Kultur : Die Gitarre hat immer Recht

Helmut Böttiger

Wann genau ist Wolf Biermann eigentlich unerträglich geworden? Niemand erinnert sich mehr so genau. Es muss sich um einen gleitenden Übergang gehandelt haben, so, wie sich das Bewusstsein nach einer längeren Phase der Trübung, des Verliebtseins, des Rausches langsam wieder klärt. Und es hat etwas mit jenen achtziger Jahren zu tun, als Helmut Kohl seine Dienstzeit antrat und sich etwas Zähes über das Land legte, alles Abrupte, alle Illusionen und Utopien wie unter einer zunächst unsichtbaren Plastikfolie erstickte.

Davor war alles anders. Wolf Biermann hat der DDR viel zu verdanken. Zwischen 1965 und 1976 erlebte er dort seine große Zeit - die Zeit des Auftrittsverbots in seinem sozialistischen Heimatland, die Zeit seiner Bastion in der Chausseestraße 131, wo man durch die Fenster das Rattern der Straßenbahn hörte und wo die Gitarre gegen das kleinbürgerlich-kecke Knattern der Zweitaktmotoren draußen ankämpfte. Und immer gewann.

Diese Zeit in der Chausseestraße 131 ist eine mythische Zeit geworden. Es ist eine Zeit der Schwarzweißbilder und der Monoschallplatten, der schweren Vorhänge, hinter denen harte Getränke zu sich genommen wurden. Der Küchentisch spielte eine herausragende Rolle, und auch das "Sennheiser-Kondensatormikrophon mit Phantomspeisung 9 Volt", das auf den ersten Platten den charakteristischen Chausseestraßensound ergab, ein fiebriges Knistern und Knattern, der Straßenbahnsound und eine heisere Stimme, die jaulte, quäkte und schrie.

Es war alles noch überschaubar. Gut (der Sozialismus) und Böse (die DDR) waren deutlich getrennt. Wie Biermann allerdings in diesem Bösen doch das eigentlich Gute schlummern sah und dies als Dialektik gegen das Grundsätzlich-Böse wendete, das außerhalb seines Blickfelds, im Westen weste - das war sein unnachahmlicher Dreh. Die Chausseestraße 131 symbolisierte die Hoffnung auf eine andere, sozialistische DDR, und das war umso markanter, als dieser Ort für die Mächtigen unantastbar war. Zu früh war Biermann berühmt. Dafür sorgte der pfiffige Westberliner Kleinverleger Klaus Wagenbach: Er schmuggelte das Manuskript des ersten Biermannschen Liederbuchs ("Die Drahtharfe") sowie das Band der aufreizenden ersten Schallplatte ("Chausseestraße 131", natürlich) durch die Mauer. "Die Drahtharfe" - welch materialistische, geradezu proletarisch-ebenerdige Metapher für die Gitarre! - war dann Band 9 in der schwarzen Reihe der Wagenbachschen "Quarthefte", die in ihrem radikalen Primitivchic fast etwas Frühsowjetisches besaß, und die Schallplatte war umhüllt vom Ruch des Verbotenen. Alles war gegen den satten Wohlstandskapitalismus der Bundesrepublik gerichtet, aber gleichzeitig auch gegen die spießigen Stalinisten im Osten, und diese Mischung war genau das, wonach man sich im Westen sehnte.

Biermanns Person war unabdingbar mit der guten Sache verkettet. Seine Suggestion lag in dem virtuosen Wechselspiel von Öffentlichkeit und Privatheit. So dominant politisch seine Lieder auch waren, die Subjektivität Biermanns gab dem erst die besondere Note. Biermanns Ich, sein Narzissmus mischte überall mit, seine Frauengeschichten und Gemütszustände verschmolzen unmittelbar mit dem Sozialismus. Zielsicher angelte er sich Eva-Maria Hagen, die durch einige lichte blonde Defa-Filme so etwas wie ein irrlichterndes Sexsymbol der DDR geworden war, und verglichen mit ihr wirkte Lenins Krupskaja tatsächlich nur wie eine sozialistische Küchenmamsell.

Am 13. November 1976 durfte Biermann dann, auf Einladung der IG Metall, zum ersten Mal wieder in die Bundesrepublik reisen, nachdem er elf Jahre in den eigenen vier Wänden gesungen hatte. Aber er sang und vor allem sprach, erzählte und dozierte vor den Tausenden von Zuschauern genauso, wie wenn es das Dutzend von Getreuen in der Küche gewesen wäre. Es war ein Ereignis von so nationalem Rang, dass die ARD das Konzert ursprünglich live nach der Tagesschau übertragen wollte. Man nahm dann Abstand davon, weil es sich bei Biermann letztlich doch um einen Kommunisten handelte, und sendete das Ganze zeitversetzt von 22 bis immerhin 2 Uhr. Dass Biermanns Konzerte immer die Vierstunden-Grenze umspielen würden, daran musste man sich erst noch gewöhnen.

Das Konzert in Köln war der Höhepunkt in Biermanns Karriere. Zwei Tage später wurde er 40 Jahre alt. Gleichzeitig aber löste sich die, sagen wir einmal, dialektische Verbindung von Ich und Gesellschaft auf, und es blieb die mehr oder weniger spannungsreiche Privatheit Biermanns übrig. Denn er war über Nacht Bürger der Bundesrepublik geworden. Das Kölner Konzert hatte den SED-Oberen einen vortrefflichen Anlass geliefert, Biermann aus der "sozialistischen Menschengemeinschaft" zu entlassen. Dadurch änderte sich sein Profil. Er lebte nicht mehr in der DDR, er sprach nur noch über sie.

Joan Baez singt die Nationalhymne

Ein paar Jahre lang wirkte noch die Kraft, die er in den Kultjahren in der DDR angesammelt hatte. Biermann unternahm zuverlässig jedes Jahr ausgiebige Konzert-Tourneen, und in jeder Groß- und zumindest Universitätsstadt sammelten sich Tausende, um sich ihrer Weltwahrnehmung noch einmal zu vergewissern. Manch alter Kämpe wischte sich beim Lied vom "Hugenottenfriedhof" verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel, und die "Ermutigung" ("Du lass dich nicht verhärten /In dieser harten Zeit"), war eine stimmungsvolle Mischung aus Joan Baez und Bertolt Brecht und Nationalhymne, die zwangsläufig das Gefühl einer Gemeinsamkeit hervorrufen musste. Das war zwar sehr stark, hielt aber dann doch nur die vier Biermann-Stunden an und zerstieb schon beim paarweisen Nachhausegehen.

Allmählich wurde es klar: Nachdem die Einheit von Politik und Leben, von Kunst und Leben bei Biermann zerfallen war, fiel Biermann auf sich selbst zurück. Die Konzerte waren immer stärker geprägt von seiner Privatheit, von Problemen mit den Frauen und der Liebe, und auch die Suche nach einer Position im undurchschaubaren bundesdeutschen Gefüge gestaltete sich schwierig. Da kam die Familie, da kamen Kinder und bekamen immer mehr Gewicht. Als Biermann dem Betrachter auf einem Schallplattencover plötzlich mit zwei nackten Kinderchen im Arm den Rücken zudrehte, war die Wende vollzogen. Und als er die legendäre "Chausseestraße 131" noch einmal neu für den US-amerikanischen Konzern CBS aufnahm, ohne die Bohème-Atmosphäre im Ostberliner Wohnzimmer und die Aura des Wagenbach-Labels, sondern mit Studiotechnik und Professionalität, hatte er bei den immer ohnmächtiger werdenden Linken den meisten Kredit verspielt. Er wollte "größere Verbreitung". Aber Biermann war vom Politidol zum Alleinunterhalter geworden.

Je weniger er gehört wurde, desto häufiger erhob er seine Stimme. Als seine Säle kleiner wurden, füllte er immer öfter wenigstens ein oder zwei der großformatigen Seiten der "Zeit", es waren weitschweifige Betrachtungen über Biermann und die Zeitgeschichte.

Das Prekärste war: Auch der Abstand zur DDR wurde immer größer. Die DDR aber war Biermanns ureigenes Sujet, und das ließ er sich nicht so einfach wegnehmen. Die Generation, die nach 1980 auf den Plan trat, konnte mit ihm nicht mehr allzu viel anfangen. Als Biermann am 2. Dezember 1989 zum vermeintlichen Triumphzug antrat, nach 13 Jahren zum ersten Mal wieder auf dem Territorium der DDR, in den Messehallen zu Leipzig, da zeigte sich auf einmal, dass er eine andere Sprache sprach als das Publikum, ja: dass er ein Westler geworden war. Immer verzwungener versuchte Biermann, die Zeitgeschichte auf seine Person zu beziehen, und es war konsequent, dass er dabei die Opposition am Prenzlauer Berg als seinen schlimmsten Feind erlebte.

Die DDR-Opposition war Biermanns Markenzeichen, sie war von ihm definiert und ließ keine anderen Definitionen zu. Seine Attacke auf den Stasi-Oberspitzel Sascha Anderson ("Sascha Arschloch") hatte deswegen nicht nur etwas mit der Stasi zu tun. Wie er die Dankrede zum Büchnerpreis 1991 und die traditionelle Lesung des Büchnerpreisträgers am Abend vorher zu seiner privaten Abrechnung mit der DDR-Bevölkerung nutzte, ihrer Verkennung seines Genies, das war ein Tiefpunkt in der an Höhepunkten nicht eben armen Geschichte dieses angesehensten deutschen Literaturpreises.

Es war ein nur scheinbar langer Weg, den Biermann zurücklegte, von den kämpferischen "Drei Kugeln auf Rudi Dutschke" 1967, in denen er die Springer-Presse heftig attackierte, bis hin zur Anzeigenkampagne der Springer-Zeitung "Die Welt" im Jahr 2000, in der sie ihn als ihren neuen "Chef-Kulturkorrespondenten" feierte. Aber vielleicht handelt es sich hier gar nicht um einen Weg, sondern um einen Zirkelschluss. In der Mitte steht dabei Biermann, und er zieht unablässig immer denselben Kreis.

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