Kultur : "Die Glut": Das letzte Gespräch

Christoph Funke

Verwirrendes Spiel mit der Zeit. Zwei alte Männer, beide 75 Jahre alt, erinnern sich in einem verfallenden ungarischen Jagdschloss an ihre Freundschaft. 41 Jahre haben sie sich nicht gesehen. Sándor Márai (1900-1989), der zeitlebens nicht zur Ruhe gekommene ungarische Erzähler, Dramatiker, Essayist will in seinem Roman "Die Glut" hinter das Geheimnis verrinnenden Lebens kommen. Zwei Männer, der pensionierte General und der Weltenbummler, treffen sich noch einmal an der Schwelle des Todes. Die Gesellschaft, in der sie aufwuchsen, ist längst untergegangen. Ihr Gespräch in der Augustnacht wird das letzte sein, das sie miteinander führen.

Henrik, der General und Gutsbesitzer ist es, der endlich die Wahrheit über die Beziehung zwischen seiner jungen, längst verstorbenen Frau und dem Freund wissen will. Zwei Fragen hat er an Konrad zu stellen, der damals einfach verschwand. Aber er muss erfahren, dass Antworten nicht gegeben werden und nicht gegeben werden können. Das Bemessen von Schuld erweist sich als eitel. Liebe, Treue, Ehre können untersucht, beredet werden, festlegen auf einen gültigen moralischen Kodex lassen sie sich nicht. Wenn, ja wenn der Freund dem Freunde ans Leben wollte und die Frau verführte, liegt diesem bösen Ende einer einzigartigen Beziehung gemeinsames Versagen zugrunde. Mit Einsamkeit, mit Unruhe, mit Warten, sehr langem Warten haben die Überlebenden dieses Versagen zu sühnen. Bis zu diesem gespenstischen Abendessen.

Für das Schlosspark-Theater hat Knut Boeser den Roman szenisch eingerichtet, achtungsvoll und behutsam, mit wenigen Änderungen nur (so wird aus der 91jährigen Amme Nini die Enkelin gleichen Namens). Da das Gespräch zwischen Henrik und Konrad eine monologische Struktur hat (Henrik ist der Berichtende, Fragende, Fordernde, Konrad der zumeist Zuhörende), ist ein dramaturgisches Gerüst von vorn herein gegeben. Für die Schauspieler allerdings entsteht aus dem Ungleichgewicht des ihnen zugewiesenen Textes eine nicht leicht zu lösende Aufgabe. Stefan Lisewski (Konrad) muss ein Leben spielen, einen Charakter zeigen, fast nur im stummen Dabeisein; Ezard Haußmann (Henrik) hat pausenloses Reden und Räsonieren, sozusagen zwischen Himmel und Hölle, durchzuhalten, ohne auf Reaktionen, Zustimmung oder Ablehnung des Partners bauen zu können. Beide Darsteller bewältigen diese Aufgabe mit gespannter Ruhe, und doch mit einer verhaltenen Leidenschaft, die aus den Erfahrungen des Alters kommt. Haußmann zeigt dabei den immer noch Verletzlichen, Aufgestörten, auch mit schneidender Härte, Lisewski überzeugt durch die Abgeklärtheit des Welterfahrenen, der sich Gelassenheit, leisten darf. Heribert Sasse hat das Gespräch im sparsamen, fast kahlen Bühnenbild von Frank Wisniewski nachdenklich inszeniert, ohne Effekthascherei, ganz dem Text vertrauend. Das Gespräch der alten Männer, ihr Nachsinnen über das Verrinnen der Zeit prägt sich tief ein.

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