Kultur : Die geteilte Erinnerung

„Le passé“ von Asghar Farhadi ist der bisher stärkste Film im Wettbewerb von Cannes.

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Frühstück im Flickwerkleben. Marie (Bérénice Bejo) und Samir (Tahar Rahim) wollen heiraten. Foto: Festival
Frühstück im Flickwerkleben. Marie (Bérénice Bejo) und Samir (Tahar Rahim) wollen heiraten. Foto: Festival

Es ist fünf Uhr morgens. Der neu eröffnete Technoclub im Erdgeschoss des alten Gemäuers gibt endlich Ruhe, und der Hinterhof dämmert in zarter Stille vor sich hin. Da dringen Stimmen durch eines der geschlossenen Fenster, Frauenschimpfen, Männerreden, Kinderjammern, Streit. Nur kurz geht das so hin und her, nicht wirklich laut, bis im Hellerwerden des Tags die Möwen und die Tauben das akustische Kommando übernehmen.

Hat der nach Cannes entsandte Zeitungsmensch in seiner Mansarde das tatsächlich gehört, hat er es geträumt in einer seiner Schlafviertelstunden, oder ist ihm gar die Erinnerung an einen Film hineingeschlüpft in den übernächtigten, bilderwirren Kopf? Auch Letzteres wäre vorstellbar – die eindrücklichsten Leinwandgestalten des Festivals sind unruhige Mütter, überforderte Väter, die irgendwie vernünftig zu bleiben suchen in irre angespannten Verhältnissen. Und, vor allem, ihre Kinder: Sie verbergen sich vor den elterlichen Kämpfen und werden doch hineingezogen, sie lauschen und schauen durch halb geöffnete Türen und laufen schlimmstenfalls weg, bloß weg hier, irgendwohin.

Nach „Nader und Simin“, wofür er 2011 den Goldenen Bären der Berlinale und letztes Jahr den Auslandsoscar gewann, präsentiert der Iraner Asghar Farhadi erneut ein luzides Drama über die Liebe, die Familie und den Versuch, mitten in der unweigerlichen Ansammlung von Schmerz und Schuld zur Wahrhaftigkeit der Beziehungen zu stehen. Wieder ist ihm ein herausragender Ensemblefilm mit großartigen Schauspielern nach eigenem Drehbuch gelungen. Dafür braucht es keineswegs mehr jene politische Drangsal des Iran, aus der „Nader und Simin“ massiv dramatisches Potenzial bezog. „Le passé“ siedelt unter kleinen Leuten aus der Pariser Banlieue, die ihr Flickwerkleben auf die Reihe zu kriegen suchen.

Die Außenperspektive auf diese Verhältnisse hat, zumindest anfangs, Ahmad (Ali Mosaffa) inne: Nach vier Jahren im Iran reist er nach Paris, um die Scheidung von Marie (Bérénice Bejo) formal zu vollziehen. Marie hat, mit der 16-jährigen Lucie (Pauline Burlet) und der kleinen Léa (Jeanne Jestin) zwei Töchter, die Ahmad zeitweise mit aufgezogen hat. In ihrem Haushalt findet Ahmad allerdings auch Fouad (Elyes Agius) vor – wie sich herausstellt, der Sohn von Samir (Tahar Rahim), den Marie demnächst heiraten will. Ein weiteres Kind ist auch schon unterwegs.

So schrittweise, wie sich die Beziehungen für Ahmad enthüllen, werden sie auch dem Zuschauer klar. Samir wohnt mit in Maries engem Häuschen, räumt seinen Platz aber offenbar klaglos für den Logiergast Ahmad. Lucie hasst Samir offenbar ebenso wie ihre Mutter, und unversehens sieht sich Ahmad, der schon früher nicht den übelsten Lebensabschnittsvater abgab, in der Rolle des Rechercheurs und Friedensstifters. Nur: Welcher Krieg steckt hinter allem? Was geht in der merkwürdig vergifteten Welt zwischen Samirs Reinigung und der Apotheke vor, in der Marie arbeitet? Und was steckt hinter dem Selbstmordversuch von Samirs Nochehefrau, die seitdem im Koma liegt? Diese frühen Fragestellungen könnten gut für einen Krimiplot oder auch für eine Soap taugen. Farhadi aber erkundet anhand dieses Alltagsmaterials in schönster Leichtigkeit philosophische Fragen. Ist Wahrheit überhaupt nur auszuhalten, wenn man sie teilt? Und was hat es mit der titelgebenden Vergangenheit auf sich? Kann man sie auswischen wie Buchstaben auf einer Windschutzscheibe – so wie es der Filmvorspann zumindest suggeriert?

„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen“, schreibt Faulkner. In seiner Rekonstruktion einer Schuld, die sich als Schatten über eine Familie legt, geht Farhadi noch weiter. Auf der Pressekonferenz sagte er, Vergangenheit existiere allenfalls als vage Summe subjektiver Erinnerungen. „Le passé“ plädiert unbedingt dafür, sie zu teilen. Die energische Marie, die nur auf die Zukunft setzt, wird gegen die nächste Wand laufen. Und ein iranischer Freund, der Ahmad rät, den exfamiliären Kuddelmuddel einfach hinter sich zu lassen, übersieht, wie verantwortlich sich Ahmad noch immer für jenes Leben fühlt, das er einmal geteilt hat. Ihm bleibt, das Bestmögliche zu tun und sich behutsam zu entfernen.

Nichts ist sentimental in diesem stellenweise herzzerreißenden Film, der einstweilen den Wettbewerb in Cannes dominiert. Und als wollten die Festivalmacher der Wucht des Werks eine Tröstung hinzufügen, schieben sie Hirokazu Kore-Edas „Soshite Chichi Ni Naru“ (Wie der Vater, so der Sohn) hinterher. Der Japaner setzt auf ein externes Drama: Nach sechs Jahren wird zwei Familien eröffnet, die Kinder seien nach der Geburt vertauscht worden. Was zählt mehr – die Stimme des Blutes oder die im Gefühl wahrhafter Verwandtschaft gemeinsam verbrachte Zeit?

„Le passé“, die zweite? Schade nur, dass der gefühl- und humorvolle Film sich allzu linear auf die Läuterung eines der Väter konzentriert. Der ehrgeizige, egozentrische Ryota (Masaharu Fukuyama) lernt zu lieben, durch die vorsichtige Konfrontation mit seiner Frau und die schüchtern geschenkte Liebe seines – falschen – Sohnes. Und endlich lachen die Kinder auf der Leinwand, alle Kinder, alle.

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