Kultur : Die Geschichte vom blutigen Ende der Liebe

Spinnen und Nixen: Nachwuchs-Choreografen stellen sich vor. Zum Auftakt der 12. Tanztage in den Berliner Sophiensälen

Ulrich Amling

Wie eine Kolonie bunter Pilze recken sich Regenschirme im dunklen Hof der Sophiensäle empor. Von ihren glitschigen Kappen rinnt das Regenwasser, tropft langsam und unerbittlich in Mantelkrägen und flutet Schuhe. Dennoch weichen die Schirme nicht. Immer neue drängen heran und harren vor dem Kassenhäuschen aus. Zu den Tanztagen muss man – Wetter her – einfach hin, erst recht zum Auftakt des inzwischen 12. Durchgangs der Berliner NachwuchsChoreografenschau.

Im Treppenhaus mischt sich der Geruch nasser Cordhosen mit dem schweren Aroma von Glühwein und brandet im Foyer sanft gegen das blaue Rauschen des „Ocean Emotion“. Die Lichtspiel-Installation von Heinz Kasper schickt wohlige Klänge durch den Raum und lässt im meditativen Bilderschnee ab und an ein paar leicht geschürzte Nixen auftauchen. So entspannt und genügsam ist auch die Erwartungshaltung des Publikums, unter das sich nur wenige professionelle Beobachter, so genannte Entscheider, mischen. Man kann warten.

Hinter der Kasse, beim Kartenabreißen, im Gedränge: Überall wirbelt Barbara Friedrich. Mit Hartnäckigkeit und großem Herzen hat sich die Impresaria einen Produktionsetat für die Tanztage erkämpft und so sparsam eingesetzt, dass sie in diesem Jahr 12 Eigen- und Koproduktionen als Uraufführungen zeigen kann. Um das bollernde Kreativöfchen in den Sophiensälen scharen sich 74 Tänzer und Choreografen - ein heißer Erfolg im bankrotten Berlin.

„Hier vorn sind noch drei Matratzenplätze frei“, ruft Barbara Friedrich in den überfüllten Raum. Und verspricht unwiderstehlich unverkrampft einen Ausblick auf die Stars und Flops von morgen. Es herrscht eine Atmosphäre, in der sich Tänzer und Publikum auf Augenhöhe begegnen. Und da schlägt man selten hart zu. So erfreut sich die Auftaktdarbietung „Schon fertig“ der bildenden Künstlerin Chat des milden Saalklimas: Der offensichtlich dilettantische Versuch einer Konzept-Art-Performance, die durch schief aufgehäkelte Stoffflicken einen traurigen Schlag ins Batiktheater abbekommt, wird geduldig zur Kenntnis genommen.

Auch als sich die sturen Bewegungsticks der Akteure in öffentliches Zeitungslesen verwandeln, um so die Strapazen der Informationsflut zu illustrieren, erhebt sich kein Murren. Man hofft auf das Auftauchen der nächsten Nixe.

Doch zunächst zeigen die Kalifornierinnen Rachael Lincoln und Sommer Ulrickson, was ein professioneller Auftritt ist. Tempobewusst und variantenreich verfangen sich die Tänzerinnen in imitatorischen Fallstricken. „Ich dich auch“ nennen sie ihre Studie einer Frau, die der Freundin ihres Freundes begegnet und dabei immer mehr mit deren (Körper-)Bild verschmilzt. Eine schnelle, nett anzusehende Viertelstunde ohne viel Tiefe.

Statt in sonnige Nixengefilde verschleppt die Berliner Choreografin Anja Hempel die Tanztage schließlich in die kalte Welt des Eskimomärchens „Die Geschichte vom blutigen Ende der Liebe des Mädchens, das zur Spinne wurde“. Hier werden Tänzer zu überspannten Lautgebern, die ihre gesucht wackeligen Bewegungen ins dramaturgische Ungefähr läppern lassen. So bleibt die gute Nachricht: Die Tanztage sind eröffnet - und noch elf weitere Produktionen im Rennen.

Noch bis zum 25. Januar, Informationen unter www.tanztage.de

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