Kultur : Die Gitarre und das Meer

Brasilien oder Die hohe Kunst des Neuanfangs: Ruy Castros Bossa-Nova-Bibel – endlich auf Deutsch

Christian Schröder

Die Götter geben nichts umsonst. Sie stellen ihre Günstlinge vor Prüfungen. João Gilberto hatte schon einige schwere Jahre hinter sich, als er in eine ernste Lebenskrise geriet. Er war aus Bahia nach Rio de Janeiro gekommen, um sein Glück als Musiker zu machen. Doch er hungerte lieber, statt in Nachtclubs zu singen, in denen die Gäste mit Tellern klapperten. Als ihn ein Freund aus der Wohnung warf, trat er eine Reise in den Süden Brasiliens an. Er ging in Klausur, wie der heilige Hieronymus. Gilberto schloss sich in das Haus seiner Schwester ein und begann, Tag und Nacht Gitarre zu spielen. Immer wieder denselben Akkord. Im Badezimmer fand er die ideale Akustik, einen Echoraum, in dem er ganz leise singen und seiner Stimme dennoch ungeheure Intensität verleihen konnte. Als der Sänger, zwei Jahre waren verstrichen, nach Rio zurückkehrte, hatte er zwar nicht, wie Hieronymus, die Bibel ins Lateinische übersetzt, aber doch etwas ähnlich Epochales vollbracht: Er hatte den Bossa Nova erfunden.

Ein paar Monate später, im Juli 1958, nahm João Gilberto eine Achtundsiebziger-Single mit den Titeln „Chega de saudade“ und „Bim-bom“ auf, die als erste Bossa-Nova-Platte gilt. Vorausgegangen war die Begegnung des Gitarren-Virtuosen mit zwei anderen Genies: dem Komponisten Antonio Carlos Jobim und dem Dichter und Diplomaten Vinícius de Moraes, von dem der etwas schwülstige Text mit Zeilen wie „Denn es schwimmen weniger Fischchen im Meer, / Als ich dir Küsschen auf den Mund geben werde“ stammte. Die Produktion im Columbia-Studio von Rio zog sich über vier Tage hin, immer wieder gerieten sich die Protagonisten in die Haare. Gilberto beschimpfte Jobim: „Du bist Brasilianer, Tom, du bist faul.“ Und weil in dieser Zeit Gilbertos Katze verunglückte, hieß es, sie sei in selbstmörderischer Absicht aus dem Fenster gesprungen, da sie den Gesang ihres Herren nicht ertragen habe.

Das Erscheinen von „Chega de saudade“ markiert die Geburt eines Mythos, es waren „eine Minute und neunundfünfzig Sekunden, die alles veränderten“, wie der Musikjournalist Ruy Castro schreibt. Der Bossa Nova trat, ähnlich wie ein paar Jahre zuvor der Rock’n’Roll, einen weltweiten Siegeszug an, stilbildend für Jazz, Hip-Hop und Elektro-Pop blieb er bis heute. Diese vertrackte, stark synkopierte Musik verströmt träge Melancholie und aufreizende Gelassenheit. Mitunter wirkt Bossa Nova (portugiesisch für: „Neue Welle“) dermaßen entschleunigt, als würde jeder Akkord vor dem Spielen einzeln aus einem Briefumschlag gezogen. Gilberto hat Jobim und Moraes überlebt, er lebt 75-jährig zurückgezogen in Rio. Castros monumentales Buch „Bossa Nova. The Sound of Ipanema“ (Hannibal Verlag, 392 S., 29,90 €) setzt ihm ein Denkmal: „Gilbertos Stimme war ein Instrument – genauer gesagt eine Posaune – von höchster Präzision, und bei ihm fielen die Silben auf die Akkorde, als wären sie zusammen auf die Welt gekommen. Er schien nicht einmal richtig zu singen – er sagte die Worte leise vor sich hin.“

Als der Bossa Nova im Sommer 1958 entstand, wurde Brasilien in Schweden Fußball-Weltmeister. Dass Castros Buch nun pünktlich zur Fußball-WM in Deutschland als Übersetzung erscheint, ist natürlich kein Zufall. Mit nichts anderem verbindet man Brasilien so sehr wie mit Fußball und der Eleganz von Samba und Bossa Nova. Dabei war Castros Musikgeschichte in Brasilien schon vor fünfzehn Jahren unter dem Titel „Chega de Saudade“ herausgekommen, hier zu Lande kursierte es lange als Legende. Der Autor hatte seine Spurensuche in den späten achtziger Jahren begonnen, als Bossa Nova als völlig unhip galt, und Interviews mit nahezu allen noch lebenden Veteranen geführt. Sein Standardwerk quillt über vor Namen und Anekdoten, liest sich aber dennoch wie ein Roman, der große Akribie auf die Beschreibung der Nachtclubs an der Copacabana verwendet und den Bossa-Nova-Vorläufer Baião als „Choreografie zum Totschlagen einer Kakerlake“ charakterisiert.

Vom Bossa Nova hatte Brasilien, so Castro, schon lange geträumt, „ohne es zu wissen“. Die Mittelschichtskinder von Rio waren gelangweilt, sie gründeten Vereinigungen wie den Sinatra-Farney- Fanclub, den Glenn-Miller- oder den „Stan-Kenton-Progressive“-Club. Die Clubs waren Keimzellen, aus denen viele Helden der Bossa-Nova-Bewegung hervorgehen sollten. Erst hörte man amerikanische Platten – „die Nadeln aus der Zeit Enrico Carusos ritten tapfer über die ultramodernen Arrangements für das Orchester von Kenton“ –, dann begann man selber Musik zu spielen, die „amerikanisch“ und „progressiv“ klingen musste. Es wurde gesungen und Gitarre gespielt, ein Instrument, das die Upperclass damals mit Armut, Schnaps und Prostitution assoziierte. Ein paar Jahre danach sollte dieselbe Upperclass Stars wie Jobim, Gilberto, den Gitarristen Luiz Bonfá oder die Sängerin Sylvinha Telles in ihre Salons einladen. Ihre Gegner nannten Bossa Nova nun „Teppichmusik“.

Die Bossa-Nova-Musiker waren Revolutionäre, aber mit Politik hatten sie nichts am Hut. In den fünfziger Jahren erlebte auch Brasilien ein Wirtschaftswunder, dann rutschte das Land in die Depression. 1964 übernahm das Militär die Macht. Eine spätere Generation der Música Popular Brasileira wurde zu Dissidenten, Sänger wie Gilberto Gil bekämpften die Diktatur mit der Doppelbödigkeit ihrer Lieder. Antonio Carlos Jobim hingegen erklärte blumig: „Authentisch sind für mich der Farn und der Jequitibábaum. Nicht authentisch ist, wenn ein Farn ein Jequitibá sein möchte.“

Bossa Nova stand für die strahlende Schönheit Brasiliens, schnell avancierte die Musik zum Exportschlager. 1962 trat die Crème der Bewegung, drei Dutzend Musiker, in der ausverkauften New Yorker Carnegie Hall auf. Die Show wurde live im brasilianischen Radio übertragen, im Publikum saßen Tony Bennett, Dizzy Gillespie und Miles Davis. Die Musiker versuchten, ohne Englischkenntnisse mit den Zuschauern zu kommunizieren. Als der Ton ausfiel, stammelte ein Sänger: „No hear? No hear?“ Das Konzert wurde trotzdem zum Triumph. Sechs Monate später spielte João Gilberto mit dem amerikanischen Cool-Jazz-Saxofonisten Stan Getz das Album „Getz/Gilberto“ ein, das sich zwei Millionen Mal verkaufte. Weil João Gilberto mit der Fremdsprache überfordert war, sang seine Frau Astrud Gilberto, die nie zuvor in einem Studio gearbeitet hatte, die englische Fassung von „Garota de Ipanema“. „Girl from Ipanema“ ist heute der meistgespielte Popsong nach „Yesterday“.

Nach dem Carnegie-Hall-Konzert begann für den Bossa Nova die Zeit der Diaspora. Musiker wie Sérgio Mendes richteten sich auf Dauer im amerikanischen Luxusexil ein, andere wie Gilberto und Jobim blieben ein paar Jahre. Jobim wurde sogar von Sinatra eingeladen, mit ihm das Album „Francis Albert Sinatra & Antonio Carlos Jobim“ aufzunehmen. Sinatra verwandelte mit seinem sonoren Bass Jobims Kompositionen wie „Corcovado“ („Quiet Nights of Quiet Stars“) oder „Insensatez“ („How Insensitive“) in funkelnde Standards. Vorher musste der Brasilianer wochenlang auf „The Voice“ warten. In einem Brief beschrieb er sich als „armer Kerl, der in einem Hotelzimmer sitzt, pausenlos fernsieht und unter Verstopfung leidet.“ Was Jobim am Ende nach Brasilien zurückkehren ließ, waren die schwarzen Bohnen, von denen er in Kalifornien nur träumen konnte.

Zum Buch erscheint die CD „Bossa Nova. Die Geschichte der brasilianischen Musik“ mit 29 Klassikern (Boutique/Universal). Unter den WM-Kompilationen ragen heraus: „Paz E Futebol“ (Sonar Kollektiv) vom Berliner Musikerkollektiv Jazzanova und „Back In Brazil“ (Ether Records, 2 CDs) vom Londoner DJ Gilles Peterson.

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