Kultur : Die Götter bitten zur Kasse

Thomas Wegmann

Ein Gespenst geht um in der globalisierten Welt – das Gespenst der Ökonomisierung. Die Börse scheint übermächtig, der Markt allgegenwärtig und der gute alte Mensch zum schnöden Humankapital mutiert – Themen, die neuerdings (wieder) durch die Literatur geistern. Anne Weber etwa erzählt nicht nur von einem modernen Großraumbüro; ihr Text „Gold im Mund“ entstand auch in einem solchen – fast eine Feldstudie. Der argentinische Schriftsteller Ricardo Piglia hingegen fühlt sich von der verklausulierten Wirtschaftssprache an verschlüsselte Götterbotschaften erinnert. Kann Literatur, die sich mit den neuen Arbeitswelten beschäftigt, da Aufklärung verheißen?

Solchen Fragen widmeten sich am Wochenende die Literaturtage des Zentrums für Literaturforschung. Organisiert von Ulrike Vedder, führten sie Schriftsteller, Kritiker und Wissenschaftler zu Lesungen, Vorträgen und Gesprächen ins Berliner Literaturhaus. Gleich am ersten Abend diskutierte das Podium die literarische Kritik an der ökonomischen Kultur. „Spiegel“-Autor Dirk Kurbjuweit zeigte sich erschrocken, wie allgegenwärtig ein Effizienzdenken geworden ist, das weder vor Schulen und Krankenhäusern noch vor dem eigenen Kopf Halt mache.

Die Schriftstellerin Kathrin Röggla („Wir schlafen nicht“) hingegen hielt es mit den Widersprüchen: auf der einen Seite der „Rausch des fiktiven Kapitals“ und die Sprechweisen hoch bezahlter Manager; auf der anderen Seite die Arbeitslosen, denen sie in ihrem Neuköllner Alltag begegne. Auch Rainer Merkel („Das Jahr der Wunder“) verwies darauf, dass es seit einigen Jahren schick sei, möglichst viel zu arbeiten.

Da grüßte von fern der Soziologe Niklas Luhmann, der einmal befand: „Erst eine Gesellschaft mit Geldwirtschaft kann den fantastischen Gedanken aufbringen, Arbeit sei knapp und deshalb begehrenswert.“ Doch solchen Zusammenhängen systematischer nachzugehen, versäumte die Diskussion. Da suchten vier Personen das Gespenst der Ökonomisierung, öffneten mal diese und mal jene Tür, entdeckten aber nicht viel mehr als Aperçus.

Hinter dem Gespenst den ökonomischen Menschen zu enttarnen, blieb dem Kultur- und Literaturwissenschaftler Joseph Vogl vorbehalten. Er zeigte in einem konzisen Vortrag die Geburt des homo oeconomicus aus dem Geist der doppelten Buchführung, die dank der Totalerfassung von Ereignissen Zufälle in kalkulierbare Risiken verwandle und ein Subjekt auf den Plan rufe, das sich ständig selbst Rechenschaft ablege. Dem dabei waltenden Verzicht auf Grundsätzliches (Gewinne und Verluste statt Wahrheit und Lüge) verdanke diese unersättliche und buchstäblich staatsfeindliche Figur ihren Erfolg: Bis heute sei der ökonomische Mensch das haltbarste Exemplar unter all jenen Versuchen, einen „neuen“ Menschen in Aussicht zu stellen.

Der Schriftsteller Georg Klein entdeckte in sich selbst Strukturen des Kapitalismus, weswegen er auf diesen auch nicht mit einer Pumpgun feuern wollte: Er könne sich schließlich selbst treffen. Auch Ernst-Wilhelm Händler („Wenn wir sterben“) mochte im Künstler nicht das Andere des Marktes, wohl aber den Markt als Künstler mit anderen Augen sehen. Gut, der Mann ist Unternehmer in Sachen Leichtmetall und Schriftsteller. Als aber bei der Lesung von Anne Weber die Arbeitswelt der Angestellten zu sehr nach Gefängnis klang, bat ein Herr aus dem Publikum, die Paradiesvögel aus der Kunst möchten doch bitte auch von den Freiheiten des Dschungels vorsingen.

Vielleicht liegt hier die eigentliche Crux gegenwärtiger Literatur: Sie ist nicht mehr Literatur für alle, sondern Zielgruppenliteratur, die unterschiedlichste Wünsche erfüllt, vom Gesang der Paradiesvögel bis zur Kritik am Kapitalismus. Die große Samstagabendshow ist auch in der Dichtung passé.

Der Kunstarbeiter und der Werktätige haben sich jedenfalls ein ganzes Stück weit angenähert. Rainer Merkel titulierte sich schon einmal launig als seinen eigenen Arbeitgeber, der sich – je nach Tagesleistung – belohne oder bestrafe. Ob der Arbeitnehmer Merkel irgendwann gegen seinen Chef aufbegehren wird?

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