk, "zum Licht" - und ob man den Titel wörtlich oder im übertragenden Sinn versteht: Pierre selbst jedenfalls wirkt nicht so, als ob er da noch hin müsste.

Sein Leben bewegt sich wahrscheinlich zwischen Privatschulen, Golfplätzen und Partys, zu denen er seine schöne Mutter begleitet. Catherine Deneuve und Guillaume Depardieu verkörpern dieses Mutter-und-Sohn-Gespann idealtypisch: groß, blond und lässig-elegant, bestimmt und bestimmend, scheinen sie es sich erlauben zu können, sämtlichen Neigungen zu frönen, nach denen ihnen der Sinn steht, auch inzestuösen. Pierres Verlobte Lucie, zart und ebenfalls blond, passt wunderbar zu ihnen; "perfekt", murmelt denn auch die Mutter, als sie Lucie im Hochzeitskleid mit langem Schleier auf dem Podest stehen sieht, um das die Schneiderin herumwuselt.

Doch so viel normannisches Spätsommerlicht hält Pierre nicht aus. Und dennoch, es sind nur kleine Fluchten, die er unternimmt, nächtliche Motorradfahrten zum Beispiel nach Rouen zu Lucie, von denen er im Morgengrauen heimkehrt - bis er eines Nachts auf Isabelle trifft, eine abgerissene, dunkelhaarige Fremde, die klassische Antagonistin: Vor allem aber ist sie die Inkarnation einer Frau, die immer wieder in seinen Träumen auftauchte. Pierre läuft ihr nach, und sie erzählt ihm eine lange Geschichte von Dunkelheit und Verfolgung und Krieg, in radebrechendem Französisch mit osteuropäischem Akzent. Und dann rückt sie damit heraus, dass sie und Pierre denselben Vater hätten. Pierre verspricht ihr, sich ab sofort um sie zu kümmern. Er verlässt Mama und bricht mit Lucie, steckt die Diskette mit dem Anfang seines zweiten Romans ein, findet Isabelle in einem Tunnel und fährt mit ihr und zwei jüngeren Mädchen, um die wiederum sie sich kümmert, nach Paris.

Und Abschied vom Hellen, von Landschaft. Langsames Hinübergehen in eine endgültige Düsternis, die nicht allein dem Wechsel der Jahreszeiten geschuldet ist. Pierre etabliert sich als eine Art Oberhaupt über die Familie, in deren Kreis er den sozialen Aus- und Abstieg zelebriert. Aus dem miesen Hotel zieht man bald in eine Fabrik, wo sinistre Gestalten in einer Mischform aus Kommune, Kaserne und Künstlerkolonie leben. Es ist bitterkalt, und ein asketischer Maestro dirigiert ein Ölfass- und Edelstahlspülen-Orchester. Hühner, Pferde und Hunde laufen herum, und vermummte Männer veranstalten Schießübungen, bei denen nackte, weibliche Schaufensterpuppen als Zielscheiben dienen.

Gegen die Kälte hilft Körperwärme - "mon frère", murmelt Isabelle beim Sex mit Pierre, eine Anrede, die auch seine Mutter benutzte, wenn sie mit ihm sprach: Fortsetzung des Inzests mit anderen Mitteln. Aber ist Isabelle denn seine Schwester? Man weiß es nicht. Man weiß nur, dass Pierre nach dem Geschlechtsakt endlich wieder zu schreiben in der Lage ist. Wuchtig knirscht der dicke Filzstift in der Farbe von Herzblut übers Papier und akzentuiert den durch die verrostete Eisentür kaum gedämpften rhythmischen Höllenlärm.

"Pola X" ist die Geschichte einer Obsession, und Leos Carax inszeniert sie konsequent als Geschichte eines Untergangs. Noch während die Anfangstitel laufen, sehen wir Bilder von Kampfflugzeugen, die Bomben abwerfen: Überall auf der Welt ist Krieg, und vor diesem Hintergrund ist verständlich, dass ein junger, sensibler Intellektueller das Leben der Reichen und Schönen nicht mehr aushält. Leer und langweilig ist es ihm geworden, und er vermisst den ultimativen Kick. Da kommt ihm die Streunerin, die behauptet, seine Halbschwester zu sein, gerade recht.

Hätte es Carax dabei bewenden lassen, Isabelle als Kopfgeburt eines lebensüberdrüssigen und gleichzeitig hungrigen Aussteigers zu behandeln, könnte "Pola X" ein interessanter Film sein. Aber Carax fehlt jede Distanz zu seinem Sujet, ebenso wie Pierre die Distanz zu seinem Handeln. Letzteres ist ein Charakteristikum der Obsession; und es mag sein, dass der Regisseur ebenfalls irgendwann besessen war von diesem Projekt, für dessen Realisierung er immerhin vier Jahre brauchte.

So liegt nun die zehnte Fassung des Films vor, wie der Titel bereits andeutet: "Pola" steht für die Initialen von "Pierre ou les ambiguités" - es ist die französische Fassung von Herman Melvilles Roman, der dem Film zu Grunde liegt. Trotz oder gerade wegen der vielen Jahre und Fassungen ist "Pola X" ein kitschiger Film geworden, der - wie sein Held - mit der Romantik des Elends kokettiert. Pierres Haltung bleibt pathetisch, narzisstisch, voller Selbstmitleid. Da er keine innere Wandlung durchlebt, muss er äußerlich umso mehr verwahrlosen. Mit Zottelbart und langem Haar, mit mehreren Schichten Kleidung, mit kaputten, mit Zeitungspapier ausgestopften Stiefeln sieht Pierre am Ende selbst aus wie ein Kriegsflüchtling. Und spätestens, wenn sich dann auch noch Lucie aus ihrem bürgerlichen Leben löst und Pierre und Isabelle nach Paris folgt, um mit ihnen in einer Ménage à trois zu leben, hat man genug von diesem Film.

Im ersten Drittel von "Pola X" dringt Pierre mit Hilfe eines Vorschlaghammers in ein zugemauertes Zimmer im Schloss seiner Mutter ein, weil er dort ein Geheimnis vermutet. Aber er findet nichts, nur Leere. Das hätte ihm eine Warnung sein sollen.In den Kinos Eiszeit (OmU), Filmkunst 66

und Hackesche Höfe

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