Kultur : Die glorreichen Vier

Rausch der Farbe: 100 Jahre „Brücke“. Madrid eröffnet den Reigen der Jubiläumsausstellungen

Bernhard Schulz

Am 7. Juni 1905 beginnt die Kunst der Moderne in Deutschland. Vier junge Männer in Dresden riefen damals einen Verein ins Leben, die sich als enorm folgenreich erweisen sollte: die „Künstlergruppe Brücke“. Alle folgenden Strömungen – bis zu der gewaltsamen Erstickung der Kultur im Nazi-Regime – beriefen sich entweder auf die Kunst der Brücke oder setzten sich vehement von ihr ab. An ihr vorbei kam niemand.

Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff sowie der alsbald ausgeschiedene und durch Max Pechstein ersetzte Fritz Bleyl taten sich zunächst zu einer Art Ausstellungsgemeinschaft zusammen. Ihr Credo, veröffentlicht 1906, blieb unbestimmt: „Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt“. Neue Mitglieder kamen hinzu, wie zeitweilig Emil Nolde; Förderer und Seelenverwandte wurden gesucht. Die „KG Brücke“, wie sie sich auf ihren Plakaten bisweilen abkürzte, hatte vergleichsweise lange Bestand; erst 1913 zerfiel sie an inneren Zwistigkeiten. Das ist eine durchaus respektable Dauer; umso mehr, als die Vierergruppe nach beschaulichem Beginn in der sächsischen Residenzstadt Dresden 1910/11 sukzessive ins hektische Berlin übersiedelte. Dort, nicht in Dresden, fühlte sie am Puls der Zeit.

In diesem Jahr wird der 100. Geburtstag der Brücke gefeiert – im Jahr von Einstein und der Relativitätstheorie, aber auch im Jahr von Schiller, Andersen und Thomas Manns 50. Todestag. Der Expressionismus, in dessen Zentrum die Kunst der Brücke mit der des süddeutschen „Blauen Reiters“ das Doppelgestirn bildet, wurde nach ihrer Nazi-Verfemung als „entartete Kunst“ zum unbestrittenen Angelpunkt der Moderne in Deutschland. In diesem Jahr nun steht eine geballte Vielzahl von Brücke-Ausstellungen auf dem Programm. Den Anfang macht das Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid mit der Ausstellung „Brücke. Die Geburt des deutschen Expressionismus“ – einer Kooperation mit dem Brücke-Museum, die im Herbst nach Berlin kommen und dann zweigeteilt im hiesigen Stammhaus der „KG“ sowie in der Berlinischen Galerie gezeigt werden wird.

Zweigeteilt ist sie auch in Madrid, ihres Umfangs von insgesamt 190 Arbeiten wegen, so dass das Haus der Madrider Sparkassen-Stiftung die ersten fünf und die Wechselausstellungsräume im Thyssen-Museum die weiteren sechs Kapitel dieser Ausstellung aufnehmen. Der thematische Ansatz, den die Kuratoren Javier Arnaldo (Madrid) und Magdalena M. Moeller, die Leiterin des Berliner Museums, gewählt haben, lässt Vorlieben und Stärken der farbberauschten Maler konzentriert hervortreten. Die „ganze“ Brücke allerdings, die wird es in diesem Jubiläumsjahr nirgendwo zu sehen geben. Stattdessen wetteifern Museen von Bremen bis Bielefeld, von Hamburg bis Halle und Jena um die Bilder der Künstlergruppe – und in Berlin tritt neben der spanisch-deutschen Koproduktion auch die Neue Nationalgalerie mit einer eigenen, passgenau zum 100. Geburtstag angesetzten Übersicht hervor. Nur Dresden, die Geburtsstadt, glänzt durch Abwesenheit – bot allerdings erst vor gut drei Jahren eine exzellente Zusammenstellung.

Wie unerschöpflich ist die Hinterlassenschaft der Brücke? Wie vieler Hauptwerke bedarf es, um ein zutreffendes Resumee der Brücke zu ziehen? Es ist ein Jammer, dass eine definitive Übersicht gerade im Jubeljahr nicht möglich wird. Die thematische Ordnung der Madrider Ausstellung bietet noch den besten Ausweg. Kapitel wie „Interieurs mit Modellen“, „Akte in der Landschaft“ oder „Wilde Männer in der Stadt“ fassen die zumal in den Anfangsjahren stets gemeinschaftlich bearbeiteten Lieblingssujets hervorragend zusammen. Gerade weil nicht die Standardwerke erwartet werden müssen, fallen Trouvaillen umso stärker ins Auge. Und da zeigt sich anhand etlicher Madrider Leihgaben, mit welchem Weitblick Baron Hans-Heinrich von Thyssen-Bornemisza, der 2002 verstorbene Patron der vom spanischen Staat erworbenen Sammlung, den Markt abgegrast hat – und wie seine Witwe Carmen in ihrer eigenen, im neuen Anbau des Thyssen-Museums gezeigten Sammlung darin fortfährt.

Der frühen Brücke haben die beiden Kuratoren bemerkenswerte Sorgfalt angedeihen lassen. Die „Brücke vor der Brücke“ macht mit der tastenden Suche der jungen Autodidakten zwischen Neo-Impressionismus und Symbolismus bekannt. Ein wichtiges Kapitel ist „Dresden im Lichte van Goghs“ gewidmet und verweist auf die enorme Wirkung, die die erste Van-Gogh-Ausstellung in Dresden 1905 ausübte. Da strichelt’s fortan gewaltig, nur dass die Staffeleien der Studentenfreunde nicht in der Provence, sondern in den Elbauen standen.

Das grafische Werk, das für die eine Bedeutung hat wie für keine andere Gruppierung der Moderne, muss in Madrid – wie meist – aus konservatorischen Gründen gesondert präsentiert werden. Dabei öffnet gerade der Vergleich mit den Gemälden den Blick dafür, wie ökonomisch die Brücke-Künstler einzelne Motive in den verschiedenen Medien bearbeitet, wiederholt und variiert haben.

In den Räumen des Museo Thyssen-Bornemisza kulminiert die Madrider Doppelausstellung. Besonders geglückt sind die Kapitel „Akte in der Landschaft“ und „Interieurs“: So viele junge Mädchen, die ins Wasser von Flüssen, Seen oder Meeren steigen oder sich in Kirchners exotisch dekoriertem Berliner Atelier räkeln, hat man selten zusammen gesehen. Kennzeichnend für die kollektive Arbeitsweise der frühen Brücke sind die beiden motivgleichen Gemälde von Pechstein und Heckel aus dem Jahr 1909, die die Künstlerfreunde in einer Waldlichtung zeigen, mit Hängematte und Liegetuch – ein Idyll, das im übrigen die Natursehnsucht nicht allein der Brücke-Maler, sondern der ganzen Reformbewegung des Jahrhundertbeginns beleuchtet.

Unter den farbsprühenden Interieurs stechen die ernsten Bilder Erich Heckels von 1912-14 heraus. Es gelang, das „Laute spielende Mädchen“, „Beim Vorlesen“ und „Zwei Männer am Tisch“ zusammenzubringen, letzteres allerdings im „Stadt“-Kapitel untergebracht. Da galt es wohl, die Lücken zu überspielen, die sich bei Kirchners Berliner Werk der Jahre 1911-14 auftun. Dass das Brücke-Museum seine „Berliner Straßenszene“ (1913) hergab, versteht sich; das Thyssen-eigene Straßenbild von 1914 leidet darunter, dass Kirchner es – wie unglücklicherweise so manche seiner Werke – 1925 glaubte überarbeiten zu müssen. Wunderbar ist das in Europa selten gezeigte, auf kühlen Grautönen aufgebaute Großformat „Straße am Stadtpark Schöneberg“ von 1912/13 aus Milwaukee.

Was diese Ausstellung für die Kenntnis und Wertschätzung des Expresionismo Alemán leistet, lässt der dichte Besucherzustrom erahnen. Das gilt umso stärker, betrachtet man den insgesamt reichen Bestand deutscher Malerei der Klassischen Moderne im Thyssen-Museum. Es ist ein Jammer, dass es 1987 nicht gelang, die damals auf dem Silbertablett offerierte Sammlung des Barons aus dem Schweizer Exil nach Deutschland zu holen – und ein Glück, dass sie sich in Madrid so großartig entfalten kann. Die Brücke-Ausstellung jedenfalls wird auch in Berlin, ungeachtet der hiesigen Schätze, Furore machen.

Madrid, Museo Thyssen-Bornemisza und Fundación Caja Madrid, bis 15. Mai. Katalog 45 €. – In Berlin ab 2. Oktober.

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