Kultur : Die gestiefelte Katze

Vom Schattenweibchen zur Powerfrau: Hollywoodstar Halle Berry ist „Catwoman“

Jan Schulz-Ojala

Ganz knapp vor der Rente hat sie es doch noch geschafft. Geboren 1940 als „Die Katze“ im ersten Batman-Comic, war ihr hinter der moralischen Lichtgestalt von Gotham City lange nur der Status einer Nebenfigur beschieden. In der TV-Serie der Sechzigerjahre spielte Julie Newmar die Katzenfrau, und in „Batman hält die Welt in Atem“ (1966) steckte Lee Meriwether im Katzenkostüm – und hatte, als Kitanya Kitka Irenya Tantanya Karenska Alisoff, einen der schnurrigsten Namen der Filmgeschichte. Doch erst Michelle Pfeiffer machte, 1992 in Tim Burtons furiosem Film „Batmans Rückkehr“, Catwoman und den Catsuit im Kino populär. Und weckte vor allem die Lust auf die Rückkehr Catwomans – als Titelheldin.

Nun ist der Sprung geglückt, pünktlich zum 64. Geburtstag der in Würde gealterten Männerfantasie, doch die Fangemeinde zerstreut sich überwiegend ratlos. Abgesehen von vereinzelten Verzückungsschreien, etwa im jüngsten „Spiegel“, herrscht Katzenjammer. In Amerika hat „Catwoman“ bislang kaum ein Drittel seines 100-Millionen-Dollar-Budgets eingespielt und befindet sich an den Kinokassen im freien Fall. Besonders schmerzhaft: Catwomans Zwillingsbruder im Geiste, der schüchterne, unglücklich verliebte Peter Parker alias „Spider-Man“ schwingt sich soeben auf Riesenspinnenfäden in den Box-Office-Olymp. Sam Raimis „Spider-Man 2“ dürfte die 400-Millionen-Dollar-Marke knapp verfehlen, die sein Vorgänger vor zwei Jahren übertraf, aber auf das Galatreppchen der ewigen US-Kinohits drängt es ihn allemal.

„Catwoman“ muss nun im Rest der Welt ran, und auch diese zweite Schlacht verspricht hart zu werden. Denn die einzige Wunderwaffe des Films heißt: Halle Berry. Der schwarze Komet unter den weißen Superstars macht in seinem Bemühen, den Hunden da draußen so richtig die Krallen zu zeigen, zwar eine Superfigur, und auch sonst sieht Halle Berry, vom ledernen Katzenohr bis zu den spitzen High Heels, verdammt sexy aus. Nur: Was, wenn Berry als verdammt hübsche Computerdesignerin Patience Philips ausgerechnet das hässlichste Entlein vom Großraumbüro geben muss? Die Kostümbildner stecken die Schönheit in eine Art Kartoffelsack – und damit hat „Catwoman“ sein erstes Problem.

Nicht, dass man gleich alles glauben müsste im Kino-Überwältigungsgenre der Superhelden und -heldinnen – die „Catwoman“-Macher aber scheinen es geradezu darauf anzulegen, dass man ihnen rein gar nichts abnimmt. Weder das Mauerblümchen Halle Berry, dem ausgerechnet der notgeile Boss eines Schönheitskonzerns kündigt, noch den Boss selbst und seine böse Frau, die Lambert Wilson und Sharon Stone konsequent als Knallchargen geben. Ebenso wenig Berrys Romanze mit einem Cop, der sich die Doppelexistenz von Patience/Catwoman bestürzend langsam zusammenreimt (Benjamin Bratt spielt die dramaturgische Witzfigur mit immertreuem Katerblick). Und am wenigsten die eigentlich aufregende Seelenpein zwischen den Identitäten Schattenweibchen und Powerfrau: Gerade mit der Verkörperung des schön fatalen Leidens einer überirdisch schönen femme fatale wirkt Halle Berry merkwürdig überfordert.

Wer dieser Tage sehen will, wie man eine genuin aberwitzige Superheldenstory spannend und emotional stimmig inszeniert, findet Material im Kinosaal gleich nebenan, bei „Spider-Man 2“. Anders als der französische Visual-Effects-Spezialist Pitof, der in „Catwoman“ erst zum zweiten Mal Regie führt, unterspielt der erfahrene Regisseur und Drehbuchautor Sam Raimi immer wieder souverän das pure Action-Geschehen. Tobey Maguire ist der verdruckste Nerd, der seine angebetete Kirsten Dunst nervend maulfaul fast in die nächstbeste Ehe treibt. Und beide sind diese linkischen jungen Leute von nebenan, die zueinander einfach nicht kommen können. Spider-Man, der superliebe Spinnenflieger in den Häuserschluchten New Yorks, bleibt so geerdet. Und wenn ihm, weil er nur Mensch und Liebender sein will, im Sturzflug die Spinnenfäden nicht aus der Hand schießen wollen, so spürt der Zuschauer mit der schmerzhaft physischen auch die psychische Fallhöhe dieses Geschöpfs. Schon ist die gute, alte Katharsis nicht fern.

„Catwoman“ dagegen vertreibt sich und uns die Zeit mit Mätzchen: lässt die animiert animalisierte Patience plötzlich Dosenthunfisch dutzendweise verschlingen oder auch harmlose Hundchen auf dem Trottoir anfauchen – als parodierte sie bloß die persönlichkeitsspaltende Verwandlung, die sie doch spielen soll. Wie Tobey Maguire begegnet sie auch den Guten in der sonst grundbösen Erwachsenenwelt: alten Frauen und Kindern. Nur werden ihr allenfalls Drehbuchstichworte mitgegeben, während Spidermans Tante ihrem Schützling zumindest alltagsphilosophisches Rüstzeug aufschultert. Und Catwomans Rettung eines Kindes vom Riesenrad wirkt kaum nach, während Maguire, der ein Baby aus einem brennenden Haus holt, die erhellende Niemandserfahrung macht: Ohne Spidermankostüm sagen ihm allenfalls zwei Feuerwehrleute dankeschön, ohne rot-schwarzes Ganzkörpernetz ist er ein Nichts. So wir wir, die wir ihm zusehen in der ersten oder zehnten Reihe.

Dass schließlich auch die „Catwoman“-Computereffekte meilenweit hinter jenen aus der Spinnenwelt zurückbleiben: geschenkt. Vielleicht genügt schon das: Schlechte (Action-)Filme hasten von Sprung zu Sprung, gute spinnen ein Netz. Jagen nicht auf einer Linie von Anfang bis Ende, sondern besetzen einen Raum. Und so verwundert es wenig, dass der Filmstart von „Spider-Man 3“ bereits feststeht (10. Mai 2007!), während die „Catwoman“-Produzenten derzeit noch darum bangen, ob ihre Katze überhaupt mehr als ein Leben hat. Fluch oder Segen: Die Hoffnungen ruhen auf den Schultern der schönen Halle – ganz allein.

In Berlin ab heute in 24 Kinos; Originalversion im Cinemaxx Potsdamer Platz und Cinestar Sony Center

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