Kultur : Die Glaubensschlacht der Wolfsnaturen

ULRICH CLEWING

Ob Wilhelm von Slawata ahnte, was da auf ihn zukam, ist nicht überliefert.Das Ende seiner Amtszeit dürfte sich der fromme Mann jedenfalls anders vorgestellt haben, doch die Eindringlinge kannten kein Pardon: Fenster auf und raus mit ihm.Slawata war nicht der einzige, für den jener Morgen des 23.Mai 1618 ungut endete.Auch der zweite kaiserliche Statthalter in Prag, Martinic, sowie der Sekretär Fabricius wurden gepackt und an die Luft gesetzt.Immerhin hatten die drei Glück im Unglück: Unter dem Fenster befand sich ein Misthaufen, der sie den freien Fall überleben ließ.Slawata gab daraufhin aus Dankbarkeit ein Votivbild in Auftrag.Es wird heute im Museum von Budweis aufbewahrt.

Was danach kam, verlief weniger glimpflich.Der Prager Fenstersturz gilt als Auslöser des Dreißigjährigen Krieges und steht damit am Anfang eines der düstersten Kapitel der europäischen Geschichte der Neuzeit.Früher und auch danach hat es zahllose kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Staaten gegeben.Aber kaum einer der Kriege zeitigte so verheerende Wirkungen, wurde mit solch einer anhaltenden Brutalität auch und gerade gegenüber der Zivilbevölkerung geführt wie dieser.Dörfer, Städte, ganze Landstriche wurden verwüstet, geplündert und gebrandschatzt; die Zahl der Toten, sofern man das in der Rückschau sagen kann, erreichte bis dahin ungekannte Dimensionen.Ging es dabei zunächst vor allem um konfessionelle Konflikte zwischen Angehörigen der katholischen, protestantischen und calvinistischen Gemeinden, so verselbständigten sich die Kampfhandlungen der einzelnen Parteien mit zunehmender Dauer, zumal Religionspolitik zu der Zeit natürlich immer auch Machtpolitik bedeutete.Auch betrieben marodierende Soldatentrupps, die sich bei ausbleibenden Soldzahlungen an der jeweiligen Bevölkerung schadlos hielten, das Kriegsgeschäft in wachsendem Maße um seiner selbst willen.Um so mehr sehnten die geplagten, drangsalierten Menschen ein Ende der gräßlichen Geschehnisse herbei.Doch sollte es Jahre dauern, bis die Abgesandten der heillos zerstrittenen Kriegsherren 1648 eine Einigung erzielen konnten: den Westfälischen Frieden.

Die Unterzeichnung der Verträge vor 350 Jahren ist Anlaß für eine großangelegte kulturhistorische Ausstellung, die heute mit einem wahrhaft europäischen Festakt in Münster und Osnabrück, den beiden Städten, in denen seinerzeit die Friedensverhandlungen geführt worden waren, eröffnet wird.Staatsoberhäupter aus zwanzig europäischen Ländern werden zu den Feierlichkeiten erwartet, auch der Vatikan ist vertreten durch den Kardinalstaatssekretär am Heiligen Stuhl, Angelo Kardinal Sodano.Großer Bahnhof also in Münster und Osnabrück; was die Frage nahelegt, inwieweit Ereignisse, die so lange zurückliegen, gegenwärtig noch Bedeutung haben.Aufschluß darüber gibt die zentrale These der Ausstellung "1648 - Krieg und Frieden in Europa": Demnach bestand die größte, bis heute nachwirkende Leistung des Westfälischen Friedens darin, die Trennung von Politik und Religion in Europa herbeizuführen.Folgt man Heinz Schilling, Professor für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der Humboldt-Universität Berlin und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Jubiläumsschau, war das das Ende des Einflusses religiös fundamentalistischer Strömungen auf das Verhältnis, das die europäischen Staaten untereinander pflegten.Zwar waren die Nationen "auch danach in ihrer Wolfsnatur präsent" (Schilling), die Säkularisierung der Diplomatie jedoch ließ sich nicht mehr rückgängig machen.

Ein anderes Problem, das die Ausstellungsmacher zu bewältigen hatten, zeigt sich in der Schwierigkeit, derart komplexe historische Zusammenhänge für das breite Publikum verständlich darzustellen, ohne die Besucher durch übertriebene Textlastigkeit der Präsentation abzuschrecken.Die Aufgabe wurde überzeugend gelöst.Selten hat man eine so schöne, auch ästhetisch anspruchsvolle Geschichtsausstellung zu sehen bekommen.Dabei verzichteten die Organisatoren beinahe gänzlich auf das andernorts so beliebte Mittel der theatralischen Inszenierung, auch fehlen inzwischen sattsam bekannte Spielereien wie Computeranimationen oder andere "interaktive" Gags.Schilling und der zweite Verantwortliche, Klaus Bußmann, Direktor des Westfälischen Landesmuseums Münster, vertrauten offenbar ganz dem Ausstellungsarchitekten Holger Wallat, der sich auf drei verschiedene Farben bei der Wandgestaltung und einige wenige, sehr geschmackvolle Vitrinen beschränkte.Das Ergebnis ermöglicht den Besuchern, die Fülle der Exponate - insgesamt wurden rund 1300 Ausstellungsstücke zusammengetragen - zu bewältigen, ohne hernach völlig geschafft zu sein.

Dennoch ist das Pensum, das einen hier erwartet, riesig.Da sich die Ausstellung auf zwei Städte und drei verschiedene Orte verteilt, sollte man von vornherein viel Zeit einplanen, am besten zwei Tage.Es lohnt: Die in zahlreiche Kapitel gegliederte, damit stets übersichtliche Schau bietet große Kunst, bibliophile und historische Raritäten, darunter die Originale der Verträge von 1648, hervorragendes Kunstgewerbe und etliches mehr.So sind in dem Teil der Ausstellung, der sich mit den Protagonisten in den konkurrierenden Herrscherhäusern befaßt, Gemälde von Diego Velasquez, Philippe de Champaigne und Antonis van Dyck zu sehen, dazu Büsten von Lorenzo Bernini.Sie stehen neben Werken weniger bekannter (und begabter) Künstler, was den Reiz des Ensembles verstärkt.Wenn Dokumente gezeigt werden, so geschieht dies nicht - wie so oft - in drangvoller Enge, sondern großzügig mit viel freier Wandfläche drumherum, als wären die Schriftstücke selbst wertvolle Bilder.

Chronologisch setzt die Ausstellung um 1600 ein.So werden die historischen Vorbedingungen auch für weniger Informierte nachvollziehbar.Dieser Part der Ausstellung ist in Münster durch signalhafte gelbe Wandbemalung gekennzeichnet.Die Darstellung der Entwicklung des Kriegsgeschehens und der damit verbundenen Greueltaten wird durch vollständig in Rot getauchte Räume hervorgehoben; Abschnitte, die den nahenden Frieden behandeln, sind in angenehm bläulichem Grün gehalten.In Osnabrück, wo die Ausstellung sowohl in der Kunsthalle der Dominikanerkirche als auch im Kulturgeschichtlichen Museum und dem angrenzenden, von Daniel Libeskind erbauten Felix- Nußbaum-Haus präsentiert ist, konnte diese klare Gliederung aufgrund räumlicher Gegebenheiten nicht durchgehalten werden, was aber nicht weiter stört.Welcher von den beiden Ausstellungsorten der wichtigere ist, läßt sich nicht sagen: Der Menge der Exponate wie auch der einzelnen Kapitel nach ist die Aufteilung zwischen Münster und Osnabrück nahezu gleich.

Über die Form der Darstellung und die Gewichtung der Themenkreise wird man, so gelungen die Ausstellung insgesamt erscheint, sicher streiten können."1648 - Krieg und Frieden in Europa" konzentriert sich auf die Vermittlung durch Bilder und andere visuell eingängige Ausstellungsstücke wie Prunkwaffen, Rüstungen und ähnliche militärische Gerätschaften.Die beigegebenen schriftlichen Erklärungen dagegen kommen einem manchmal recht knapp vor.Hier empfiehlt sich die Lektüre des Katalogs sowie der beiden Textbände.Auch entsteht der Eindruck, daß in der Geschichtswissenschaft längst etablierte Forschungsgebiete wie etwa die Sozialgeschichte vernachlässigt werden.Klaus Bußmanns Erklärung, daß sich sehr wenige Gegenstände über die Jahrhunderte erhalten hätten, die Aufschluß über das Alltagsleben der einfachen Bevölkerung und gesellschaftliche Hierarchien geben könnten, ist in diesem Zusammenhang nicht die schlagendste.Doch das sind Petitessen angesichts der enormen Anstrengungen, vor denen die Kuratoren standen.Bei einem solchen Thema werden immer Wünsche offen bleiben; abgesehen davon, daß es schade wäre, wenn über eine Unternehmung von diesem Format im nachhinein nicht mehr diskutiert würde.Andererseits hat die Schau gerade ihre stärksten Momente, wo sie sogenannte Volkskunst zeigt: Die Votivtafeln, etwa im Auftrag der Bürger des bayerischen Deggendorf durch örtliche Kunsthandwerker angefertigt, um von göttlichen Mächten Rettung zu erflehen, gehören trotz oder gerade wegen ihrer ungelenken Art zu den ergreifendsten Stücken der Ausstellung.

Westfälisches Landesmuseum Münster und Kulturgeschichtliches Museum sowie Kunsthalle Osnabrück, bis 17.Januar.

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