Kultur : Die Glücksinsel

Christina Tilmann

Eine Frau an der Reling des Schiffes, hellenisch-klassisches Abendlicht. Kommt sie an? Reist sie ab? Ihr Gesicht ist wie der Fels der Insel: still, herb und schön. Das dunkle Haar weht im Wind. Ihr Schritt ist leicht, alterslos. Frei geht sie durch das Leben, unbeschwert durch Länder und Zeiten, ohne Spuren zu hinterlassen, ohne anzuwurzeln. Sie ist in jeder Minute da und doch weit weg. Am Ende geht sie, wie sie gekommen ist, ein Geist unter Geistern. Allein.

Angela Molina ruht in sich. Sie gibt dem Film Gesicht und Zentrum, bezieht jede Szene auf sich. Dabei hat ihr die Regisseurin Jeanine Meerapfel in ihrem Drehbuch mehr als genug auf die Schultern geladen. "Annas Sommer" ist die Geschichte zweier großer Verluste, erzählt davon, wie man mit den Geistern der Vergangenheit leben lernt und an welchem Punkt sich Schmerz und Gelassenheit berühren. Und, als wäre das noch nicht genug, unternimmt der Film noch eine Zeitreise in die Vergangenheit, wird zum Familienepos zwischen Holocaust, Exil und Studentenrevolution. Die ganz großen Themen - immer wenn sie eine persönliche Geschichte erhöhen sollen, wirken sie klein.

Dabei hätte viel weniger gereicht. Eine Alltagsszene zum Beispiel: zwei Frauen, Schulfreundinnen, gemeinsam am Herd. Die eine, weitgereist, weltläufig, im Ort wird sie "die Fremde" genannt, ist gerade zurückgekommen: Sie hat eine Liebe verloren und keine Heimat, die sie hält. Die andere hat die Insel nie verlassen, hat geheiratet und ein Kind. Sie bewundert die Freundin und versteht sie doch nicht. "Ich koche dein Rezept", sagt die erste und vergisst den Herd, verliert sich in Gedanken. "Es brennt an", sagt die andere und gibt damit Trost. Umarmungen, Tränen: Alle Nähe und Ferne, die es in einer Freundschaft geben kann, und es geht doch nur um einen verbrannten Tintenfisch.

Oder die Sprache: Die Originalversion des Films springt zwischen Griechisch, Spanisch, Englisch, Deutsch, alle mühelos - und doch ist da immer ein leichtes Zögern, das die Verständigung hemmt. Dass im Dialog Distanz entsteht, ist keine Frage der Sprachwahl. Es ist vielleicht das Credo einer Regisseurin, die, in Argentinien geboren, in Deutschland lebend, in beiläufigem Ton viel Eigenes in ihrem Film verwoben hat.

"Annas Sommer" erzählt die Geschichte einer Fotografin, die zurück auf die griechische Insel Symi kommt, auf der sie als Kind ihre Sommerferien verbracht hat. Einige Wochen lang lebt sie im Haus ihrer Großeltern. Sie schwimmt im Meer, verhandelt mit Maklern, lässt sich auf eine Affäre mit einem jungen Fischer ein. Scheinbar unbeschwerte Tage, beschwert von allzu viel Vergangenheit. Denn die Truhe im Wohnzimmer, in der sie auf der Suche nach dem Testament ihres Vaters stöbert, ist die Büchse der Pandora. Aus ihr steigen die Geister: Eltern, Großeltern, Freund gruppieren sich zum Familienbild um den großen Tisch, leben in Annas Leben selbstverständlich mit. Im Rückblick steht die Zeit still.

Die Erinnerung ist der Stachel im Paradies. Natürlich feiert Meerapfels Kameramann Andreas Sinanos die Schönheit, das Licht Griechenlands, die Abendstimmung über dem Meer, das Wasser spiegelnd glatt und klar. Dazu die Fischerboote, die alten Frauen in Schwarz, der Fotohändler und der abendliche Tanz. Griechenland, das Land der Träume. Was jedoch jede Postkarten-Romantik fernhält, ist die merkwürdige Unbeteiligtheit, mit der Anna durch das Urlaubsparadies geht. Sie lebt in der schönsten aller möglichen Welten und sieht sie nicht. Schlimmer noch, sie will sie nicht sehen.

Es gab andere Filme in letzter Zeit, die vom Umgang mit dem Tod erzählten: François Ozons leise Psychostudie "Unter dem Sand", in dem die ebenso grandiose, alterslos schöne Charlotte Rampling mit selbstverständlichem Eigensinn die Präsenz des Verstorbenen gegen die Realität des Weiterlebens behauptet. Doris Dörries "Bin ich schön?", bei dem in jeder Szene ein Bruch, ein Schmerz, ein Verlust mitschwingt, den die fragmentierte Handlung kaum begründet. Oder Manoel de Oliveiras leichthändiges Alterswerk "Ich gehe nach Hause", der den Alltag nach einer Katastrophe weiterführt, bis endlich klar wird, dass das Leben leerläuft wie ein Kreisel im Sand.

Jeanine Meerapfel zeigt etwas anderes: Das Leben mit dem Verlust kann eine Bereicherung sein. Ganz offen genießt Anna den Schmerz, findet im Rückblick Befriedigung. "Geht weg, ihr Geister", will sie die Erinnerung einmal verscheuchen und zerrt sie doch immer wieder hervor. Sie beharrt auf dem märchenhaft-liebevollen Ton, auch wenn die Vergangenheit keineswegs nur Glück enthüllt. Das - zugegeben opportunistische - Angebot des Fischers, mit ihr eine Zukunft zu leben in Berlin, schlägt sie aus, ohne zu Zögern. Den Graben, der sie von ihrer Freundin trennt, reißt sie bewusst neu auf. Am Ende bleibt sie allein mit ihren Toten. Obwohl es als Versöhnung gemeint ist: kein Happy End.

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