Kultur : Die glorreichen Sieben

Die Jury stellt sich vor: wütend und politisch

Julian Hanich

Es ist die erste Berlinale-Pressekonferenz des Jahres – und wenn irgendjemand gezweifelt haben sollte, ob dieser Jahrgang wieder ein politischer werden könnte, hier bekommt er die Antwort. Auf dem Podium: die Wettbewerbs–Jury. Der struwwelpetrige Christoph Schlingensief. Der knittrige Henning Mankell. Isabel Coixet: mit Mähne und wuchtiger Brille. Wayne Wang: kahl und mit zarter Brille. Dazu der geschmeidige Gaston Kaboré und die Köchin Alice Waters, der in einem Hillary-Clinton-Ähnlichkeitswettbewerb exzellente Chancen eingeräumt werden müssten. Und in der Mitte: Tilda Swinton, Präsidentin der Jury, die roten Haare mit Gel nach hinten frisiert, blaue Augen, die kampfeslustig das Presse-Aufgebot mustern. In Anspielung an John Sturges’ berühmten Western bezeichnet sie die Jury als „Die glorreichen Sieben – The Magnificent Seven“. Vorsicht, heißt das, diese Jury schießt scharf – wenn auch nur mit starken Meinungen.

Gleich die erste Frage zielt auf Probleme der Globalisierung und Afrika. Mankell, der schwedische Bestseller-Autor mit Zweitwohnsitz in Mosambik, legt mit wütender Medienschelte los: „Ihr seid doch das Problem! Ich gebe den westlichen Massenmedien die Schuld für die schrecklich unwahren Geschichten über Afrika“, poltert er. Und fragt dann ins Publikum: „Wissen Sie, was das Beängstigendste ist? Das Leiden ist völlig unnötig.“ Man könne die Probleme gemeinsam beheben, nur würden sich die großen Pharma–Konzerne „einen Dreck drum kümmern.“ Aber deshalb sei er ja hier: „Die Kunst kann ein Partner beim Diskutieren der Lösungen sein.“ Diese Meinung teilt auch Gaston Kaboré, der Regisseur aus Burkina Faso: „Das Kino hat die Macht, Mentalitäten zu verändern“, sagt er. Gerade deshalb sei es so wichtig für Afrika.

Auch Tilda Swinton versteckt ihre Wut über die Medien nicht. Alle seien von der Finanzkrise hypnotisiert, aber die eigentliche Krise spiele sich doch im Gaza-Streifen ab. Auf die Frage, was sie sich vom Festival und ihrer Jury-Arbeit erwarte, sagt sie: „Es ist am besten, keine Erwartungen zu haben. Meine einzige Erwartung sind die vielen Möglichkeiten zu guten Gesprächen.“ Filme zu bewerten sei ein sehr subjektives Geschäft: „Wir sind hier nicht bei den olympischen Spielen. Man kann nicht beweisen, dass einer schneller war oder weiter gesprungen ist als der andere.“ Deshalb werde es letztlich auf Empfehlungen ans Publikum hinauslaufen: „Wir werden einige Rosen aus dem Strauß herauspicken.“

Bis dahin bleibt der Jury noch viel zu tun. Ein Aspekt, den auch Christoph Schlingensief nicht unerwähnt ließ: „Wir haben bisher noch keine Nacht durchgesoffen – aber dazu wird es sicher auch noch kommen.“ Julian Hanich

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben