Kultur : Die Ghetto Swingers spielen zum Totentanz

„Erzwungenes Finale“: Eine Ausstellung und neue Bücher über verfolgte Film- und Bühnenkünstler.

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Gehetzt. Peter Lorre in „M“, 1931. Foto: bpk
Gehetzt. Peter Lorre in „M“, 1931. Foto: bpkFoto: bpk

Gerade die Erinnerung an den 30. Januar 1933, demnächst dann das traurige Jubiläum der Bücherverbrennung auf dem heutigen Bebelplatz in Berlin. Es waren vor 80 Jahren die Tage und Wochen, in denen sich auch Leben und Karrieren vieler Bühnen- und Filmkünstler so oder so entschieden. Im Rahmen des Gedenkjahr-Zyklus’ „Zerstörte Vielfalt“ macht darauf die Ausstellung „Erzwungenes Finale – Ende der Vorstellung“ im Berliner Willy- Brandt-Haus aufmerksam, die danach auch im Deutschen Theater zu sehen ist. Zudem gibt es neue Bücher zum Thema.

Das „Erzwungene Finale“ präsentiert mit Porträts und Texten knapp 30 exemplarische Schauspieler, Sänger, Kabarettisten und Regisseure, die von den Nazis aus rassischen oder politischen Gründen verfolgt und vertrieben wurden, sich ins Exil retten konnten oder ermordet wurden. Manche früh wie das KPD-Mitglied Hans Otto, der einst mit Werner Krauß und Gustaf Gründgens im Staatstheater am Gendarmenmarkt auf der Bühne stand und im November 1933, von der Gestapo fast zu Tode gefoltert, während der Vernehmung aus dem Fenster stürzte – gestürzt wurde.

Andere traf es früh und spät: wie Kurt Gerron, 1928 der Tiger Brown in der Uraufführung der „Dreigroschenoper“ am Schiffbauerdamm und im Film vom „Blauen Engel“ als Revuedirektor einst der Star neben Marlene Dietrich und Emil Jannings. Gerron wurde am 1. April 1933 als Regisseur eines gerade mit Magda Schneider (der Mutter später von Romy) gedrehten Ufa-Films mit der Ansage, alle nicht arischen Personen hätten das Studio zu verlassen, vom Set und so aus Deutschland geschmissen. Zehn Jahre danach fiel der Flüchtling in Amsterdam der Gestapo in die Hände und musste im Sommer 1944 im KZ Theresienstadt mit totgeweihten Kindern, Frauen, Männern, musikalisch untermalt von der Band Ghetto Swingers, den infamen Propagandafilm „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ drehen. Kaum war die letzte Klappe gefallen, wurde Gerron, der um sein Leben spielende Regisseur, nach Auschwitz in die Gaskammer deportiert.

In der Ausstellung finden sich so bekannte Künstler wie Elisabeth Bergner, Therese Giehse, Grete Mosheim, Tilla Durieux, Helene Weigel und Curt Bois, Peter Lorre, Fritz Kortner, Ernst Busch, Erwin Geschonneck oder der Sänger Richard Tauber. Aber im heutigen jüngeren Publikum wird kaum noch jemand wirklich wissen, wer (und wie illuster) eine Fritzi Massary war oder Conrad Veidt, als „Medium“ namens Cesare zur Ikone geworden im Stummfilmklassiker „Das Cabinet des Dr. Caligari“. Und: wie tragisch der Schauspieler Joachim Gottschalk, ein Ufa-Star noch bis Kriegsbeginn, den Goebbels zur Scheidung von seiner jüdischen Ehefrau zwingen wollte, mit seiner Familie 1941 in den Selbstmord getrieben wurde.

Die kleine, feine Ausstellung verdankt sich dem just im Jahr 1933 geborenen, bald 80-jährigen Berliner Autor und Regisseur Volker Kühn. Er ist durch seine Veröffentlichungen vor allem zur Geschichte des Kabaretts in Deutschland ein Doyen der Theatergeschichtsschreibung. Und der Dokumentation in Hörfunk und Fernsehen. Deshalb wirkt es fast als Geschenk, dass dem kleinen Katalog „Erzwungenes Finale“, den Lea Rosh mit dem Förderkreis Denkmal für die ermordeten Juden Europas zusammen mit Gisela Kayser vom Freundeskreis Willy-Brandt-Haus herausgegeben hat, auch eine DVD und eine CD beiliegen: mit „Verklungenen Stimmen“ der vertriebenen Künstler sowie Volker Kühns erschütternder Filmdoku „Totentanz im KZ – Kabarett hinter Stacheldraht“.

Im Einführungstext zur Ausstellung wird zu Recht auch auf die Dagebliebenen verwiesen, die – wie Emil Jannings oder Heinrich George – als opportunistische Großschauspieler dem NS-Regime ein für viele Augen täuschendes Gepräge gaben. Natürlich wird da neben Heinz Rühmann auch Gustaf Gründgens erwähnt, der Prominenteste. Allein, sein Fall ist komplexer und komplizierter, als dass er wie hier quasi als Salon-Nazi abgetan werden kann. Beispielsweise hat Gründgens, der als Berliner Generalintendant taktierte, balancierte und jüdischen oder sonst verfolgten Kollegen mitunter das Leben rettete, für den ermordeten Hans Otto im November 1933 das Begräbnis bezahlt – als sonst kein Dagebliebener den ehemaligen Ensemblekollegen überhaupt noch kennen wollte.

Das ist nur ein winziges, dennoch bezeichnendes Detail. Es findet sich wie vieles andere Informative (bis hin zu Gründgens’ Gagen) in Thomas Blubachers soeben erschienener Monografie „Gustaf Gründgens“. Ein kompakter, differenziert abwägender und dabei vorzüglich dokumentierter Band, der auch Gründgens’ lange rätselhaften plötzlichen Tod auf einer Weltreise 1963 in Manila weitgehend erhellt – kein Selbstmord, eher doch ein Missgriff bei den Schlaftabletten.

Interessant im thematischen Zusammenhang auch Evelin Försters dieser Tage erscheinende 400-Seiten-Studie über „Die Frau im Dunkeln. Autorinnen und Komponistinnen des Kabaretts und der Unterhaltung von 1901 bis 1935“. In zehnjähriger Recherche hat Förster 120 Autorinnen (nicht nur Darstellerinnen) ausgemacht in einem Genre, das sonst bloß von wenigen weiblichen Namen wie Erika Mann, Valeska Gert oder Claire Waldoff besetzt wird. In 19 exemplarischen Biografien tauchen in diesem Zusammenhang nun nicht nur die Dichterinnen Else Lasker-Schüler oder Mascha Kaléko auf, sondern auch: die bisher meist für einen Mann gehaltene Eddy Beuth, hinter der sich die aus Breslau stammende Schriftstellerin Marie Cohn verbarg. Oder gar Marita Gründgens, die ihrem großen Bruder Gustaf verblüffend ähnlich sah. Eine Entdeckungsreise. Peter von Becker

Erzwungenes Finale – Ende der Vorstellung im Willy-Brandt-Haus (Stresemannstr. 28) bis 3.3. tägl. 12-18 Uhr, Eintritt frei, ab 4. 4. im Deutschen Theater, Katalog 10€.

Thomas Blubacher: Gustaf Gründgens. Nachwort von Helmut Schmidt. Henschel Verlag, Berlin 2013, 432 S., 44,90 €.

Evelin Förster: Die Frau im Dunkeln. Autorinnen und Komponistinnen des Kabaretts und der Unterhaltung von 1901 bis 1935. Edition Braus, Berlin 2013. 412 Seiten, 34,95 €

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