Kultur : Die Gespensterbraut

Eine Nachkriegsliebe: Unica Zürn und Camaro waren ein Paar – dann kam Hans Bellmer. Eine Ausstellung erinnert an das Künstler-Trio.

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Ein Porträt von Unica Zürn, das Alexander Camaro um 1950 malte.
Ein Porträt von Unica Zürn, das Alexander Camaro um 1950 malte.Foto: Camaro-Stiftung, VG Bild-Kunst Bonn 2016

Was für ein rührende Geste: eine zum Kringel gedrehte Strähne, eine sogenannte Dichterlocke, dazu eine getrocknete Blume und eine Halskette schickt Unica Zürn 1951 dem geliebten Freund Alexander Camaro von ihrem Aufenthaltsort Wiesbaden nach Berlin. Die junge Frau wohnt für zwei Monate dort bei Freunden, um sich von einem Rückenleiden zu erholen. Zwischen den beiden Künstlern – der Autorin und späteren Zeichnerin, dem Maler und zeitweiligen Kabarettisten – gehen in diesen Wochen die Briefe hin und her.

Man berät sich, muntert sich auf, versichert sich der gegenseitigen Zuneigung. „Deine Gespensterbraut“ unterzeichnet geradezu mystisch entrückt Unica Zürn ihren Brief, der die getrocknete Blüte und das Haar als Unterpfand ihrer Zuneigung enthält. Kunst, Liebe, das Leben der Bohème, all dies mischt sich in dieser hochgestimmten Korrespondenz.

Dann aber taucht das Konvolut an Briefen, von Alexander Camaro sorgsam gehütet, in Kisten und Kästen ab. Irgendwann endet die Liebe, zumindest vier intensive Jahre hat sie getragen, besaß sie Kraft. Die Wege trennen sich, beide finden neue Partner. Unica Zürn begegnet 1953 bei einer Ausstellungseröffnung in der Galerie von Rudolf Springer dem Surrealisten Hans Bellmer, der Mitte der dreißiger Jahre nach Paris emigriert war. Eine neue, fruchtbare Künstlerbeziehung beginnt, leidenschaftlich, gefährlich, denn in Unica Zürn hat Hans Bellmer eine lebende „Poupée“ gefunden, die er schnürt, malt, fotografiert, wie es der Surrealist zuvor nur mit seinen gebauten Figurinen praktiziert hat.

Beide Künstler sind schon bei ihrer ersten Begegnung voneinander fasziniert, Zürn folgt Bellmer nach Frankreich, wo sie eine intensive Schaffenszeit erlebt: Auf Anregung des neuen Partners beginnt sie ihre berühmten Anagramme zu schreiben, ihre filigranen Fabelwesen zu malen. Sieben Jahre später wird bei ihr Schizophrenie diagnostiziert, es folgen Klinikaufenthalte, immer wieder neue Abstürze. Als sich eine Besserung abzeichnet, darf sie das Krankenhaus kurz verlassen. Am Tag nach der Beurlaubung, am 19. Oktober 1970, springt die Kranke aus einem Fenster von Bellmers Wohnung und stirbt, gerade 54 Jahre alt. In ihren Schriften aber hat sie sich immer wieder der Nachkriegsjahre in Berlin erinnert: „Die Zeit damals war wie ein Fenster in eine andere Welt für mich.“

Ein knappes halbes Jahrhundert nach Unica Zürns Tod – die besondere Beziehung zu Camaro ist längst in Vergessenheit geraten, als Lebensgefährtin Bellmers hat sie eine gewisse Bekanntheit bewahrt – taucht ihr Bündel Briefe bei Recherchen im Nachlass des Berliner Malers wieder auf. Die Gegenstücke, Camaros Antworten fehlen zwar, aber der Fund ist trotzdem spektakulär. Eine echte Trouvaille, bezeugt sie doch, wie intensiv sich die beiden ausgetauscht haben, dass sie einander Musen waren.

Die in der Potsdamer Straße ansässige Camaro-Stiftung hat diesen Fund nun ausgewertet und dazu einen hervorragenden wissenschaftlichen Katalog verfasst, der das Verhältnis von Zürn, Camaro und Bellmer ausleuchtet. Aber was noch mehr zählt: Aus den Briefen, zahlreichen ebenfalls im Nachlass entdeckten Artikeln aus der Feder Unica Zürns, aus Gemälden, Zeichnungen, Fotografien der beiden entstand eine bewegende Ausstellung, in der man irgendwann auch vor der Vitrine mit der Dichterlocke, dem Blümchen, der Halskette steht.

Zu diesem Zeitpunkt hat sich der Besucher längst in diese melancholische Berliner Nachkriegsliebe der beiden Künstler verguckt, hat sie bei ihren ersten tastenden Begegnungen erlebt, hat den inspirierenden Austausch zwischen Camaros Bildern und Zürns Prosa, zwischen den Auftritten des Künstlers als Clown und der einfühlsamen Beschreibung seines Spiels durch die Schriftstellerin anhand der Dokumente verfolgen können. Unica Zürn, frisch geschieden, als Dichterin viel versprechend, lernte Camaro zunächst als Mitglied des Künstlerkabaretts „Die Badewanne“ kennen. Ein kleiner Zettel mit ihrer krakeligen kleinen KugelschreiberHandschrift dokumentiert, dass sie der Truppe damals ihre Ziehharmonika lieh, wie sie auch sonst mit Ideen bei der Einstudierung behilflich war.

Die Ausstellung ruft eine Künstlerin in Erinnerung, die zwar keine Unbekannte ist, deren Bedeutung aber immer noch unterschätzt wird. Die Camaro-Stiftung leistet da zweierlei: Sie würdigt diese besondere Figur durch wissenschaftlich fundierte Erarbeitung, wenn sie auch wieder vornehmlich als die Gefährtin zweier berühmter Männer gesehen wird. Und sie feiert Zürn, genauer: ihren 100. Geburtstag am 6. Juli mit einem großen Fest. Bis dahin ist die Ausstellung in der Camaro-Stiftung zu sehen, die im zweiten Hinterhof eines großbürgerlichen Hauses in der Potsdamer Straße residiert. Der Ort passt perfekt, denn hier unterhielt der Verein Berliner Künstlerinnen bis 1910 seine erste Malschule. In den lichten, hohen Ateliersälen im dritten Stock, unter der gläsernen Decke unterrichtete einst Käthe Kollwitz.

Mit Unica Zürn geht die Zeitreise weiter bis in die Nachkriegsjahre, eine Phase der Extreme. Fotografien des zerstörten Berlin sind zu sehen, Aufnahmen lachender Künstler, die sich um die für ihr Kabarett namengebende Badewanne scharen. Eine andere Fotografie zeigt die strahlende Unica Zürn in einer Ausstellung 1955 von Alexander Camaro in der Galerie Springer. Die Wege der beiden haben sich längst getrennt, da ist die zarte Schönheit bereits die Gefährtin Bellmers. Die Verbindung zu Camaro blieb bestehen. In einem letzten Brief an ihren einstigen Geliebten nennt sie ihn „kleiner Mimiker, großer Maler“. Wie nahe sie einander einst standen, lässt sich jetzt erst erahnen.

Camaro Haus, Potsdamer Str. 98a, bis 6. Juli, Di bis Sa 13–17 Uhr, Mi 13–20 Uhr. Fest am 6. Juli. um 17 Uhr. Katalog (Brinkmann & Bose) 25 €

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