Kultur : Die Geschichte von Götz und Gunther

FREDERIK HANSSEN

Die Bombe platzte beim "Siegfried": Als vor genau einem Jahr der Defizit-Skandal der Deutschen Oper Berlin in der Öffentlichkeit für Wirbel sorgte, arbeitete der Regisseur-Intendant des Hauses, Götz Friedrich, gerade am dritten Teil von Wagners "Ring"-Tetralogie - an der Finnischen Nationaloper Helsinki.

Bei der "Götterdämmerung" in diesem Frühjahr ging es für Friedrich ruhiger zu.Ein Skandal war nicht in Sicht, weder in Berlin noch auf der Bühne der finnischen Hauptstadt.Die Zeiten, als Friedrich mit seinen Wagner-Deutungen noch Proteststürme entfachte, wie 1972 bei seinem Bayreuther "Tannhäuser", sind lange vorbei.Spätestens sein immer noch gültiger, immer noch gespielter Berliner "Ring" zementierte 1985 seinen Ruf als einer der prägenden Opernregisseure der Nachkriegszeit.Als solcher wird er auch heute noch in Skandinavien geschätzt, und so ist es kein Wunder, daß ihm die erste komplette Produktion des "Rings" auf finnischem Boden anvertraut wurde, die durch den architektonisch wie akustisch gelungenen Neubau der Nationaloper in Helsinki 1993 endlich möglich wurde.

Zusammen mit dem Ausstatter und langjährigen Weggefährten Gottfried Pilz hat Friedrich seinen dritten "Ring" geschmiedet - und bewiesen, daß er auch 15 Jahre nach seiner Berliner Auseinandersetzung mit der Tetralogie noch immer etwas über Wagner zu sagen hat.Viel regiehandwerkliche Erfahrung ist da zu sehen, wenn er den Chor wirklich inszeniert, statt ihn, wie viele seiner Kollegen, nur zu arrangieren, wenn er Sänger zu Darstellern formt.Als neue "Idee" arbeitet Friedrich diesmal mit dem Schiksals-Seil der Nornen, das als blutrote Kordel den ganzen Abend auf der Bühne präsent bleibt, nach dem es im Prolog unheilverkündend zerriß.Immer wieder suchen seine Protagonisten Kontakt zum Nornen-Seil, wenn sie folgenschwere Entscheidungen zu treffen haben - ein optisches Leitmotiv, das die Vergeblichkeit allen Handelns im "Ring"-Finale signalisiert.Egal, was die Heldinnen und Helden auch unternehmen, ihr Untergang dämmert ebenso unabwendbar herauf wie das Ende der Götter.

Besondere Aufmerksamkeit schenkt Götz Friedrich dabei dem Gibichungen-Herrscher Gunther.So liebevoll, so intensiv hat er das Profil dieser eigentlich undankbaren Rolle herausgearbeitet, daß man versucht ist, hier die heimliche Identifikationsfigur des Regisseurs zu entdecken.Sollte Friedrich gar einen autobiographischen Aufschrei inszeniert haben? Gunther ist in der Tat ein tragischer Fall: Als einziger "Ring"-Charakter wirklich mit seinem Leben zufrieden, wird er unverschuldet zum Spielball der Intrigen, versucht verzweifelt, es allen recht zu machen, und wird zum Dank dafür am Ende auch noch erschlagen.Wie Götz Friedrich?

Auf seiner Burg lebt Gunther glücklich im Inzest mit seiner Schwester Gutrune (dem alten, treuen Publikum der Deutschen Oper), bis ihm sein böser Stiefbruder Hagen (Berlins Kultursenator Radunski) einflüstert, zum Erhalt seiner Hausmacht müsse er sich unbedingt mit Brünnhilde (den neuen Publikumsschichten) ehelich verbinden.Der Haken dabei ist, daß Gunther das "hehrste Weib" nur mit Hilfe des Recken Siegfried (Deutsche-Oper-Generalmusikdirektor Christian Thielemann) erringen kann, einem Haudegen, dessen Umgangsformen den feingeistigen Gibichungen anekeln.Trotzdem gibt er dem Drängen Hagens nach, begibt sich in die Abhängigkeit von Siegfried und erhält dafür eine Frau, die ihm nicht nur Angst macht, sondern sich auch mit Händen und Füßen dagegen wehrt, seine Gattin zu werden - weil sie bereits Siegfried angehöre.Es entbehrt nicht der Pikanterie, daß Brünnhilde in Helsinki von Friedrichs Gattin Karan Armstrong verkörpert wird.

Antti Suhonen singt den Gunther als Schmerzensmann, mit warmem, "menschlichen" Bariton, der gleichzeitig kraftvoll genug ist, um sich gegen den Sturm durchzusetzen, den Leif Segerstam im Orchestergraben entfacht: Der Erzromantiker Segerstam läßt mächtig Pathos auffahren, stachelt die Blechbläser zu explosiven Attacken an, wie es sich kein Dirigent in Deutschland trauen würde - aus Angst davor, wegen des so unvermeidlichen "Reichsparteitags-Sounds" gescholten zu werden.Segerstam fürchtet sich davor nicht und auch nicht vor weihevoller Langsamkeit: Siegfrieds Todesmonolog und Brünnhildes Schlußgesang beispielsweise weiten sich unter seiner Leitung - durchaus faszinierend - zu horizontlosen Klangflächen.Damit allerdings hebelt er seine Protagonisten aus: Der Siegfried-Sänger Stig Andersen, der mit einer verschleppten Erkältung kämpft, kann nichts anderes tun, als seine Gesangslinien durch ständiges "Zwischenatmen" zu zerstückeln, und auch Karan Armstrongs szenisch eindrucksvolle Brünnhilde wird dadurch vokal vollends grenzwertig.

Zum Held des Abends wird dadurch Matti Salminen: Unerschütterlich pflügt er sich mit seinem sonnenfinsternisschwarzen Mega-Bass durch die Klangfluten, zieht durch seine enormen Bühnenpräsenz alle Blicke auf sich, selbst wenn er regungslos dasitzt, und stattet jede Phrase, jede Replik mit einer kleinen Extra-Nuance, einer effektvollen Verzögerung, einem vielsagenden Farbwechsel aus, bis der Saal gespannt an seinen Lippen hängt.Daß das kleine Volk der Finnen traditionell ganz erstaunlich viel erstklassige Sänger hervorbringt, beweisen auch die übrigen Darstellern von den very sexy Rheintöchter bis zum prachtvoll machtvoll auftrumpfenden Männerchor.

Vom 13.bis 17.Oktober dieses Jahres wird sich die Finnische Nationaloper bei einem Gastspiel in Berlin präsentieren: Allerdings nicht mit einer Götz Friedrich-Inszenierung, sondern mit dem - seit langem im Hauptstadt-Opernspielplan vermißten "Peter Grimes" von Benjamin Britten (der großartige Jorma Silvasti singt die Titelrolle) und mit Erik Bergmans "Singendem Baum", der bei seiner Uraufführung zur Einweihung des Opernhauses 1993 für Furore sorgte.

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