Kultur : Die Gnade der späten Niederlage

HARALD MARTENSTEIN

EIN SPIEL DAUERT 90 MINUTEN UND EIN BIßCHEN WAS .Bei Fußballtoren, die in der 93.Minute fallen, denkt man in Berlin natürlich sofort an das Jahr 1762.Im siebenjährigen Krieg lief die 93.Minute, die Preußen hatten längst verloren.Da starb die böse Zarin Elisabeth und Peter III.kam in Rußland ans Ruder, ein Fan des Preußenkönigs Friedrich.Ausgleichstor für Preußen, und Abpfiff.

Auch 1908, bei den Olympischen Spielen in London, passierte kurz vor dem Ende etwas Unerwartetes.Dorando Pietri, ein schmächtiger Pastetenbäcker aus Italien, dessen Namen nicht einmal den Sportexperten etwas sagte, übernahm die Führung im Marathonlauf.Pietri flog den Favoriten einfach davon.Er war großartig, ein Titan des Dauerlaufs.Die Londoner rasten vor Begeisterung.

Als er in das Stadion einbog, hatte Pietri knapp 42 Kilometer hinter sich und noch genau 400 Meter vor sich, seine Konkurrenten lagen weit hinter ihm.Da unterlief Dorando Pietri ein Irrtum.Er rannte in die verkehrte Richtung, denn in Sportstadien kannte er sich nicht so aus.Schiedsrichter gaben ihm aufgeregte Zeichen, der völlig erschöpfte Petri machte auf der Aschenbahn kehrt und passierte ein zweites Mal das Eingangstor.In diesem Moment zerbrach etwas in ihm, er kam aus dem Takt, er stolperte, er stürzte.Fünf Mal fiel Pietri.Genau fünf Meter vor dem Ziel blieb er endgültig liegen.Und der zweite Läufer, ein Amerikaner, bog durch das Eingangstor ins Stadion.Ein paar Helfer, die Pietris Leiden nicht mitansehen konnten und der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen wollten, richteten den Italiener auf und schubsten ihn über die Ziellinie.Dort fiel Pietri in eine tiefe Ohnmacht.

Natürlich wurde Dorando Pietri disqualifiziert, der Amerikaner bekam die Goldmedaille.Aber heute kennt den Namen des Goldmedaillengewinners niemand mehr, der Pastetenbäcker Pietri dagegen ist unsterblich geworden.So ist das manchmal mit den Verlierern.Verlierer sind oft Sieger, nicht nur im Kino.Verlieren wird für den Verlierer zum Gewinn, wenn es heroisch geschieht, oder spektakulär, oder wenn das Publikum die Niederlage als ungerecht empfindet.

Erfolg ist alles, heißt es oft.Aber bei näherem Hinsehen stimmt das nicht.Die meisten von uns wollen, daß man sie sympathisch findet.Und die meisten Sportler träumen von der Unsterblichkeit, wahrscheinlich tut das sogar der supercoole Mario Basler.Beides, Unsterblichkeit und allgemeine Zuneigung, können Verlierer genauso erreichen wie Sieger.

Im wichtigsten Fußballspiel des Jahres, dem Endspiel der Champions League, hat Bayern München gegen Manchester gut gespielt und bis fünf Meter vor dem Ziel geführt.Dann fielen kurz vor Spielschluß innerhalb von 118 Sekunden diese zwei vermaledeiten Tore, und Bayern hatte verloren.Pech.Überraschend.Ein bißchen ungerecht.Bisher galt Bayern, außerhalb von München jedenfalls, als eine zwar effektive, aber seelenlose Fußballmaschine - hochgezüchtet, arrogant, unsympathisch.Den Bayern mißgönnten viele ihr Erfolge.Außerdem hatten sie unverschämtes Glück.Wie oft haben sie Spiele in letzter Minute gewonnen, oder in der Nachspielzeit, mit läppischen Kuller-Toren gegen aufopferungsvoll kämpfende Gegenmannschaften.Auch im Halbfinale, gegen Kiew, hatten sie Glück.

Die unglückliche, verrückte Niederlage gegen Manchester verleiht den glamourösen Bayern jetzt den Hauch von Tragik, den dekorativen Schimmer des Scheiterns, der zur Abrundung ihres Heldenbildes noch gefehlt hat.Sie sind also doch keine Roboter.Jetzt wirken sie so sympathisch wie Helmut Kohl nach seiner Wahlniederlage.Ein Lothar Matthäus wird niemals Champions-League-Sieger sein! Ein Schelm, wer da nicht traurig ist.Aber sogar bei eingefleischten Bayern-Hassern wird diesmal die Schadenfreude von Respekt überlagert.Auf lange Sicht gesehen, ist die Niederlage von Barcelona wahrscheinlich ein Glücksfall.

Sie haben gut verloren.Auch das war wichtig für ihr Image.Es gab keine unbeherrschten, besserwisserischen Schuldzuweisungen an den Schiedsrichter, keine Verschwörungstheorien, wie bei Berti Vogts nach dem verlorenen WM-Spiel gegen Kroatien.Anders als sein Trainer-Kollege Otto Rehhagel hat Ottmar Hitzfeld in seiner bittersten Niederlage perfekt die Contenance gewahrt.

Wahrscheinlich wird diese Niederlage legendär werden.Und allen, die fragen, was ein Fußballspiel mit Kultur zu tun hat, muß man natürlich genau diese Antwort geben: die modernen Legenden entstehen meistens auf den Sportplätzen - und nicht auf den Schlachtfeldern, die keine Helden mehr hervorbringen, nur Kollateralschäden.In den vergangenen Jahrzehnten hatte sich das Wort vom "Kriegsersatz" eingebürgert: Im Sport, vor allem im Fußball, lebten die Völker auf eine vergleichsweise harmlose Art Aggressionen aus, die in früheren Jahrhunderten in Kriegen ausgefochten wurden.Auf so eine Idee konnte man in optimistischen Friedenszeiten kommen.Man hört diese Theorie nicht mehr oft.Inzwischen haben wir lernen müssen, daß Krieg auch in Europa keine Sache vergangener Jahrhunderte ist, daß Krieg und Fußball einander nicht ausschließen, und daß die Unterschiede zwischen modernem Fußball und modernem Krieg größer sind, als man vermutete.

Übrigens: das "Aktuelle Sportstudio" kommt am Sonnabend aus der Opel-Fabrik in Rüsselsheim.Opel ist Sponsor der Bayern.Die Mannschaft will komplett dabeisein.Bis zum Jahr 2002 wird Opel in Rüsselsheim eine neue Fabrik bauen, in der dann leider nur noch 6000 der bisher 10 000 Beschäftigten gebraucht werden.Pech.Überraschend.Ein bißchen ungerecht.Es werden also die Verlierer unter sich sein, am Sonnabend im Opel-Werk.Wetten, daß die Stimmung prächtig sein wird?

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