Kultur : Die gezählten Tage

POP

H.P. Daniels

Willard Grant Conspiracy ist die Band des Amerikaners Robert Fisher mit wechselnden Begleitern. Eine Art Kollektiv von etwa 30 Musikern. Es spielt, wer gerade verfügbar ist, Zeit und Lust hat. Zu sechst sind WGC auf Europatour. Fisher sitzt im Bühnenzentrum des Tacheles. Auf einem imposanten Stuhl der dortigen Eisenbiegerwerkstatt. Mit dreifach breiter Sitzfläche und doppelter Rückenlehne. Wie geschaffen für die schwere Leibesfülle des massigen Songwriters, der im roten Hemd, mit schwarz umhornter Brille und mächtig wallendem Graubart wirkt wie ein Beat-Poet der Fünfzigerjahre.

Poetisch und ruhig der Beginn mit „St. John Street“. Akustikgitarre, plickernde Mandoline, eine Dame an Piano/Orgel. Ein bleicher Schlagzeuger, der keineswegs blass trommelt. Ein Bassist, der zwischen Kontrabass und bundlosem Fender, ein Geiger, der zwischen Viola und Violine wechselt. Vom zart melodischen Vibrato-Jubilieren bis zu wüstem Möwenkreischen. „Rivers In The Pines“ ist ein traditioneller Folksong, den Fisher neu bearbeitet hat. Ein Telefon klingelt im Publikum. „Geh ruhig ran“, sagt der Sänger mit der sonoren Stimme, „wir warten so lang!“ Und singt dann „eine von diesen Selbstmordballaden, von denen noch einige kommen werden“. Der Mando-Mann spielt E-Gitarre. Zur Geistergeschichte vom 14-jährigen Mädchen, das in einen Brunnen gestoßen wurde.

Jede Menge dunkler Folkelemente stecken in dieser Musik. Und Bluesiges, Stille, elegische Balladen. Über die gezählten Tage, die Endlichkeit des Individuums. „Regard The End“ heißt auch das neue Album. Himmlische Gospelchöre. Höllischer Lärm. Funkensprühend metallisches Fräsen der Gitarre. Geachtelte Akkorde, die sich aufschaukeln zu tosenden Erinnerungen an Velvet Underground. Nach knapp zwei Stunden düsterer Intensität weht noch ein Hauch von Fishers Stimme nach.

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