Kultur : Die Geschichte stemmt sich gegen uns

Ulrike Edschmid beschreibt den Weg ihres Lebensgefährten Philip S. in den linken Untergrund.

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Kaum eine Generation hat schon zu Lebzeiten mehr zu ihrer Legendenbildung beigetragen als die der Achtundsechziger. Je verbissener die Überlebenden der RAF das Schweigegebot befolgen, desto redseliger werden jene, die an den ausgefransten Rändern dieser mythentreibenden politischen Selbstermächtigung standen. Als letzte Stellvertreter des „heroischen Zeitalters“ beklagen sie entweder das nicht eingelöste Potenzial der Bewegung oder erklären genau dies zum Glücksfall der „historischen Konstellation“, wie kürzlich der Literaturwissenschaftler Helmut Lethen in seiner erinnernden Selbstbeschau „Suche nach dem Handorakel“.

Aus der Entfaltung dieses Potenzials, so Lethen, wäre „Schlimmes“ zu erwarten gewesen . Zugleich lässt er wissen, wie nachhaltig die damaligen KGruppen die frei flottierenden kriminellen Elemente einzuhegen verstanden. Wie immer man diese zunehmend historisierenden Selbststilisierungen beurteilen mag, die Inventare jener Zeit sind offenbar gut gefüllt und ihre Stoffe werden auf Halt- und Verwertbarkeit gesichtet.

Auch die in Berlin lebende Schriftstellerin Ulrike Edschmid, die vor über 15 Jahren mit ihren sensiblen Porträts über die RAF-Frauen Katharina de Fries und Astrid Proll das Phänomen „Frau mit Waffe“ (1976) ausleuchtete, unternimmt nun einen neuerlichen Annäherungsversuch, fast schon eine Selbstaussetzung. Edschmid war die Lebensgefährtin von Philip Werner Sauber, dem 1967 aus Zürich nach Berlin eingewanderten Künstler, der unter nie völlig geklärten Umständen 1975 im Zuge einer Polizeikontrolle in Köln ums Leben kam. Auch ein Polizist fiel dem Schusswechsel zum Opfer. Die Autorin tritt nicht nur als Chronistin, sondern auch als Zeugin in eigener Sache auf – im Bewusstsein, dass „alle Versuche, Jahre später etwas auf den Begriff zu bringen, was in der Stimmung des Augenblicks entstanden ist, zu falschen Worten und zu falschen Sätzen führen“.

Als die 27-jährige Studentin den sieben Jahre jüngeren Cineasten „mit hohem Anspruch“ an der neu gegründeten Berliner Film- und Fernsehakademie trifft, ist Benno Ohnesorg gerade erschossen worden und in der Stadt nichts mehr wie zuvor. Geflohen aus einem wohlhabenden, unterkühlten Elternhaus, in dem puritanische Sparsam- und Lieblosigkeit herrschte, und nach einem Intermezzo in der Zürcher Künstlerbohème verschlägt es Sauber nach Berlin, wo er seine ästhetischen Vorstellungen verwirklichen will. Mitstudierende wie Holger Meins, der vor seiner Zeit im Untergrund mit dem Paar zusammen in einer Schöneberger Fabriketage wohnen wird, gehören da bereits zur konkurrierenden Fraktion, die die „Kunst als Waffe“ eingesetzt sehen will.

Philip S., wie er im Buch Distanz haltend genannt wird, übernimmt Verantwortung für den kleinen Sohn seiner Freundin. Neben der Arbeit an seinem Erstlingsfilm engagiert er sich in der Kinderladenbewegung. Man fährt auf Filmfestivals nach Italien, unbeschwert noch, aber schon im Wissen, nicht nur „freie Inseln“ zu suchen „in einer unfreien Welt“. Schon in Italien ist Philip S. eher Zuschauer und „der einsame Wanderer“, den er in seinem ambitionierten, verrätselten Film auf den Weg schickt. Der Dokumentarist Harun Farocki wird den auf Unverständnis stoßenden 30-MinutenStreifen später loben, als den „erstaunlichsten“ und „schönsten Film, der damals entstanden ist“.

Das Attentat auf Rudi Dutschke 1968 wird auch bei Sauber und Edschmid zu einer Zäsur. Wie viele andere politisiert und radikalisiert sich das Paar. Die Auseinandersetzungen an der Akademie führen zur Relegierung von 19 Studierenden, darunter auch Philip S. In der Fabriketage richtet er ein „Studio für Gegenöffentlichkeit“ ein, weil es ihm nun nicht mehr um Bildästhetik geht, sondern „um das, was hinter den Bildern steckt“. Es ist eine Zeit des politischen Aktionismus, der den Affektthermostat in die Höhe schießen lässt, mit ständigen Razzien und Verhaftungen, Zonen der Unsicherheit, zunehmender Gewalt und Misstrauen. Schließlich landen auch Philip S. und die Autorin einen Monat im Gefängnis: „Ich habe die Gefahr nicht erkannt“, weiß Edschmid rückblickend.

Schon als Teilhabende empfand sie, dass sie sich „wie in einer Szene in einem Film“ bewegte. Daraus entwickelt sie das Stilprinzip ihres „Roman“ genannten, vor- und zurückblendenden Berichts, der gerade wegen seiner Diskretion und poetischen Kühle erhellender ist als so manche Suada ehemaliger Kombattanten. Ohne je die Grenzen zur Intimität zu überschreiten, rekonstruiert sie die freudlose Zürcher Kindheit des Gefährten, versetzt sich zurück in die Schöneberger Zeit, als sie noch nicht weiß, aber fühlt, dass alles ein Leben im „als ob“ ist. Sie spürt die schleichende Veränderung.

Philip S. zieht sich mehr und mehr zurück, trainiert „seine Begabung für ein Leben im Untergrund“. Während sie sich geschworen hat, sich nie mehr für etwas einsperren zu lassen, für das sie nicht geradestehen kann, ist er „nur rausgekommen, um wegzugehen“. Ihre Liebe wird zum Geheimbund, und die Komplizenschaft schließlich zur Bedrohung, verbunden mit der allgegenwärtigen Figur des Verrats. Er trifft auch den kleinen Sohn der Autorin, dem Philip S. so verbunden war.

Das endgültige Untertauchen und die Schießerei in Köln hat die Autorin nicht mehr selbst miterlebt. Ihre Wege hatten sich schon getrennt, als Philip S. den ästhetischen durch den „heroischen Auftrag“ ersetzte. „Er tut es ohne Not“, schreibtUlrike Edschmid im Rückblick. Sie hat ihn nicht zurückgehalten. Aber es dauerte ein halbes Leben, bis sie die Sperrgebiete der Erinnerung wieder betreten konnte. Ulrike Baureithel

Ulrike Edschmid: Das Verschwinden des Philip S. Roman.

Suhrkamp Verlag,

Berlin 2013.

156 Seiten, 15,95 €.

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