Kultur : Die Gespenster des Krieges

SILVIA HALLENSLEBEN

Bunte Grußpostkarten aus Den Haag: drei Dokumentarfilme über den Krieg in Bosnien-Herzogowina im Forum VON SILVIA HALLENSLEBEN

-Auf einer Hängebrücke hoch oben über dem Flüßchen Neretva läßt sich Hans Koschnik von einem Offizier die Details eines geplanten Brückenbaus erläutern.Man spricht von Panzern, Zusammenführung und Normalisierung, als unten zwei Jungs auf einem Autoreifen durch die Fluten sausen.Zoom.Ein gefundenes Kamerafressen, ein hoffentlich nicht gestelltes Bild, eines das freundlich stimmt, auch wenn die Lage aussichtslos ist."Eine Krankheit, die man mit dem Pferd bringt, aber wieder fortgehen wird sie als Schnecke".So beschreibt ein Mann aus Ost-Mostar den Krieg, der in wenigen Jahren gleich mehrmals über seine Stadt gekommen ist; zu einer Zeit, als andere sie noch als Modell möglicher ethnischer Versöhnung sahen. "Nach dem Krieg" wollten die Dokumentarfilmer Pepe Dankquart (der mit dem Kurzfilm-Oskar für die "Schwarzfahrer") und Mirjam Quinte ihren Film eigentlich nennen.Nach dem Krieg, so sah es 1994 aus, als der SPD-Politiker Hans Koschnik von der EU als Administrator in der geteilten Stadt Mostar eingesetzt wurde.Daß der Krieg nicht vorbei ist, die letzten Tage haben es gezeigt.Und auch Hans Koschnik ist der verhaltene Aufbauoptimismus bald abhanden gekommen.Denn die steinernen Trümmer sind in Mostar die leichter zu behebende Verwüstung.Wir können nicht vergessen, was war, sagt Koschnik, doch die einzige Chance ist es, trotzdem zusammenzuarbeiten.Gerade haben die Österreicher ihm wieder mal ein Dach finanziert.Wenn der es nicht schafft, wer dann? Koschnik hat nach zwei Jahren kapituliert, weniger vor dem kroatischen Mob, der mit allen Mitteln die Öffnung verhindern wollte, sondern vor Verrat aus den eigenen Reihen.Dabei könnten die Schlägertypen, die "Für die Heimat! Sei bereit!" schreien, die kroatische Erde besingen und die Hand zum Hitlergruß recken, einen schon das Flüchten lehren."Wir sind keine Lämmer", sagt ein Kriegsinvalide, er persönlich würde jeden moslemischen Mann über achtzehn töten, der seinen Schritt über die unsichtbare Mauer setzt, die hier West von Ost, arm von reich, "Christen" von "Moslems" trennt. Zwei Jahre hat das Filmteam Koschnik begleitet.Doch Danquart und Quinte porträtieren auch den Alltag in dieser Stadt und ihre Bewohner, und sie tun dies unaufdringlich, mit Gelassenheit und Geduld ihren Partnern gegenüber.Dem Bäcker, der Brote in den Ofen schiebt und dabei gewitzte politische Analysen abgibt.Der Mann mit den freundlich blitzenden Augen, der versucht, sich und uns zu erklären, weshalb das Leid sich gerade ihn ausgesucht hat.Eine alte Frau, die versucht, ihre Enkel durchzubringen, nachdem erst der Sohn, dann auch die Schwiegertochter von Heckenschützen getötet worden ist.Allesamt sollte man sie fortjagen, sagt sie, Alia, Tudjman, Milosevic.Ein junger Mann will Radio machen.Programm? Alles, außer Krieg, das heißt Musik, Sex, Drogen und Alkohol. Manchmal, kurz nur, taucht die Vergangenheit zwischen den Jetztbildern auf.Die Brücken, die in den alten Liedern besungen werden und damals, früher, die Stadtteile verbunden haben.Es gibt sie nicht mehr und wenn man sie wiederaufbaut, werden es nicht mehr die gleichen sein."Nach Saison" ist ein unspektakulärer, gelassener, manchmal fast schöner Dokumentarfilm.Wenn nur die (zum Glück rare) Off-Stimme nicht wäre: Was war das für eine Droge, die irgendein böser Mensch Klaus Theweleit in den Tee getan hat, damit dieser eigentlich viel zu scharfsinnige Mann für den Begleitkommentar solchen Dusel wie "Die Kugel ist rund, das Spiel geht weiter" erfindet? Oder klingt das nur wegen des pastoralen Sprachgestus so schlimm? "Nach Saison" sei deshalb in Schwarz-Weiß gedreht, um "Urlaubsbilder aus der Trümmerlandschaft" zu vermeiden, sagen die Filmemacher.Ironischerweise scheint es gerade das Spiel der Grautöne zu sein, die unseren fernsehgeplagten Sinnen die zerstörten Häuser und Gassen auch zu melancholischen Bildern macht.Mostar muß eine wunderschöne Stadt gewesen sein. Wie die Gespenster des Krieges beschwören? Flammen zerfressen ein Foto am Anfang von "Black Kites", einem Film, der in manchmal zerrissenen, manchmal traumhaft schönen Bildern von einer "presence in hell", dem Überleben in den Kellern Sarajevos berichtet.Der Ästhetik dieses Films sieht man die amerikanische Herkunft an, ohne daß er deshalb weniger verstörend daherkäme.Die Dinge haben uns verraten, heißt es hier.Spielplätz, die zu Massengräbern werden.Und: Wie konnten wir je glauben, daß uns dieses nicht passieren könnte? Wie können wir verstehen, was uns passierte? Geht es in Mostar auch darum, wie eine Stadt mit dem Gedächtnis an die Verbrechen leben kann, die in ihr verübt wurden, so ist "Calling the Ghosts.A Story About Rape, War and Women" der Versuch, den schmerzhaften Prozeß der Erinnerung und des Aussprechens anzustoßen, um Erfahrungen verfügbar zu machen.Zwei Frauen porträtieren die Filmemacherinnen Mandy Jacobson und Karmen Jelincic in diesem Film, beide mußten sich abringen, über die Vergewaltigungen und Demütigungen in ihrer bosnischen Heimatstadt und dem Lager Omarska zu berichten."Was immer wir sagen, es ist nichts im Vergleich zu dem, was wir erlebt haben".Jadrankaj Cigelij und Nusreta Sivac haben sich entschieden, zu sprechen, um der Gerechtigkeit auf den Weg zu helfen, auch wenn das oft schmerzt.Als Jadranka den Lagerchef, der sie mehrfach vergewaltigt hat, schriftlich zur Stellungnahme auffordert, antwortet der: Nie im Leben wäre er auf so eine Idee gekommen, schließlich sei die Frau doppelt so alt wie er und auch noch unattraktiv. Jadranka und Nusreta haben darum gekämpft, Vergewaltigung in den Katalog der geächteten Kriegsverbrechen aufzunehmen.Mit Erfolg.Doch manchmal ist Rache auch klein: Aus Den Haag schicken sie bunte Grußpostkarten an ihre Peiniger: "Vielleicht sehen wir uns hier ja bald."
Black Kites und Calling the Ghosts: Freitag, 14.2., 11.00 Kino 7 Zoopalast, 16.30 Delphi, Sa., 22.30 Arsenal, So.19.30 AkademieNach Saison: So., 16.2., 16.00 Kino 7 Zoopalast, 19.00 Delphi, Mo.10.00 Arsenal, Di., 17.00 Akademie

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